Helios-Klinik zeigt: Jeder kann Leben retten

Herzberg.  Die Woche der Wiederbelebung vom 14. bis 20. September hat das Ziel, Laien zu schulen und dabei Ängste abzubauen.

An Übungspuppen machen sich Kursteilnehmer mit der Technik der Wiederbelebung vertraut.

An Übungspuppen machen sich Kursteilnehmer mit der Technik der Wiederbelebung vertraut.

Foto: Arno Burgi / dpa

Jährlich erleiden mehr als 50.000 Menschen in Deutschland einen Herzstillstand außerhalb eines Krankenhauses, mit Hilfe von sofort eingeleiteter Laien-Reanimation verdoppelt sich die Überlebenschance der Betroffenen. Das teilt die Helios-Klinik Herzberg/Osterode mit, die ab Montag, 14. September, in verschiedenen Videos zeigt, wie die Herzdruckmassage funktioniert und besondere Tipps für einzelne Patientengruppen gibt.

„Beim Herzstillstand sind Betroffene auf schnelle Hilfe angewiesen: Bereits nach drei Minuten wird das Gehirn nicht mehr genug mit Sauerstoff versorgt, nach fünf Minuten wird ein Überleben unwahrscheinlich. Durch eine Herzdruckmassage werden die Überlebenschancen verdoppelt oder sogar verdreifacht“, sagt Kerstin Achmus-Stenz, Chefärztin der Anästhesie und Intensivmedizin.

Notärzte und Rettungskräfte erleben immer wieder, dass viele Menschen nicht helfen. Häufig scheitert die Hilfe daran, dass es Unsicherheiten gibt, was genau zu tun ist, oder das Ängste bestehen, dem Betroffenen zu schaden. „Viele haben Angst, etwas falsch zu machen oder handeln nicht, weil sie unzureichende Erste-Hilfe-Kenntnisse haben. Dabei ist helfen ganz einfach: Prüfen, Rufen, Drücken!“, so die erfahrene Rettungsmedizinerin.

Prüfen, Rufen, Drücken

Prüfen, Rufen, Drücken – damit ist die einfache Kette von Abläufen gemeint, die jeder im Kopf haben sollte. Wer eine leblose Person findet, sollte zunächst prüfen: Atmet die Person, ist sie ansprechbar? Nein – dann sofort Hilfe rufen: die 112 wählen oder weitere Helfende alarmieren, die dann den Notruf absetzen. Wenn der Ersthelfer selbst anruft: Ruhig bleiben und die Fragen der Leitstelle beantworten. Und nicht auflegen. Der Gesprächspartner aus der Leitstelle wird genau sagen, was zu tun ist, und gleichzeitig Hilfe schicken.

Dann mit der Herzdruckmassage beginnen: den Brustkorb freimachen, den Handballen auf die Mitte der Brust legen, den Ballen der anderen Hand darüber. Finger verschränken. Arme durchgestreckt halten und senkrecht mit den Schultern über den Druckpunkt gehen. So kann am besten Kraft ausgeübt werden. Das Brustbein fünf bis sechs Zentimeter nach unten drücken – und das 100 bis 120 mal pro Minute. Nicht aufhören bis der Rettungsdienst eintrifft. Falls die Kraft ausgeht, von einem anderen Ersthelfer ablösen lassen.

„Durch die Herzdruckmassage wird die Pumpfunktion des stillstehenden Herzens ersetzt, das Blut weiterhin durch die Adern gepumpt und damit die Sauerstoffversorgung des Gehirns aufrechterhalten“, erläutert Dr. Achmus-Stenz.

Digitales Informationsangebot

In den vergangenen Jahren haben an vielen Kliniken in Deutschland Kurse und Schulungen stattgefunden, in denen sich jeder Interessierte an lebensgroßen Übungspuppen mit der Technik der Wiederbelebung vertraut machen konnte. Die Helios-Klinik in Herzberg hat in den vergangenen Jahren beispielsweise Schulklassen und verschiedene Unternehmen der Region geschult.

Da dies derzeit aufgrund der Abstandsregelungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nicht möglich sein wird, haben sich die Helios-Kliniken der Region West zusammengeschlossen und Schulungsvideos gedreht, die die Herzdruckmassage zeigen und dabei außerdem auf Besonderheiten eingehen, die bei Kindern, Allergikern, älteren oder chronisch kranken Menschen beachtet werden sollten. Mit den Videos möchten die Kliniken Hemmschwellen abbauen und Wissen über lebensentscheidende Sofortmaßnahmen vermitteln.

Die Videos sind über die Klinikhomepage und den Facebook-Account der Helios-Klinik Herzberg/Osterode abrufbar.

Hintergrund: DRK rät, Erste-Hilfe-Kenntnisse alle zwei Jahre aufzufrischen

Im Notfall Erste Hilfe zu leisten, kann Leben retten. Doch die Kenntnisse darüber sind bei vielen Menschen veraltet: Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) liegt der letzte Erste-Hilfe-Kursus bei mehr als der Hälfte der Befragten (51,4 Prozent) schon über zehn Jahre zurück. Das teilt das DRK mit.

Je älter die Befragten sind, desto länger ist der Lehrgang her. „Die Zahlen deuten darauf hin, dass die meisten seit dem Erlangen des Führerscheins keinen Erste-Hilfe-Kurs mehr absolviert haben. Das ist fatal, denn gerade im Straßenverkehr sollte man wissen, wie man in Notfällen helfen kann – über das Absetzen eines Notrufs 112 hinaus. Wir raten daher Autofahrerinnen und Autofahrern, alle zwei bis drei Jahre die eigenen Erste-Hilfe-Kenntnisse aufzufrischen“, sagt DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt anlässlich des Welt-Erste-Hilfe-Tages, der am Samstag stattfand.

Viele Menschen wünschen sich sogar eine gesetzliche Pflicht, die vorschreibt, dass Autofahrer in regelmäßigen Abständen einen ErsteHilfe-Kursus besuchen müssen: laut Studie mehr als zwei Drittel der Befragten (67,1 Prozent). „Wir appellieren hier aber an die Verantwortung aller, ob Verkehrsteilnehmende oder nicht, denn Unfälle können überall passieren, auch beim Sport oder zu Hause“, sagt Hasselfeldt weiter.

Immerhin: Fast zwei Drittel der Befragten (61,3 Prozent) würde sich zutrauen, Wiederbelebungsmaßnahmen an einem Verletzten durchzuführen. Rund ein Drittel (26,6 Prozent) würde sich dies nicht trauen. Deswegen seien die Kurse so wichtig, erklärt Hasselfeldt: „Sie helfen dabei, die Scheu zu überwinden, etwas falsch zu machen. In den Schulungen kann man sich in Ruhe auf eine Notsituation vorbereiten und dann im Ernstfall dazu beitragen, dass der oder die Verletzte bestmöglich versorgt wird und dadurch bleibende Schäden verhindert oder verringert werden.“

In Zeiten der Corona-Pandemie ist Erste Hilfe weiterhin möglich, auch wenn rund 33 Prozent der Befragten Sorge hätten, sich dabei zu infizieren. Hasselfeldt: „Um eine Ansteckung zu vermeiden, sollten Mund und Nase der hilfebedürftigen Person mit einem Tuch abgedeckt und auch das eigene Gesicht geschützt werden. Den Notruf 112 anzurufen und die Person zu beruhigen, sind wichtige Hilfeleistungen und auch auf Distanz möglich.“

Die repräsentative Umfrage wurde Anfang August 2020 im Auftrag des DRK durchgeführt.

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