Interview mit Amir P: „Ich mache Rap für die Generation Ü30“

Hamburg  Mit „Happy End“ hat Amir P das bislang beste deutsche HipHop-Album des Jahres vorgelegt – wie er selber sagt.

Rapper Amir P ist in Bad Sachsa aufgewachsen. 

Rapper Amir P ist in Bad Sachsa aufgewachsen. 

Foto: Screenshot / Privat

Aufgewachsen in Bad Sachsa im Südharz, zuhause in Hamburg – und mit ganz viel Liebe zur Musik unterwegs. Amir Brecht ist nicht nur Radiomoderator, sondern steht unter dem Namen Amir P auch als Rapper auf der Bühne. Mit „Happy End“ hat er nun sein neues Album veröffentlicht. Hören kann man die Platte als Stream über Apple Music, Youtube und demnächst auch auf Spotify. Über die Plattform Bandcamp kann das Album zum einen gehört, zum anderen auch auf den heimischen PC heruntergeladen werden.

Als CD wird es das Album höchstwahrscheinlich nicht geben, dafür plant Amir aber eine andere, ganz spezielle Version. „Es wird Tapes geben, um dann wie früher im Walkman die Musik zu hören. Also richtig Oldschool“, erzählt er. Im Interview berichtet der 40-Jährige über kreative Schübe im Sommer und den Einfluss seines Sohnes auf die Musik.

Du sprichst selbst, mit einer Portion Selbstironie, vom bislang besten deutschen HipHop-Album des Jahres 2021. Mal ganz ehrlich, wie zufrieden bist du mit dem Album?

Natürlich ist es ein witziger Spruch, bestes Album 2021, das Jahr hat gerade angefangen. Aber es steckt tatsächlich auch ein bisschen Überzeugung dahinter. Ich hab das so formuliert, kurz nachdem ich das Feedback von einem Freund hier aus Hamburg bekommen habe. Er hat das Album durchgehört und meinte, das wäre eines der besten Werke, das er seit langem gehört hat. Das hat mir wohl einen kleinen Höhenflug verpasst (lacht).

Auf dem Album gibt es eine Menge Features mit anderen Künstlern. Wie kann man sich so eine Zusammenarbeit vorstellen, besonders in Zeiten von Corona? Rufst du die Kollegen an und sagst, ich hab hier einen coolen Track oder einen fetten Beat, möchtest du ein paar Zeilen machen? Wie funktioniert das?

Gerade durch Corona war es schon ein besonderes Jahr. Da war es nicht so oft möglich, dass ich mit Leuten persönlich im Studio war. Die meisten Features auf dem Album sind mit Weggefährten von früher. Zum Beispiel mein Kumpel Ulf, mit ihm hab ich schon 1999 im Keller des Pädagogiums in Bad Sachsa Freestyle-Sessions gemacht und jetzt auf dem Album wieder ein Lied. Ihm hab ich einen Beat nach Berlin rübergeschickt und gefragt, ob er Lust hat. Ich hatte da selber auch schon einen Part aufgenommen, er wusste also, in welche Richtung das musikalisch geht. Da ist es für den Anderen auch leichter zu sagen, da mache ich was draus, als wenn man ein weißes Blatt verschickt.

Das heißt, viel lief dann über WhatsApp und E-Mail?

Genau! Wobei ich mit drei Leuten auch bei mir im Studio war. Zwischen den Lockdowns gab es ja eine Phase, in der man sich wieder treffen konnte. Das waren dann Leute aus Hamburg und der Umgebung, die in dem kleinen Studio, das ich anmiete, vorbei gekommen sind. Bei „Friss oder Stirb“ zusammen mit CoreOne hatten wir beide erst einen halbfertigen Text und ein paar Stichworte. Wir haben uns dann zusammen gesetzt, gejammt, die Texte geschrieben und den Song aufgenommen – so ist es eigentlich das Schönste und Spannendste.

Du bist seit rund eineinhalb Jahren stolzer Papa, welchen Einfluss hatte das auf deine Texte und die Musik?

Ich glaube, das hat mich sowohl unterschwellig als auch ganz aktiv beeinflusst. Viele sagen, das Album klingt sehr erwachsen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich Vater geworden bin – das macht etwas mit einem. Zum anderen hat es mich auch total beflügelt. Ich habe mich die ersten Wochen und Monate, neben dem Job, sehr viel mit der Familie befasst, die Musik ruhte in der Zeit ein bisschen. Und auf einmal hat es mich richtig gepackt, die Muse hat mich geküsst (lacht). Mitte des Jahres hab ich viele Songs gemacht, da kam vieles raus, was sich durch die musikalische Pause angestaut hatte – das war aber ein total positiver Effekt. Da kamen echt noch einmal starke Songs! Generell hatte ich letztes Jahr, trotz Corona, einen sehr positiven Drive, eben durch die Familie zu Hause und meinen kleinen Sohn. Das hat mich, ich sag das mal in HipHop-Sprache, einfach auf einen coolen Vibe gebracht. Bei einem Song („Kopf durch die Wand“) ist sogar ein Lacher von meinem Sohn zu hören, das ist schon ein kleines Highlight.

Video: Amir P – Das Lied brennt

Wie würdest du denn selber deinen Stil beschreiben? Kann man das einordnen?

Ich denke schon. Ganz grob würde ich sagen, es ist Rap für die Generation Ü30. Aber natürlich kann jeder das Album hören (lacht). Ich bin letztes Jahr 40 geworden, es ist musikalisch viel in die Richtung Oldschool, 90er Jahre oder frühe 2000er. Das ist grob der stilistische Zeitrahmen, aber mit modernen Texten. Allerdings ist es weit weg von dem, was momentan in den Charts drin ist. Da wird viel auf Gesang geachtet und langsame Beats, die Texte drehen sich viel um Party, Drogen und gangstermäßig auch Gewalt. Bei mir ist es eine kleine Insel, auf der ich mein eigenes Ding mache – musikalisch im Retro-90er-Bereich und inhaltlich mit dem, was bei mir abgeht. Da geht es um viel Wortwitz, manchmal emotionale Sachen und manchmal auch einfach ein bisschen Rumgeblödel. Deswegen würde ich es wirklich runterbrechen auf Rap für die Ü30-Generation, die mit Fettes Brot, Dendemann oder Samy Deluxe aufgewachsen ist.

Sind das auch die Künstler, die dich selber von Anfang an begleitet und beeinflusst haben?

Definitiv. Ich hab grob 1997 angefangen, selber etwas in die Richtung Rap zu machen. Am Anfang noch nicht auf einem ernsthaften Level, da war es mehr Spielerei mit dem Freestylen. Damals hab ich viel Fettes Brot, MC Rene, Beginner oder Deichkind gehört, das erste Album von denen war auch sehr hiphoppig. Das waren schon die Einflüsse – allerdings gab es auch US-Sachen, die mich immer sehr stark beeinflusst haben. Maßgeblich solche Leute wie Eminem oder Busta Rhymes, die total virtuos mit ihren Wörtern, den Flows und der Rhythmik umgegangen sind. Das war das US-Pendant, was mich schon immer total geflasht hat.

Man merkt, dass Musik bei dir eine große Rolle spielt – und das ja auch in deinem Job als Moderator bei Bremen Next. Wie und wann kann man dich denn im Südharz hören?

Wir sind ein regionaler Sender, daher empfängt man uns über UKW in Herzberg wohl eher nicht. Aber fast jeder hat inzwischen einen Internetanschluss oder vielleicht auch schon ein DAB+ Radio. Dort gibt es Bremen Next, und natürlich haben wir auch einen Livestream. Wenn man mich hören möchte: Ich gehöre zu einem von zwei Morning Show-Teams. Wir sind immer in den ungeraden Kalenderwochen montags bis freitags von 6 bis 10 Uhr auf Sendung.

Infos zum Album: Auf der Plattform Bandcamp kann das Album online gehört und als Digital Album in höchster MP3-Qualität als Download erworben werden.

Zur Single „Das Lied brennt“ hat Amir ein Video gedreht, das auf Youtube zu finden ist. Über beide Plattformen kann man mit Amir auch in Kontakt treten.

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