Wenn Metal zum Weitermachen motiviert – trotz Rollstuhl

Bad Lauterberg  Nach einem Unfall half Marcel Hertwig die Musik über eine schwere Zeit hinweg. Jetzt soll es wieder eine eigene Band sein, denn es geht weiter.

Marcel Hertwig im Backstage-Bereich des Rockharz Open Airs mit Max Cavalera, Ex-Fronter von Sepultura und Gründer der Band Soulfly.

Marcel Hertwig im Backstage-Bereich des Rockharz Open Airs mit Max Cavalera, Ex-Fronter von Sepultura und Gründer der Band Soulfly.

Foto: Privat

Marcel Hertwig ist das, was man eine Kämpfernatur nennt. Der 27-jährige Bad Lauterberger liebt Metal. Früher hatte er eine Band, bestehend aus ihm und fünf seiner Freunde. Sie haben sich im Hardcore- und Punkgenre angesiedelt, Marcel übernahm seinerzeit das Screaming und den Gesang als zweite Stimme in der Band. „Ich habe schon immer Musik gemacht“, erzählt er. Die wenigen inoffiziellen Auftritte seiner Band, die er genießen konnte, waren vor Freunden im Proberaum. „Musik war unser Hobby. Wir waren als Band noch in der Findungsphase.“ Wer weiß, was die Band gemeinsam noch alles gefunden hätte – wenn nicht der Unfall gewesen wäre. 2012 verunglückte Marcel Hertwig mit seinem Firmenwagen auf eisglatter Straße schwer. Drei Monate lag er im Koma. Er erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma dritten Grades. Zwei Mal mussten die Ärzte ihn reanimieren. Zu seiner Familie sagten sie damals: „Sie können jetzt nichts mehr tun. Außer beten.“ Doch Marcel wachte wieder auf. Musste eine Odyssee durch Krankenhäuser und Spezialkliniken mitmachen, später lebte er in Wohngruppen für betreutes Wohnen, bevor sein Vater ihn nach fortgeschrittener Genesung nach Hause holte. Dafür ist Marcel seinem Vater unheimlich dankbar – und stolz, dass er ihm diese Möglichkeit gegeben hat, wie er sagt.

Heute, sieben Jahre später, sitzt der junge Mann im Rollstuhl. Er denkt sogar daran, irgendwann wieder laufen zu können. Seine Ärzte sagen heute über ihn: „Herr Hertwig, Sie widersprechen jeder Studie.“ Die Zeit war hart, sagt Marcel Hertwig. Verdammt hart. Vor allem psychisch. So hart, dass er versuchte, sich das Leben zu nehmen. Es sei vor allem das Umfeld und die Akzeptanz in der Gesellschaft gewesen, die ihn an den Rand des Aushaltbaren getrieben hätten, erklärt er. „Die Akzeptanz von Behinderungen ist tatsächlich immer noch ziemlich schwer in der Gesellschaft, man wird sehr schnell in eine Schublade gesteckt“, weiß er. Dabei könne es jeden treffen. „Ich wünsche mir, dass sich gesunde Menschen da einfach mal Gedanken drüber machen.“

Die Musik war immer da

In all den Jahren, vor allem in der Zeit auf Intensivstationen und Krankenhäusern, hat er eines nie vergessen: „Der Gedanke an die Musik war nie weg. Die Musik, Metal, das war mein Weg nach draußen. Das hat mir geholfen“, sagt Marcel Hertwig. Oft habe er im Bett gelegen, mit Ohrstöpseln im Ohr, und habe seine Musik gehört. „Man darf nie aufgeben“, sagt er. „Man muss immer weiter machen.“ Obwohl die allerersten Minuten im Rollstuhl für ihn eine Qual waren, erinnert er sich.

„Dann habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe die mir gezeigten Übungen zuhause vernachlässigt.“ Jetzt ist es anders. Jetzt konzentriert er sich darauf, sich weiter zu erholen, Fortschritte zu machen.

Mit dem Leben im Rollstuhl und der Vergangenheit geht der junge Mann offensiv um. Und er schaut positiv in die Zukunft. Studiert hat Marcel Hertwig Architektur. Arbeiten kann er derzeit noch nicht wieder. Doch er strebt es an: „Ich könnte mir vorstellen, umzuschulen und eine Ausbildung zum Mediengestalter zu machen. Oder, aufgrund meiner ganzen Erlebnisse, könnte ich mir auch vorstellen, in Richtung Psychologie zu wechseln.“ Er würde dann gerne vor allem Menschen helfen, die ähnliches erlebt haben, wie er selbst. „Die meisten Psychologen wissen doch gar nicht, wie sich das anfühlt. Aber ich habe es erlebt“, beschreibt er die Motivation.

Auf der Suche nach Musikern

Ebenso offensiv sucht er jetzt nach Interessierten, die mit ihm zusammen wieder eine Band gründen wollen. Was die Stilrichtung der Musik angeht, sei er aber offen – rockig soll es sein, oder metallisch. Jedenfalls sollte es nicht in die Death-Metal-Richtung gehen, erklärt er. Das genretypische Growling sei ihm noch zu anstrengend. Marcel schwebt etwas in Richtung der Band System of a Down vor.

Aktuell sucht er für die Gründung einer Band aber noch alles: „Musiker, die Bock auf Metal haben, Sänger auch. Und einen Probenraum, am besten ebenerdig.“ Allerhöchstens zwei bis drei Stufen kann Marcel Hertwig mit seinem Rollstuhl bewältigen. Besser noch wäre es völlig ohne Treppenstufen. Ideal für ihn wäre außerdem eine Mitfahrgelegenheit zum Probenraum, sollte dieser weiter weg sein. Marcel könnte sich vorstellen, auch in der neuen Band wieder für den Gesang verantwortlich zu zeichnen oder sich um die Organisation der Band zu kümmern. „Ich bin für alles offen“, sagt er.

Ein junger Mann im Rollstuhl, der eine Metal-Band gründen will: Aufgeben ist für Marcel Hertwig offensichtlich heute keine Option. „Das Leben ist zu schön. Es lohnt sich.“

Wer mit Marcel Hertwig Kontakt aufnehmen möchte, kann das über Facebook oder unter Telefon 0151/40139201. Hier ist er am besten gegen Abend zu erreichen.

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