Patienten dürfen weiter behandelt werden

Osterode.  Physiotherapeuten leisten eine medizinisch relevante Grundversorgung, doch viele Praxen stehen vor Problemen.

Eine Physiotherapeutin behandelt einen Patienten.

Eine Physiotherapeutin behandelt einen Patienten.

Foto: Fotolia

Die am vergangenen Sonntag von Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt gegebenen Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus sowie die außerordentlichen Verfügungen des Landkreis Göttingen regeln derzeit eigentlich sehr eindeutig, welche Geschäfte noch geöffnet haben dürfen und wer zu schließen hat. Ärzte oder Apotheken, das ist klar, zählen zur notwendigen medizinischen Grundversorgung. Doch wie sieht es bei Geschäftsfeldern im Gesundheitsbereich aus, etwa bei den physiotherapeutischen Praxen?

In der Verfügung des Landkreises heißt es, Behandlungen sollten nicht weiter stattfinden, „außer in nicht aufschiebbaren Fällen“. Das Land Niedersachsen schränkt die Tätigkeit der Physiotherapiepraxen auf „medizinisch notwendige Anwendungen“ ein. Eindeutige Regelungen sind das jedoch beides nicht, stattdessen lassen die Formulierung Spielraum. Das macht beispielsweise Daniel Gross, Inhaber der gleichnamigen Praxis in Förste, deutlich: „Für mich heißt das, dass wir nur noch Notfallpatienten behandeln dürfen. Doch wer entscheidet, ob es sich um einen Notfall handelt? Eigentlich müssten alle Patienten jetzt zum Arzt, um sich einen Notfall bescheinigen zu lassen, das halte ich allerdings für eine sehr praxisferne Lösung.“

Wer ist ein Notfall, wer nicht?

Was klar ist: Behandelt werden dürften derzeit ohnehin nur Patienten, die über ein entsprechendes Rezept verfügen. Reine Wellnessbehandlungen oder Massagen, wie sie in vielen Praxen angeboten werden, sind momentan nicht erlaubt. In Förste haben Gross und sein Team letztlich selber ausgesiebt, was ein Notfall ist und wer daher aus dringend medizinischen Gründen weiterbehandelt wird. „Insgesamt haben wir momentan rund 90 Prozent des Praxisbetriebs eingestellt“, sagt Gross.

Andere Praxen gehen noch weiter, schließen komplett oder planen in Kürze vorübergehend zu schließen. So zum Beispiel die Praxis von Jörg Schmidt in Herzberg. Hier war der Betrieb ohnehin schon eingeschränkt, da keine Hausbesuche in den Pflegeheimen mehr erlaubt sind. „Momentan wird es von Tag zu Tag weniger“, erläutert er. Zwar konnte er in seiner Praxis eine Art Eingangsschleuse einrichten, in der sich die Patienten die Hände waschen und desinfizieren können, viele seien aber trotzdem in Sorge, da sie zur sogenannten Risikogruppe zählen. „Wir haben viele ältere Patienten, da ist es verständlich, dass bei denen eine Infektions-Angst vorhanden ist“, sagt Schmidt.

Die Situation sei nur schwer überschaubar, betont der Herzberger. Ab kommender Woche werde wohl auch er die Praxis vorübergehend schließen und für seine Angestellten möglicherweise Kurzarbeitergeld beantragen, um die Ausfälle abzufedern. „Die Gefahr ist schon da, dass einige Praxen die nächste Zeit wirtschaftlich nicht überleben“, verdeutlicht Schmidt die ernste Lage.

Kurzarbeit beantragt

Daniel Gross hat bereits Kurzarbeitergeld beantragt. „Ich hoffe, dass greift nun auch zügig und ohne Umstände“, sagt er. Der Förster hat vor, die 60 beziehungsweise 67 Prozent, die seine Angestellten erhalten, aus eigenen Mitteln aufzustocken. Es gelte jedoch auch, die laufenden Kosten im Auge zu behalten. Zwar habe er ein Polster aufbauen können. „Aber auch das ist irgendwann aufgebraucht.“ Welche finanzielle Unterstützung von der Politik möglicherweise für die Praxen vorgesehen ist, stehe noch nicht fest.

„Dr. Roy Kühne hat uns zwar vergangene Woche in einem Webinar berichtet, dass es Rettungsschirme geben soll, aber keiner weiß momentan genau, wie das funktionieren wird“, gibt Gross zu bedenken, zumal niemand wisse, wie lange die aktuellen Einschränkungen gelten werden. „Ich wüsste nicht, welche Wunderheilung passieren sollte, dass in zwei Wochen wieder alles normal läuft“, sagt er und geht eher von einem Minimum von vier Wochen aus, ehe die Vorgaben wieder gelockert werden.

Existenzängste der Praxen

Unter den derzeitigen Bedingungen hat auch die Praxis Hartmann (Physiotherapie, Osteopathie, Naturheilverfahren) in Osterode zu leiden. „Wir gehören zu den systemrelevanten Berufen und dürfen unter Einhaltung der Hygienevorschriften alle ärztlich verordneten Behandlungen auf Rezept durchführen“, sagt Inhaber Kai Lüer, schränkt aber ein: „Obwohl wir arbeiten dürfen, sind bei uns große Existenzängste da. Wir mussten sämtliche Kurse einstellen, haben unsere Fußpflege geschlossen, genauso unseren Selbstzahlertrainingsbereich. In Alten- und Pflegeheimen können wir zur Zeit nicht tätig sein.“

Auch bei Rezeptpatienten gebe es Einschränkungen, erläutert Lüer. „Wir haben von uns aus Risikopatienten den Termin abgesagt und viele andere Patienten sagen aus Vorsicht ihre Behandlung ab“, berichtet er, macht zugleich aber klar: „Wir als Therapeuten wollen vor Ort für die Patienten da sein!“ Eine missverständliche Kommunikation auf vielen Kanälen habe allerdings auch dazu geführt, dass Patienten generell ihren Termin wahrnehmen würden, aber denken, dass die Praxen schließen mussten. „Auch Ärzte sind unschlüssig, ob wir arbeiten“, hat Lüer beobachtet.

In der Osteroder Praxis haben Lüer und seine Mitarbeiter alle Vorkehrungen bei den hygienischen Maßnahmen getroffen, um ein Risiko für sich und die Patienten zu minimieren. Teilweise seien bei der Organisation der Schutzkleidung und des Mundschutzes aber kreative Wege notwendig gewesen. Umso mehr freut es ihn, welche Unterstützung aus der Gesellschaft kommt. So hat etwa ein Tattoostudio aus Northeim von sich aus Handschuhe und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. „Vielleicht können wir nicht direkt Leben retten, aber wenn wir mit unserer Behandlung dafür sorgen, dass zum Beispiel eine Krankenschwester weiter arbeiten gehen kann, ist das auch viel wert“, will Lüer seinen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten.

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