Poetry Slam: Malte stellt sich dem Wettstreit der Dichter

Mein perfektes Wochenende: Malte Bei der Wieden hat Poetry Slam für sich entdeckt. Er erobert die Bühnen unserer Region.

Malte Bei der Wieden aus Braunschweig stand unter anderem bei der Reihe „Villa mit Stiel“ in Wolfenbüttel auf der Bühne.

Malte Bei der Wieden aus Braunschweig stand unter anderem bei der Reihe „Villa mit Stiel“ in Wolfenbüttel auf der Bühne.

Foto: Philipp Sander

Es geht um fünf, vielleicht sechs Minuten. Ein Wettbewerb auf der Bühne. Mit eigenen Worten, Text gegen Text. Die Themen? Sind sehr vielfältig. „Jeder hat etwas zu erzählen“, sagt Malte Bei der Wieden. Der 23-Jährige aus Braunschweig hat vor ein paar Jahren Blut geleckt und Poetry Slam für sich entdeckt.

Während bei einem Poetry Slam aus reinem Spaß schon mal einfach das Kleingedruckte auf einer Chips-tüte vorgelesen wird, arbeitet Bei der Wieden systematischer. Er studiert Nachhaltige Energietechnik an der TU Braunschweig. Eine gewisse Akribie liegt da nahe.

Etwa eine Woche braucht er für einen neuen Text. „Da schlafe ich einige Male drüber“, sagt der gebürtige Wolfenbütteler. Nach und nach kommen die Ideen. Er sammelt am Schreibtisch Wortspiele, Reime, bringt seine Ideen zu Papier, feilt immer wieder an den Texten. In der Oberstufe hatte er Latein als Leistungskurs. Seine Eltern arbeiten beide als Archivare. Die Genauigkeit bei der Entstehung der Texte ist wohl kein Zufall. „Irgendwann kommt dann der Flow“, sagt er.

Zehn Geschichten hat er mittlerweile beisammen. Mit denen ist er nun unterwegs auf den Kleinkunst-Bühnen unserer Region.

Es handelt sich nicht um explosive Performance-Poesie, es sind knackige Kurzgeschichten. Bei der Wieden ist eher der ruhige Typ, spricht mit tiefer Stimme. In seinen Texten sucht man Kalauer wie bei Fips Asmussen vergebens. Eine „Kennen-Sie-den?“-Aneinanderreihung bringt Bei der Wieden also nicht. Eher Ironie.

Einfühlsame Lyrik ist auch nicht so sein Ding, es dreht sich mehr um Prosa. Bei der Wieden packt ans Ende jeder seiner Geschichten eine Moral. Wie bei seinem Text über den jungen „Walfisch Finn“. Es geht um einen Finnwal, der den anderen allzu sehr gleicht. Finn will aber nicht in der Masse untergehen, klagt Haien und Kois sein Leid. Er lebt in einer „Walblechsiedlung“ und geht im „Walmart“ einkaufen. Er lernt auf seiner Entdeckungstour eine „fromme Forelle“ kennen. Die fragt ihn, ob er auf einer „Walfahrt“ zu einem „Walfahrtsort“ sei. Die Geschichte ist ein Aufruf, sein eigenes Ding zu machen – auch gegen Widerstände. Es ist eine Geschichte wider dem Massengeschmack und Einheitstrott.

Zum 500. Reformations-Jahrestag Ende Oktober 2017 verfasste Bei der Wieden ein imaginäres „Reformations-Battlerap“ zwischen Martin Luther und Papst Leo X. In einem weiteren Text sammelte er Mathematik-Wortspiele. Auch sperrige Themen greift der Poetry Slamer also auf. Es geht ihm nicht darum, jemanden anderen schlecht zu machen, sondern darum, über sich zu sprechen, seine Sicht, Rede-ähnliche Monologe.

Für die literarische Qualität bei Slams gilt eine Grundregel: „Respect the poets.“ Ein Publikum hat andere Möglichkeiten, sagt Bei der Wieden: „Nichtbeachtung ist die allergrößte Strafe.“

Wenn er auf der Bühne ist, prusten die Zuhörer nicht laut los vor Lachen. Sie schmunzeln, hören aufmerksam zu. Seine eher nüchterne Art hielt ihn nicht davon ab, vom Braunschweiger Slam-Experten und Veranstalter Patrick Schmitz entdeckt zu werden. Der erkannte seinen Wortwitz und engagierte ihn unter anderem für den „Open Stage Slam“ in Barnaby’s Blues Bar in Braunschweig.

Sein Stil sei geprägt durch eine eher „trockene Vortragsweise“, sagt er selbst. „Ich mache keine Kunstpausen. Mein Vortragsstil ist eher robuster. Ich liebe trockenen Humor, flapsige Wortspiele.“ Dabei gebe er dem Publikum „nicht auf die Fresse. Ich gehe subtiler vor.“

Mittlerweile veranstaltet Bei der Wieden selbst Poetry Slams in Wolfenbüttel. Er gibt Anfänger-Workshops. „Poetry Slams sind ein niederschwelliges Instrument, um Leute auf die Bühne zu bekommen“, sagt er. Da ist es ihm völlig egal, dass es sich nicht um Hochkultur handelt. „Für mich ist Poetry Slam aber eindeutig Kunst. Es macht mir Spaß, mich mitzuteilen. Es ist ein sehr gutes Gefühl, wenn es dann auch auf der Bühne funktioniert.“

Poetry Slam hat für Bei der Wieden durchaus pädagogisches Potenzial. Wahrnehmungsschulung, Persönlichkeitsbildung, Urteilskraft – all das eigne man sich beim Schreiben und beim Vortrag an.

Seine Ziele? „Ich will an anderen Slams teilnehmen. In anderen Städten, auch außerhalb der Region.“ Er will unterhalten. Er will aber auch politisch sein. „Da ist ja das Schöne. Poetry Slam bietet beides.“

Bei der Wieden sieht sich und seine Mitstreiter in einer historischen Tradition. Schon Troubadoure traten im Mittelalter an den Höfen gegeneinander an.

Es gibt sogar einen deutschsprachigen Meister. Titelträger Jean-Philippe Kindler aus Bochum forderte jüngst wieder „mehr dadaistischeres und mutigeres Zeug“. Bei der Wieden antwortet darauf wie in seinen Texten ganz trocken: „Bei uns in Wolfenbüttel ist es schon mutig genug, wenn die Leute sich auf die Bühne stellen.“

Das ist Poetry Slam

Vor 25 Jahren schwappte Poetry Slam aus den USA nach Deutschland. Englischsprachige Schauspieler kamen in den Club „Ex’n’Pop“ nach Berlin-Schöneberg und traten dort auf. Beim modernen Dichterwettstreit treten Menschen mit selbst geschriebenen Texten gegeneinander an. Den ersten Poetry Slam in Braunschweig gab es 1998. Spätestens seit dem viralen Erfolg von Julia Engelmanns „One Day / reckoning“ vom Bielefelder Hörsaal Slam 2013 ist das Format weitläufig bekannt.

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