„Wir wollen mehr denn je mitgestalten“

Salzgitter.  Hasan Cakir, Betriebsratschef des Salzgitter-Konzerns, erläutert, wie sich die Aufgaben der Arbeitnehmervertreter wandeln.

Hasan Cakir, Betriebsratschef der Salzgitter AG, im Interview mit unserer Zeitung.

Hasan Cakir, Betriebsratschef der Salzgitter AG, im Interview mit unserer Zeitung.

Foto: Philipp Ziebart / Philipp Ziebart/BestPixels.de

Seit 25 Jahren im Betriebsrat der Salzgitter AG, seit
13 Jahren Vorsitzender: Hasan Cakir (50) gehört zu den erfahrensten Arbeitnehmervertretern in unserer Region. Im Interview spricht er über Gerechtigkeit, Integration, die Notwendigkeit des Wandels und den wachsenden Konflikt zwischen Gemeinschaftssinn und Einzelinteressen.

Herr Cakir, Sie haben im Stahlwerk Salzgitter eine Ausbildung zum Betriebsschlosser absolviert. Warum wird ein Betriebsschlosser Betriebsrat?

Das ist gewachsen. Ich war schon vor meinen Eintritt in den Betriebsrat sechs Jahre in der Jugendvertretung aktiv, zuletzt als Vorsitzender. In dieser Zeit habe ich authentische Betriebsräte kennengelernt, die nicht nur rhetorisch stark waren, sondern immer auch in der ersten Reihe mitmarschiert sind. Das hat mich motiviert und mir Mut gemacht. Es hat mich überzeugt, mich stärker für Chancengleichheit einzusetzen. Das war Ende der 80er Jahre.

War damals Chancengleichheit in einem Unternehmen, das erst dem Bund und wenig später zum Preussag-Konzern gehörte, tatsächlich noch immer ein solch großes Thema?

Ja, zum Beispiel hatten junge Menschen mit Migrationshintergrund oder Frauen deutlich schlechtere Aufstiegschancen. Ein anderes Beispiel waren die Auszubildenden, denen eine berufliche Perspektive verwehrt wurde, weil sie nicht übernommen wurden. Solche Missstände wollte ich beseitigen und habe mich daher für meine Kolleginnen und Kollegen eingesetzt. Dieses Ernstnehmen und Kümmern hat meine Akzeptanz gestärkt, auch als ich 1994 erstmals in den Betriebsrat gewählt wurde. Mit der Zeit sind dann Aufgaben und Verantwortung gewachsen.

War es gleich Ihr Ziel, Vorsitzender des Betriebsrats zu werden?

Nein. Das wurde erst Ende 2005 konkret, als ich schon elf Jahre im Betriebsrat tätig war. Damals ging es zunächst um die Frage, ob ich stellvertretender Vorsitzender werden möchte. Schon vor dieser Aufgabe hatte ich großen Respekt. Aufgrund verschiedener Umstände musste ich mich kurz darauf entscheiden, ob ich mich 2006 der Wahl des Vorsitzenden stelle. Es war damals nicht üblich, dass ein Kollege mit Migrationshintergrund Betriebsratsvorsitzender werden will. Deshalb wurde mein Respekt vor dieser Aufgabe noch größer. Dass ich mich dennoch dazu entschieden habe, liegt auch an der Unterstützung, die ich von vielen deutschen und von vielen Kolleginnen und Kollegen mit Migrationshintergrund bekommen habe.

Haben Sie Ihre Entscheidung je bereut?

Ich will nicht verhehlen, dass die Anfangszeit schwierig war, aber bereut habe ich es nie. Der Betriebsrat war damals zerstritten, es gab verschiedene Gruppierungen mit unterschiedlichen Interessen. Deshalb fehlte es mir an einer vollständigen Unterstützung des Betriebsrats. Ich musste viel Zeit und Energie aufbringen, um die Widerstände zu überwinden und um ein konstruktives Klima zu schaffen. Das kann nicht alles falsch gewesen sein, denn ich bin nun seit 13 Jahren Vorsitzender des Betriebsrats.

Wie haben Sie die Widerstände überwunden?

Ich habe mich in die Arbeit gestürzt und mich um die konkreten Anforderungen der Kolleginnen und Kollegen gekümmert. Es gab zum Beispiel vor meiner Wahl zum Vorsitzenden aufgrund der Zerstrittenheit des Betriebsrats nur wenige neue Vereinbarungen mit dem Unternehmen. Dies konnten wir bereits in meiner ersten Amtsperiode als Betriebsratsvorsitzender deutlich ändern. Es hat sich dann gezeigt: Je länger ich durchgehalten habe, desto schmaler wurde die Plattform der Zweifler.

Mit welcher Grundhaltung üben Sie Ihr Amt als Betriebsratsvorsitzender aus?

Auch wenn es in anstehenden Themen meiner Arbeit komplex und gewichtig wird, achte ich dabei auf die konkreten Interessen und Bedürfnisse meiner Kolleginnen und Kollegen. Das will ich nicht aus den Augen verlieren. Mir sind dabei pragmatische Lösungen wichtig. Das gilt übrigens auch für meine Ansicht, dass der Laden laufen muss. Die Basis meines Handelns als Betriebsrat ist auch, dass die Eigenständigkeit der Salzgitter AG erhalten bleiben muss. Dieses Ziel muss im Sinne der Beschäftigten erreicht werden.

Tragen Sie gerne Verantwortung?

Ja. Das liegt an meiner Erziehung, und deshalb handele ich aus Überzeugung. Dazu kommt, dass ich einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn habe. Ich halte zwar nichts davon, ohne Grund viel Staub aufzuwirbeln und handele mit Bedacht. Daher habe ich wohl meinen Ruf, so ruhig und unaufgeregt zu sein. Auf der anderen Seite bin ich sehr hartnäckig und hake immer wieder nach, bis die Probleme und Aufgaben gelöst sind.

Seit 25 Jahren Mitglied sind Sie Mitglied im Betriebsrat der Salzgitter AG, sind nicht nur Vorsitzender des Betriebsrats der Flachstahl, sondern auch des Konzern-Betriebsrats. Wie hat sich Ihre Arbeit in dieser Zeit verändert?

Einige Aufgaben haben sich kaum verändert, zum Beispiel darauf zu achten, dass Gesetze, Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen eingehalten werden. Stark verändert hat sich dagegen der Wettbewerbsdruck in der Branche. Das schlägt durch auf die Beschäftigten. Deshalb ist es wichtiger denn je, ihnen zuzuhören und ihre Interessen zu vertreten. Wir wollen mehr denn je mitgestalten – das ist mein Anspruch.

Das klingt sehr selbstbewusst.

Dieses Selbstbewusstsein hat eine lange Tradition in unserer Hütte. 1950 verhinderten die Arbeiter mit Unterstützung der IG Metall die Demontage des Stahlwerks. Sie haben unter Einsatz ihres Lebens dafür gesorgt, dass das Unternehmen erhalten blieb. Deshalb sagen die Beschäftigten bis heute: Das ist unsere Hütte, sie soll weiterleben und sich entwickeln.

Kommen wir noch einmal zu den Schlagworten Interessenvertretung und Mitgestaltung. Wie verschieben sich die Schwerpunkte?

Ein Aspekt, der auch in den gerade vereinbarten Tarifabschluss eingeflossen ist, ist der flexiblere Umgang mit Zeit. Den Beschäftigten wird es immer wichtiger, mehr Freiheiten zu bekommen, Arbeit und Privatleben zu vereinbaren. Das Selbstverständnis der Menschen wandelt sich, eigene Bedürfnisse bekommen mehr Gewicht. Ich bin mir sicher, dass dieser Wunsch noch größer wird, darauf müssen wir uns einstellen. Auf der Seite der Arbeitgeber wurde das so noch nicht erkannt, das spüre ich am Unverständnis, das uns begegnet ist. Der neue Tarifabschluss hat aber eine Tür in diese Richtung geöffnet und erlaubt mehr Zeitsouveränität. Ich bin mit dieser Vereinbarung sehr zufrieden, weil sie für alle Beschäftigten gilt und keine Gruppe ausgeschlossen wird.

Es geht um einen Tausch. Der neue Tarifabschluss führt eine Art Urlaubsgeld von 1000 Euro ein, das in Freizeit umgewandelt werden kann. Wie ist Ihre Prognose: Wird das Geld stärker angenommen oder die Freizeit?

Es wird beide Varianten geben. Ich weiß, dass es viele meiner Kollegen freut, wieder ein Urlaubsgeld zu bekommen. Das wurde 1988 abgeschafft und hat damals zu vielen heißen Diskussionen geführt. Viele Beschäftigte werden sich aber auch für die zusätzliche Freizeit entscheiden.

Die Digitalisierung stellt viele Branchen vor große Herausforderungen, etwa die Autoindustrie. Wie wirkt sich die neue Technik auf die Stahlindustrie aus?

Selbstverständlich verändert die Digitalisierung auch unsere Branche, etwa weil Arbeitsprozesse in der Produktion digitalisiert und vor allem in der Verwaltung automatisiert werden. Da die Stahlproduktion aber stark vom Erfahrungswissen und Handeln der Menschen abhängig ist, werden wir in einem anderen Ausmaß und zeitlichen Horizont betroffen sein als zum Beispiel die Autoindustrie.

Bleiben wir beim Auto. Das soll immer öfter elektrisch fahren. Daher gewinnt der Leichtbau in der Autoproduktion an Bedeutung. Bleibt Stahl trotzdem sexy?

Ja, denn auch Elektroautos und Leichtbau kommen nicht ohne Stahl aus. Denken Sie etwa an die schweren Batterien, die sichere Lager und Gehäuse benötigen. Stahl ist Zukunft, hieran besteht kein Zweifel.

Der Salzgitter-Konzern hat im vergangenen Jahr das Projekt Salcos vorgestellt. Das verfolgt das Ziel, den CO-Ausstoß in der Stahlproduktion bis 2050 um 95 Prozent senken. Wie bewerten Sie Salcos: Ist es eine nette Gedankenspielerei, oder nehmen Sie es ernst?

Ich verfolge Salcos mit sehr großem Ernst und Interesse. Das Projekt ist keineswegs eine Spielerei, sondern eine mögliche Antwort auf die ökologische Notwendigkeit, den CO-Ausstoß weiter zu senken. Salcos bietet die Chance, die Stahlproduktion auf Basis von Wasserstoff zu betreiben und somit perspektivisch auf Koks und Kohle verzichten zu können. Für die Realisierung ist es aber wichtig, dass die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies erfordert die Unterstützung des Landes Niedersachsen, des Bundes und der EU gleichermaßen.

Hoffen Sie auf Nachahmer in der Stahlbranche?

Eigentlich erfordert eine stark CO-reduzierte Stahlproduktion aufgrund ihrer ökologischen und beschäftigungspolitischen Bedeutung sogar eine europaweite Bündelung bestehender Bemühungen. Im Sinne von Arbeit und Umwelt sind gemeinschaftliche Lösungen sinnvoll, um soziale Standards zu halten und weltweiter Vorreiter in sauberer Stahlproduktion zu bleiben.

Was sind die größten Herausforderungen für die Stahlindustrie?

Neben dem angesprochenen Thema der CO-Reduzierung, das auch die Energieerzeugung und -versorgung beinhaltet, wird uns die internationale Handelspolitik weiter beschäftigen. Zölle müssen die Funktion übernehmen, uns vor Wettbewerbsnachteilen zu schützen. Stahlhersteller aus China haben zum Beispiel nicht nur Vorteile, weil dort die CO-Auflagen längst nicht so streng sind wie bei uns. Zugleich sind auch die Sicherheitsstandards und die Löhne nicht so gut wie bei uns. Weil wir uns aber nicht allein auf die Wirkung von Zöllen verlassen können, muss es unser Anspruch sein, technisch immer besser zu werden, um den Vorsprung vor anderen Stahlherstellern zu behalten.

Vor welchen Herausforderungen steht der Betriebsrat, wenn Sie ins Unternehmen blicken?

Ich habe meine Ausbildung bei der Salzgitter AG begonnen, als es nicht selbstverständlich war, im Anschluss übernommen zu werden. Durch jahrelange Bemühungen haben wir es aber geschafft, den jungen Menschen bei uns eine Perspektive zu bieten. Die Übernahmequote lag zuletzt bei 97 Prozent. Darauf bin ich sehr stolz. Dies soll es auch in Zukunft geben. Viele Probleme in der Gesellschaft entstehen, weil jungen Menschen keine Perspektive geboten wird.

In der jüngeren Vergangenheit gab es bei der Betriebsratswahl wieder konkurrierende Listen, nicht mehr nur die Liste der IG Metall. Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Sie ist ein Spiegel der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, in dem zu beobachten ist, dass immer häufiger und vehementer Einzelinteressen das Gemeinschaftsinteresse dominieren wollen. Schauen wir in die Welt, findet sich diese Tendenz überall, im Großen wie im Kleinen. Diese Entwicklung bereitet mir große Sorgen.

Wie wollen Sie gegensteuern?

Unser Betriebsrat stellt Gemeinschaftssinn und -interesse in den Vordergrund und spricht zum Beispiel viel mit den Jugendlichen und Vertrauensleuten in der Hütte. Wir arbeiten auch bei wichtigen Entscheidungen beteiligungsorientiert und versuchen, die historischen Wurzeln der Werte von Betriebsräten und Gewerkschaften zu vermitteln. Wir laden auch alle ein, sich an unseren Themen und Aktionen im Unternehmen oder in der Stadt zu beteiligen, wie etwa neulich beim Internationalen Tag gegen Rassismus. Dahinter steht die Überzeugung, dass wir gemeinsam immer mehr erreichen können als der Einzelne. Ich hoffe darauf und arbeite daran, dass uns das noch lange gelingt, sonst hätten wir ein sehr ernsthaftes Problem.

Salzgitter ist seit Anbeginn eine internationale Stadt. Welche Rolle übernimmt der Betriebsrat bei der Integration der vielen Flüchtlinge, die in jüngster Vergangenheit nach Salzgitter gekommen sind?

Wir verfolgen einen praktischen Ansatz und handeln aus der Überzeugung, dass es niemandem hilft, wenn den Geflüchteten nicht geholfen wird. Wir engagieren uns seit Jahren in verschiedenen Projekten und unterstützen zum Beispiel die evangelische Familienbildungsstätte. Im Betrieb wollen wir die Menschen über ein Integrationsprojekt fördern. Das beginnt mit einem Praktikum, dem eine Grundqualifizierung und dann eine mögliche Ausbildung folgt.

Sie kommen selbst aus einer Migrantenfamilie, die ihre Wurzeln in der Türkei hat. Fühlen Sie sich in Deutschland akzeptiert, begegnen Ihnen immer noch Vorbehalte wie vor 30 Jahren?

Ich fühle mich akzeptiert und erlebe keine Ablehnung mehr, die mit meiner Herkunft zu tun hat. Dass ich 1974 im Alter von fünf Jahren nach Deutschland gekommen bin, lag übrigens an einem Unfall. Meine Eltern waren zuvor alleine hier, nach meinem Unfall haben sie es nicht über das Herz gebracht, dass ich alleine in der Türkei zurückbleibe.

Wie empfinden Sie Deutschland? Ist die Gesellschaft trotz der neuen nationalistischen Strömungen offen?

Ja, die Gesellschaft ist offen. Angesichts der großen Flüchtlingsbewegung in sehr kurzer Zeit ist ein Teil der Bevölkerung allerdings überfordert. Die wenigsten sind rechtsradikal, viele haben einfach Befürchtungen und Ängste, weil so viele Menschen zu uns gekommen sind. Nach Salzgitter kamen besonders viele Flüchtlinge, das hat die Stadt unter anderem mit deren Unterbringung überfordert. Davon profitieren Parteien wie die AfD. Ich bin aber sicher, dass sich die Stimmung in fünf, sechs Jahren wieder abgekühlt hat.

Das heißt, Sie vertrauen darauf, dass die Integration gelingt?

Ja. Die Verantwortung sehe ich auf beiden Seiten. Wenn sich beide Seiten bewegen und aufeinander zu gehen, dann sind die Chancen gut, dass die Integration funktioniert.

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