Berlin. Der Film “Barbie“ lässt Frauen an ihrer Beziehung zweifeln, Trennungen sind die Folge. Wo ist der Zusammenhang? Ein Experte klärt auf.

  • "Barbie" und "Oppenheimer" - gegensätzlicher hätte der Start von zwei Kinofilmen nicht sein können
  • "Barbenheimer", wie schon gespöttet wird, sorgt aber auch für einen etwas überraschenden Effekt
  • Im Internet kursiert ein Aufruf, der von einigen Frauen ernst genommen wird. Was sagt ein Sexualtherapeut dazu?

In Greta Gerwigs Film "Barbie" ist alles pink, schrill und schön. Und doch gehen die Zuschauer nicht mit einer rosaroten Brille aus dem Film. Im Gegenteil: Der Kinobesuch bringt viele Zuschauerinnen dazu, ihre Beziehung zu hinterfragen und sich sogar von ihren Liebsten zu trennen.

Jedenfalls häufen sich im Internet die Beiträge, in denen Frauen berichten, dass sie sich nach dem Film von ihrem Partner getrennt hätten. Ein Sexualtherapeut verrät, was hinter dem Trend zur Trennung steckt.

Neuer Trend nach Barbenheimer: Trennung nach "Barbie"-Film?

Erst war es das Internet-Phänomen "Barbenheimer": Der gleichzeitige Kinostart von "Barbie" und "Oppenheimer" inspirierte die Internetnutzer zu Memes und dazu, die Filme am Startwochenende direkt hintereinander im Kino zu sehen. Jetzt sorgt ein neuer Trend für Gesprächsstoff rund um den Film "Barbie".

Die Rede ist vom Trennungs-Trend, der sich wie alle Internettrends in den sozialen Medien entwickelt hat. Dort wurde ein anscheinend wirkungsvoller Trick geteilt, um toxische Beziehungen zu entlarven. Eine Nutzerin schreibt auf X (ehemals Twitter): "Geht mit euren Freunden in den "Barbie"-Film und wenn sie ihn hassen, trennt euch!" Die Idee: Wenn dem Partner die feministische Botschaft des Films nicht gefällt, sollte die Freundin ihn so schnell wie möglich verlassen.

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Worum geht es in Greta Gerwigs Film "Barbie"?

Der Blockbuster der Regisseurin Greta Gerwig thematisiert verschiedene soziale Ungleichheiten, vor allem die fehlende Gleichberechtigung von Mann und Frau in der Gesellschaft und im Berufsleben. So wird das bunte Barbie-Land von Frauen regiert und am Laufen gehalten. Die Barbies sind Präsidentinnen, Richterinnen, Ärztinnen. Die Kens haben dagegen nur eine Aufgabe: gut aussehen, lächeln und winken, wie es die alte Barbie einst tat.

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    Der Film stößt bei vielen Männern auf Kritik. Sie beschweren sich, dass in dem Film "keine echten Männer" vorkommen. Der erzkonservative US-Kommentator Matt Walsh sprach in seiner Sendung "Daily Wire" sogar von "Männerhass".

    Ryan Gosling und Margot Robbie vor der „Barbie“-Europa-Premiere in London.
    Ryan Gosling und Margot Robbie vor der „Barbie“-Europa-Premiere in London. © Getty Images | Joe Maher

    Von den Frauen hingegen wurde der Film fast ausschließlich positiv aufgenommen. Gerwig nimmt darin viele feministische Themen zur Grundlage, etwa überzogene Ansprüche an Frauen, die gleichzeitig Mutter sein, eine Karriere haben und dabei immer freundlich lächeln sollen. Frauen verdanken dem Film, dass sie auf solche gesellschaftlichen Missstände aufmerksam geworden sind. Und dank "Barbie" haben sie auch den Impuls, diese Missstände zu beseitigen: Sie trennen sich von ihren Partnern und gehen dem nach, was sie glücklich macht – nicht den Partner.

    Warum löst der "Barbie"-Film bei Frauen Trennungswünsche aus?

    "DailyGame" zitiert eine Reddit-Nutzerin, die gehofft hatte, der "Barbie"-Film werde ihrem Freund die Augen öffnen. Da der Freund sich nach dem Anschauen des Films beleidigt zeigte, erkannte sie: "Vielleicht war es längst überfällig, aber es war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich war es leid, mit seiner Einstellung und Respektlosigkeit umzugehen, und war vielleicht auch von dieser Mädchenpower-Euphorie ergriffen. Also habe ich ihm gesagt, dass es vorbei ist."

    Ähnlich geht es anderen Frauen, die in "Barbie" eine Art Vorbild sehen und sich durch das gezeigte Beispiel ermutigt fühlen, für sich und ihre eigenen Bedürfnisse einzustehen. Der Sexualmediziner und Sexualtherapeut David Siegenthaler sieht dieses Phänomen der Resonanz häufiger in der Kunst: "Filme und Bücher sind oft so konzipiert, dass sie uns auf eine emotionale Abenteuerreise mitnehmen. Viele Autoren wollen in uns eine emotionale Reaktion erzeugen und unser Gehirn zum Denken anregen."

    Zudem würden Filme visuellen und auditiven Input nutzen, um Emotionen darzustellen, die im Text allein weniger deutlich werden.

    Dadurch, so Siegenthaler, können wir uns leichter mit Figuren in Filmen und Büchern identifizieren, die "ähnliche Emotionen" erleben wie wir. Damit der Film eine gesunde Beziehung gefährden kann, müssen laut dem Sexualtherapeuten aber bereits belastende Probleme oder Differenzen in der Beziehung bestehen. "Ein Film kann als Katalysator oder Auslöser wirken, der latent vorhandene Probleme oder Meinungsverschiedenheiten verstärkt."

    Warum stärkt der Film "Barbie" die feministische Bewegung?

    Um zu verstehen, was aktuell passiert, hilft ein Blick in die Vergangenheit: In der ersten Welle des Feminismus kämpften Frauen vor allem für das Wahlrecht. Der Feminismus als politische Bewegung, wie wir ihn heute kennen, etablierte sich vor allem im Zuge der sogenannten zweiten Welle, die in Deutschland in den 1960er Jahren begann.

    Die Liste an Forderungen ist jedoch nicht kürzer, sondern länger geworden. Themen wie Chancengleichheit im Beruf, Lohngleichheit und Abbau von Rollenklischees werden ergänzt durch das Anprangern von Alltagssexismus und Machtmissbrauch und das Aufbrechen von Rollenstereotypen.

    Weil der Prozess der Gleichstellung noch lange nicht abgeschlossen ist, entfachen Filme wie "Barbie" von Greta Gerwig aber auch Bücher wie "Untenrum frei" von Margarete Stokowski ganze Diskussionsforen. Sie zeigen Baustellen auf und schüren den Wunsch nach Veränderung, sind aber gleichzeitig leichter zugänglich als akademische feministische Theorie und weiter verbreitet. In anderen Worten: Mehr Menschen bekommen Zugang zu den Ideen und Forderungen des Feminismus.

    Regisseurin Greta Gerwig knackt mit
    Regisseurin Greta Gerwig knackt mit "Barbie" die Milliardenschwelle.

    Ist Gleichberechtigung in der Partnerschaft wichtig?

    Der Sexualtherapeut Siegenthaler sieht die Gleichstellung sowohl in der Gesellschaft als auch in der Partnerschaft als einen "kontinuierlichen Prozess". Deshalb braucht es auch in der Beziehung regelmäßige Updates, in denen sich das Paar mit sich selbst und der Partnerschaft auseinandersetzt. Wo stehen wir in unserer Beziehung? Was empfinden wir in unserer Partnerschaft als gerecht und wo gibt es noch Anpassungsbedarf? Wie verteilen wir Aufgaben und Verantwortung in der Partnerschaft? Wie treffen wir gemeinsam Entscheidungen?

    Ebenso wichtig ist die Emanzipation des Mannes. Ein heterosexueller Mann wird heute oft skeptisch beäugt, wenn er einen Minirock trägt, sich die Fingernägel lackiert oder sich stark schminkt. Der Sexualmediziner und Sexualtherapeut David Siegenthaler hört in seinen Beratungen immer noch Aussagen wie "Happy Wife, Happy Life" oder "Ladies First".

    "Die Realität ist, dass Gleichberechtigung in jeder Partnerschaft anders aussieht", sagt Siegenthaler. Es gibt Paare, in denen die Frau mehr Interesse an Sexualität zeigt als der Mann und die Frau eher sachlich und nüchtern kommuniziert. Es gibt Paare, in denen der Mann lieber kuschelt und über Gefühle spricht. "Ich habe Beziehungen erlebt, in denen sich beide Ehepartner darum streiten, wer zu Hause putzen darf", sagt der Experte.

    Sich um das eigene Selbstwertgefühl zu kümmern, egal ob Frau oder Mann, erhöht die Chance auf eine starke Beziehung. Denn dann sind beide Partner auf Augenhöhe und begegnen sich gleichwertig, erklärt Siegenthaler.

    In diesem Sinne kann der "Barbie"-Film nicht als Schuldiger und Auslöser von Trennungen gesehen werden. "Barbie" hat den Frauen höchstens zum Durchbruch verholfen.