Japans Städte: Vielfältig und überfordernd

Tokio.  Gigantisch und schön, Jahrhunderte alt und hochmodern: Ob Tokio, Osaka oder Kyoto, die städtische Kultur Japans ist reich an einzigartigen Eindrücken.

Ready, Set, Go: Die Kreuzung am Shibuya Bahnhof im gleichnamigen Stadtbezirk von Japans Hauptstadt Tokio gilt häufig als berühmteste Kreuzung der Welt. Eins ist sie vor allem: voller Menschen.

Ready, Set, Go: Die Kreuzung am Shibuya Bahnhof im gleichnamigen Stadtbezirk von Japans Hauptstadt Tokio gilt häufig als berühmteste Kreuzung der Welt. Eins ist sie vor allem: voller Menschen.

Foto: Felix Gräber / HK

Alles wackelt: Wände, der Boden, Möbel, alles ist in Bewegung, schwankt als befänden wir uns auf einem Schiff bei leichtem Seegang. Nur liegen wir gerade im Bett, es ist kurz nach 2 Uhr in unserer letzten Nacht in Japan. Und in dieser Nacht machen wir eine seltene, beängstigend Erfahrung, die jedoch gleichzeitig typisch für den Inselstaat ist: Unser erstes, und glücklicherweise einziges Erdbeben.

Es dauert nur etwa eine halbe Minute, bis alles wieder ruhig ist, trotzdem bleibt das mulmige Gefühl in der Magengegend noch eine ganze Weile. Sekundenbruchteile nachdem es losgeht, spuckt das Handy meiner Freundin bereits eine Erdbebenwarnung aus: Eine 5,3 auf der Richterskala, das Beben gilt damit als mittelschwer, kann an anfälligen Gebäuden bereits Schäden verursachen. In Japan sind Erdbeben beinahe alltäglich, es wird entsprechend sicher gebaut, außer dass wir etwas durchgerüttelt werden. Allerdings: Unsere Vorfreude auf Zuhause steigt ein wenig.

Zwei Wochen zuvor erstreckt sich dieses uns vollkommen unbekannte Land zum ersten Mal unter dem Flugzeug: Japan, das Land der aufgehenden Sonne, ist für viele Sehnsuchtsort. Weiter entfernt kann man von Deutschland nicht in Richtung „Fernost“ reisen. Uns geht es jedoch vor allem um Erfahrung: Ein neues Land, unbekannte Kultur, Natur und die Menschen.

Ein angenehmer Kulturschock im Land der aufgehenden Sonne

Und so geht es zu zweit ans andere Ende der Welt, von der Arbeit am beschaulichen, meist ruhigen Harzrand ohne Zwischenstopp nach Tokio, in die mit angrenzenden Städten größte Metropolregion der Welt. Etwas mehr als 38 Millionen Menschen leben hier. Die Größe dieser Stadt entzieht sich jeder Wahrnehmung, ist nur aus dem Flugzeug zu erahnen und zeigt sich vielleicht auch darin, dass man immer noch mitten in der Stadt die Metro verlässt, auch wenn man über eine Stunde unterwegs ist. Schon auf der Fahrt zu unserer ersten Unterkunft (in einem Hotel mitten in einem der Herzen der Stadt) zeigt Tokio seinen Charakter als Megastadt: Der Monorail-Zug bewegt sich zwischen Häuserschluchten hindurch; in den zentralen Stadtbezirken gibt es kaum ein Hochhaus unter zehn Stockwerken, viele sind noch deutlich höher.

Städte in dieser Größenordnung gibt es nicht viele andere auf der Welt, außer New York und Mexico City sind sie fast ausschließlich in Asien zu finden. Und in der Regel haben sie eines gemeinsam: Sie sind laut. Das schon geflügelte Wort vom „Angriff auf die Sinne“ fällt häufig im Zusammenhang mit den Megastädten, sie gelten als dreckig, sind voller Menschen, oft gibt es eine hohe Kriminalitätsrate. Dass Tokio in dieser Hinsicht anders ist, fällt schon auf dem Weg zum Hotel auf.

In der Bahn herrscht eine angenehme Ruhe. Durchsagen auf Japanisch und Englisch erinnern daran, Mobiltelefone lautlos zu stellen und nicht während der Fahrt zu telefonieren – aus Rücksicht auf die Mitreisenden. Ansonsten ist es ruhig, auch persönliche Unterhaltungen sind selten und wenn doch gesprochen wird, dann leise. Rücksicht auf einander zu nehmen, ist ein wichtiger Aspekt der japanischen Kultur. Der Ruhe passen wir uns fast automatisch an, es geht kaum anders.

Von der Ruhe hinein in die Menschenmassen

Am Nachmittag unseres ersten Tags in Tokio ist es dann soweit: Nach dem Einchecken im Hotel provozieren wir direkt den Kulturschock, fahren mit der Bahn in den Stadtbezirk Shibuya. An der berühmten Kreuzung direkt am gleichnamigen Bahnhof kann man die Größe Tokios, die Menge an Menschen spüren.

Obwohl gleichzeitig Tausende die Kreuzung überqueren – wir waren an einem Sonntag in Shibuya, freitag- und samstagabends kommen die meisten Leute, teilweise mehr als 10.000 Passanten pro Grünphase – herrscht keine Hektik, die Menschen rempeln sich nicht gegenseitig an. Bemerkenswert und, zumindest für mich, schwer vorstellbar, dass so etwas auch außerhalb Japans möglich wäre.

Shibuya ist einer der Stadtbezirke, in denen sich die Jugend trifft: Hier gibt es zahlreiche gigantische Shoppingmalls, unter bunten, meterhohen Leuchtreklamen an den Hauswänden und riesigen Anzeigetafeln ducken sich Laden an Laden, kleine Restaurants und die Izakaya – traditionelle Kneipen mit kleiner Speisekarte.

Mit der Ruhe aus der Bahn ist es hier schlagartig vorbei: Vor vielen Läden stehen eine oder mehrere Angestellte und locken lautstark Kunden, die Menschenmassen unterhalten sich und über alldem schallt der neuste J-Pop-Song einer Girlband durch die Straßen.

Nach Shibuya verschlägt es Einheimische wie Touristen gleichermaßen. Und auch wenn wir längst nicht die einzigen Nicht-Japaner hier sind, wir stechen heraus aus der Menge, fallen auf. So werden wir bereits am ersten halben Tag in Japan, noch halbvernebelt vom Jetlag, das erste Mal auf der Straße angesprochen.

In gebrochenem Englisch stellt ein kunstblonder, langhaariger Mann fest, dass wir nicht „home-grown“ aussehen – nicht, als kämen wir aus Japan. Mehrmals werden wir in den zwölf Tagen hier darauf angesprochen und immer freuen sich die Japaner daraufhin über ihre Chance, einige wenige Worte auf Deutsch mit uns zu wechseln.

Noch schriller als die einschlägig dafür bekannten Stadtteile in Tokio geht es auf unserer Reise nur in Osaka zu. Mit etwa 2,7 Mio. Einwohnern ist die Stadt deutlich kleiner als Tokio (im Ballungsgebiet, das weitere Städte umfasst, leben immerhin knapp 18 Mio.). Trotzdem wirkt Osaka voller, lauter, quirliger als die Hauptstadt, sind die Straßen dreckiger, der Umgangston, auch wenn wir kaum Japanisch verstehen, wirkt rauer.

In Osaka sprudelt das Leben ganz anders als in Tokio

Die Hafenstadt an der Südwestküste ist gerade dafür bekannt, dass sie in mancher Hinsicht nicht in das stereotype Bild passt, das oft von Japan gemalt wird: Von der Kultur der Zurückhaltung und des Respekts ist hier weniger zu spüren als anderswo. Besonders deutlich zeigt sich das in Dotonbori, dem Vergnügungsviertel, das von Ausgehlokalen, schriller Reklame und den Menschenmengen beherrscht wird.

Die Werbetafeln leuchten aus allen Richtungen, als wir die Haupteinkaufsmeile Dotonboris entlangschlendern. Im Vorbeigehen öffnet sich die Tür zu einem Geschäft, das sogar noch etwas heller erleuchtet ist als viele andere. Der klingelnde permanente Lärm der aus der Tür wallt ist ohrenbetäubend. „Pachinko“ heißen in Japan die Glücksspielhallen und für uns bleibt es auch aus der Ferne unvorstellbar, wie man es hier länger aushalten kann.

Das Viertel Dotonbori ist unter anderem berühmt für die Werbetafel des „Glico-Man“, seit Jahrzehnten Maskottchen des größten Süßwarenherstellers des Landes (in Deutschland sind die Schoko-Keks-Stäbchen der Firma unter dem Namen „Mikado“ bekannt. Im Original heißen sie „Pocky“.) und eines der am häufigsten fotografierten Motive der Stadt.

Generell gilt die Region um Osaka auch als kulinarisches Zentrum Japans. Nicht nur hat die Firma Glico hier ihren Hauptsitz, Spezialitäten der Region sind weithin bekannt. Die Stadt Kobe, Namensgeber und Herkunftsregion des teuersten Rindfleischs der Welt, ist in wenigen Minuten mit dem Zug erreicht. Riesige Schneekrabben in verschiedensten Zubereitungsarten und mit unterschiedlichen Meerestieren gefüllte Teigbällchen finden sich in Osaka an praktisch jeder Straßenecke. Leider viel zu viel um alles einmal auszuprobieren.

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