Gericht Göttingen

Ehefrau: „Ich dachte, es ist die letzte Minute meines Lebens“

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Der Prozess wird vor dem Landgericht Göttingen verhandelt. „Ich dachte, ich sterbe jetzt, mein ganzes Leben ist vor meinem Auge vorbeigezogen“, berichtete das 52-jährige Opfer über die Attacke.

Der Prozess wird vor dem Landgericht Göttingen verhandelt. „Ich dachte, ich sterbe jetzt, mein ganzes Leben ist vor meinem Auge vorbeigezogen“, berichtete das 52-jährige Opfer über die Attacke.

Foto: Umsorgt wohnen / Archiv

Göttingen.  Prozess um zweifachen Mordversuch: 52-Jährige schildert weitere Gewaltattacke ihres Ehemannes vor ihrem Haus in Northeim.

Im Prozess um einen zweifachen versuchten Mord hat am Dienstag eine 52 Jahre alte Frau aus Northeim vor dem Landgericht Göttingen die zweite Gewalttat ihres Ehemannes geschildert. In ihrer ersten Vernehmung vor vier Wochen hatte sie berichtet, wie ihr Mann Anfang Dezember plötzlich abends im Schlafzimmer auftauchte, ihr ein Messer an den Hals hielt und erst von ihr abließ, als die Kinder herbeieilten und ihrer Mutter zu Hilfe kamen.

Rund zwei Wochen später folgte das nächste Horrorerlebnis: Als sie kurz vor Weihnachten abends nach Hause kam und das Auto abgestellt hatte, sah sie ihren Ehemann „wie einen schwarzen Vogel“ aus dem Dunkel auftauchen. Er habe dann, ohne ein Wort zu sagen, auf sie eingeschlagen und sie anschließend mit beiden Händen gewürgt. „Ich dachte, es ist die letzte Minute meines Lebens“, beschreibt die Ehefrau ihre Todesangst.

Staatsanwaltschaft wirft Angeklagtem zweifachen versuchten Mord vor

Der 60-Jährige muss sich seit Mitte Juni wegen zweifachen versuchten Mordes vor dem Landgericht Göttingen verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, innerhalb von rund zwei Wochen zweimal auf heimtückische Weise versucht zu haben, seine Ehefrau zu töten.

Für die 52-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, kam auch der zweite Angriff völlig überraschend. Der 60-Jährige hatte nach der ersten Gewalttat die Weisung erhalten, dass er sich die nächsten zwei Wochen dem Haus nicht mehr nähern durfte. Er hatte dann zunächst bei seinem Sohn gewohnt. Zwölf Tage nach der Tat erwirkte seine Ehefrau beim Amtsgericht Northeim eine Verfügung, dass er auch die nächsten sechs Monate sein Haus nicht aufsuchen dürfe. Die Kinder hätten aufgrund des gewalttätigen Vorfalls Angst vor ihrem Vater gehabt, sagte die 52-Jährige vor Gericht. „Sie konnten nicht schlafen und nicht essen.“

Polizei entdeckt Ehemann mit 2,34 Promille im Blut

An dem Tag, als er die gerichtliche Verfügung zugestellt bekommen hatte, entdeckten Polizistinnen am späten Nachmittag in der Nähe von Gieboldehausen einen Pkw, der unbeleuchtet auf dem rechten Fahrstreifen der Bundesstraße 27 stand. Auf dem Fahrersitz saß der Angeklagte. Eine Blutprobe ergab, dass er 2,34 Promille intus hatte. Der 60-Jährige kam danach ins Krankenhaus in Herzberg. Zwei Tage später verließ er die Klinik auf eigenen Wunsch bereits wieder, ohne seinen Sohn darüber informiert zu haben, und fuhr mit einem Taxi nach Northeim.

Auch seine Ehefrau wähnte ihn weiter im Krankenhaus. Umso überraschter war sie, als er an jenem Abend plötzlich an ihrem Carport stand und auf sie einschlug. Er habe sie dann gegen den Drahtzaun des Nachbargrundstücks gedrückt und sich mit dem Körper auf sie geworfen, so dass sie rücklings zu Boden ging, berichtete sie. Er habe sie so fest gepackt und gewürgt, dass sie sich nicht mehr bewegen und nicht mehr schreien konnte.

Nachbarin kommt zu Hilfe, 52-Jährige muss zwei Tage auf Intensivstation

„Ich dachte, ich sterbe jetzt, mein ganzes Leben ist vor meinem Auge vorbeigezogen“, sagte die 52-Jährige. Während der ganzen Zeit habe ihr Mann kein Wort gesagt. Plötzlich sei er aufgesprungen, vermutlich weil er aufgrund seiner Einschränkungen nach einer Kehlkopfkrebs-Operation selber keine Luft mehr bekommen habe. Sie habe dann wegzulaufen versucht. Ihr Mann sei jedoch mit einem massiven Holzstock zurückgekommen und habe damit auf sie eingeschlagen. Wenn nicht eine Nachbarin ihr zu Hilfe gekommen wäre, hätte sie das Ganze wahrscheinlich nicht überlebt.

Die 52-Jährige kam dann mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, wo sie zwei Tage auf der Intensivstation lag. Die Ärzte stellten unter anderem ein Schädelhirntrauma, eine klaffende Kopfplatzwunde und eine tiefe Schnittverletzung an der linken Körperseite fest. Beide Halsseiten wiesen deutliche Würgemale auf, hinzu kamen diverse weitere Verletzungen und Wunden.

60-Jähriger flieht im Auto vor der Polizei und überschlägt sich

Der 60-Jährige war nach der Gewaltattacke mit dem Firmenfahrzeug seiner Frau in Richtung Frankfurt/Oder davongefahren. Als die Polizei ihn auf der Autobahn 10 kontrollieren wollte, versuchte er zu flüchten. Nachdem er mehrere Leitplanken und das Polizeiauto gerammt hatte, überschlug sich der Wagen zweimal. Die Beamten nahmen den 60-Jährigen fest, anschließend kam er in Untersuchungshaft.

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