Nachwuchsmangel und Corona-Krise machen den Vereinen zu schaffen

Osterode.  Der Göttinger Soziologe Prof. Berthold Vogel erklärt, warum gerade Senioren die Rettung für das Vereinsleben sein können.

Foto: Oliver Berg / dpa (Symbol)

Nachwuchsmangel und Corona-Krise – was bedeutet das für die Vereine in der Region? „Sportvereine klagen, auch die Feuerwehren, auch Kulturvereine – insbesondere letztere sind häufig eher Seniorenveranstaltungen“, sagt Prof. Berthold Vogel, Geschäftsführender Direktor des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen (SOFI) der Universität. Er beschäftigt sich mit Vereinssterben und Vereinsboom – und stellt fest: Senioren können die Rettung sein, allerdings unter Umständen zu dem Preis, dass die Jugend ausbleibt.

Warum sterben einige Vereine aus, während andere boomen?

„Viele Vereine – unabhängig ob sportlich, kulturell oder sozial orientiert – klagen über Nachwuchsmangel, gerade in Regionen, aus denen junge Leute eher weggehen und viele Erwerbstätige vor allen Dingen als Wochen- oder auch Tages-Pendler leben“, führt der Soziologe aus. Dann fehle es nicht nur an Nachwuchs, „sondern auch an denen, die sich ehrenamtlich als Kassierer oder Trainerin, als Vorstand oder Zeugwart engagieren. Diesen Orten geht ihre Mitte verloren.“ Andererseits dürfe nicht übersehen werden, „dass das heutige 70 das neue 50 ist. Sprich: Aktive Senioren sind oft die Rettung für Vereine, aber dann vielleicht um den Preis, dass eher Gleichaltrige angesprochen werden, also die aktiven Alten, und nicht unbedingt die Jugend vor Ort.“

Was muss ein Verein heute bieten, damit sich auch junge Menschen angesprochen fühlen?

„Nun ja, zuerst einmal müssen genügend junge Leute vor Ort sein. Zwar könnte man denken, Fußball und Feuerwehr gehen immer, aber viele Vereine sind heute schon gezwungen, Spielgemeinschaften im Jugendbereich zu bilden, weil keine eigenen Teams mehr gebildet werden können. Da kommen dann Dörfer zusammen, die vor Jahren noch erbitterte Rivalitäten ausgetragen haben“, so Vogel.

Und bei der Feuerwehr sei es ähnlich, führt der Professor weiter aus. „Vielleicht finden sich hier immer noch ein paar Interessenten, schließlich waren und sind Onkel, Cousin und Vater auch bei der Feuerwehr. Aber zugleich hört man aus den Wehren: Von den jungen Leuten will keiner Verantwortung übernehmen, Mitglied ja, Funktionsträger nein. Mit einer Funktion sind zu viele Verpflichtungen verbunden.“ Wichtig für die jungen Leute ist nach Auffassung Vogels: „ein Verein ist ein Treffpunkt, er muss einen eigenen Raum, einen eigenen Ort für Jugendliche zur Verfügung stellen. Das ,Für sich sein’-Können ist nach unseren Eindrücken für junge Leute ganz zentral. Soziologisch könnte man sagen: es braucht für junge Leute eigene Sozialisationsräume, die nicht immer schon von den Älteren, den Erwachsenen vorgegeben und dominiert werden.“ Einen eigenen Raum und Ort zu haben, um sich zu treffen, sei natürlich in diesen pandemischen Zeiten sehr schwierig, räumt Vogel ein. Das mache Jugendlichen sehr zu schaffen.

Inwieweit wirkt sich Corona auf die Situation der Vereine aus?

„Sehr schwierig“, meint der SOFI-Direktor. Corona sei „eine enorme Belastung für den Zusammenhalt vor Ort“. Die Vereine spielten hier eine wichtige Rolle. In ihnen kämen „unterschiedliche Milieus, Berufe und natürlich auch Generationen zusammen“. Sie seien ein Spiegel der vielfältigen Gesellschaft vor Ort und sie lebten davon, dass sie Präsenz möglich machten, führt Vogel aus. „Bei aller Liebe zur Digitalisierung, aber eine Chatgruppe ersetzt kein Zusammentreffen vor Ort. Zugleich sehen wir in unseren Studien, dass viele Vereine sehr kreativ sind, um unter Einhaltung von Corona-Regeln dennoch Vereinsleben auf die Beine zu stellen.“ Daran sei erkennbar, dass Vereine mehr seien als nur Zeitvertreib. „Für viele sind sie ein zentraler sozialer Ort ihres Alltags. Und für diesen Ort lässt man sich etwas einfallen, um ihn zu bewahren.“ Vogel ergänzt: „Ein positiver Aspekt von Corona könnte sein, dass wir uns dessen wieder mehr bewusst werden: wir alle brauchen das Miteinander und Vereine sind hier von unschätzbarem Wert.“

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