„Nach fünf Minuten haben sie die Pflastersteine weggeschmissen“

Göttingen.  Göttingens Polizeichef Thomas Rath hat viel erlebt – jetzt geht der Eisdorfer in den Ruhestand. Zeit für einen Rückblick.

Thomas Rath leitet seit 2003 die Polizeiinspektion Göttingen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Thomas Rath leitet seit 2003 die Polizeiinspektion Göttingen. Jetzt geht er in den Ruhestand.

Foto: PID

Seit fast zwei Jahrzehnten ist Thomas Rath das Gesicht der Göttinger Polizei. Im April 2003 wurde Rath Leiter der Polizeiinspektion Göttingen, nachdem er zuvor in gleicher Funktion in Goslar tätig gewesen war.

Göttingen war für ihn kein unbekanntes Pflaster. Er war dort bereits als Kommissariatsleiter und Leiter Einsatz tätig gewesen, hatte also Erfahrung mit Demonstrationen und anderen Herausforderungen. Nach 43 Jahren im Polizeidienst tritt der 62-Jährige nun Ende Oktober ab. Sein Nachfolger wird der aktuelle Leiter Einsatz Rainer Nolte.

Besondere Herausforderung

Rath freut sich zwar auf seinen Ruhestand, geht aber auch „mit einem weinenden Augen“, wie er bekennt: „Mir hat es hier großen Spaß gemacht. Keine andere Stadt in der Region hat aus polizeilicher Sicht ein so breites Spektrum zu bieten wie Göttingen.“ Sowohl die Verkehrssituation (Autobahnen, ICE-Anbindung, Straßen- und Bahntunnel), als auch die studentisch geprägte Bevölkerungsstruktur und die vielfältige Protestkultur machten die südniedersächsische Universitätsstadt für ihn zu einem besonders herausfordernden, aber auch reizvollen Einsatzort.

Engagement im Südharz

Privat bevorzugt er einen kleineren Rahmen, engagiert sich an seinem Wohnort Eisdorf im Südharz für das Dorf- und Vereinsleben. Er hat dort die Jugendfußballer trainiert, aktuell unterstützt er den Förderverein der Kirchengemeinde und ist im Vorstand des Schützenvereins aktiv. Vor allem aber engagiert er sich in einer Theatergruppe – als Organisator, Stückeschreiber und Regisseur. Diese Leidenschaft hat er auch in seine Dienststelle hineingetragen: Einmal im Jahr veranstaltet die Polizeiinspektion ein so genanntes „Lach-Ma(h)l“. Der Erlös der nichtöffentlichen Veranstaltung kommt gemeinnützigen Einrichtungen zugute. In diesem Jahr übergab Rath 5.000 Euro an das Hospiz an der Lutter.

In Osterode „so richtig Polizei gelernt“

Dass Rath 1977 die Polizeilaufbahn einschlug, lag nicht etwa daran, dass ihn dieser Beruf so begeisterte: „Ich hatte nach dem Abitur einfach die Nase voll vom Lernen“, erzählt er. Rath wollte weder zur Uni noch zur Bundeswehr. Damals boten sich für Abiturienten, die zur Polizei gingen, attraktive Karrierechancen. Rath absolvierte die Ausbildung – und stellte fest, dass ihm der Job richtig Spaß machte. Seine erste Station nach dem Dienst bei der Bereitschaftspolizei war Osterode. „Da habe ich so richtig Polizei gelernt.“ Am meisten aber haben ihn die Jahre in Göttingen geprägt. Anfangs sei er oft ins Schwitzen gekommen, aus Sorge, dass etwas schief gehen könnte, bekennt er. Danach kam eine Phase, die er als „Zeit des Ärgerns“ bezeichnet: „Wenn bestimmte Dinge zum zweiten Mal schief gehen, dann ärgert man sich.“ Inzwischen sei er trittsicherer geworden: „Man weiß, dass man der Situation, die auf einen zukommt, grundsätzlich gewachsen ist. Man muss sich aber auch vor Routine schützen und darf nichts auf die leichte Schulter nehmen.“

Dramatisches Ereignis

Das dramatischste Ereignis sei die Bombenexplosion auf dem Schützenplatz gewesen, bei der 2010 drei Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes ums Leben kamen. „Das habe ich heute noch vor Augen“, sagt er. Auch die Ausschreitungen anlässlich einer NPD-Demonstration im Oktober 2005, als aus ganz Deutschland angereiste Linksautonome an verschiedenen Stellen in Göttingen Barrikaden anzündeten, werde er nicht vergessen. Rath saß damals inmitten des Getümmels in einem Streifenwagen. „Da sind geschätzt 500 Autonome über mein Auto gestiefelt.“

Erster größerer Einsatz

Sehr viel glimpflicher lief dagegen sein erster größerer Einsatz ab: Im November 1994 hatten Kernkraftgegner aus Protest gegen den ersten geplanten Transport von Castor-Behältern mit Atommüll nach Gorleben in der Nähe des Göttinger Bahnhofs die Gleise besetzt und waren dann in die Innenstadt weitergezogen. Dort kamen sie an einer Baustelle vorbei. „Ich habe noch vor Augen, wie sich mehr als 100 Leute Pflastersteine in die Taschen steckten“, sagt Rath. Just in dem Moment bekam er die Information, dass das Oberverwaltungsgericht Lüneburg den Castor-Transport verboten hatte. Rath schnappte sich ein Megafon und gab die Nachricht weiter. Die Demonstranten, denen anders als heute noch keine digitalen Kanäle zur Verfügung standen, wollten es anfangs nicht glauben. „Nach fünf Minuten haben sie die Pflastersteine weggeschmissen, und nichts ist passiert.“

Gutes Personalmanagement

Seine Fähigkeit, auch in schwierigen und chaotischen Situationen ruhig und gelassen zu bleiben, wissen auch die rund 700 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu schätzen. Rath gilt laut Polizei als fair und ausgleichend, aber auch als konsequent und entscheidungsfreudig. „Gutes Personalmanagement schafft auch ein gutes Betriebsklima“, davon ist er überzeugt. Eines aber habe immer Priorität gehabt: „Mitarbeiterfürsorge ist das Wichtigste.“ Und was will er im Ruhestand machen? „Nicht mehr arbeiten“, lacht Rath. Und dann gibt es ja noch die Theatergruppe und die Enkel, für die er nun mehr Zeit hat.

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