Tausende protestieren gegen Rassismus – auch in Göttingen

Göttingen.  In Göttingen waren laut der Polizei 1.750 Menschen unterwegs. Die Veranstalter sprachen von mehr als 2.500 Teilnehmern.

An der größten Demonstration in Niedersachsen, in Hannover, beteiligten sich der Polizei zufolge etwa 8.500 Personen.

An der größten Demonstration in Niedersachsen, in Hannover, beteiligten sich der Polizei zufolge etwa 8.500 Personen.

Foto: Moritz Frankenberg / dpa

Unter dem Motto „Black lives matter“ haben am Sonnabend in Göttingen Menschen gegen Rassismus demonstriert. Die Demonstration sei friedlich verlaufen, berichtete Ralf Nixdorf, Einsatzleiter der Polizei. Er sprach von 1.750 Teilnehmern, die Veranstalter von mehr als 2.500.

In Göttingen hatte das BIPoC („black, indigenous people of color“)-Kollektiv zu der Demo aufgerufen: „Entgegen der Annahme in Deutschland gebe es keinen Rassismus zeigen uns der NSU-Komplex, Halle, Hanau und die zahlreichen Morde an Schwarzen Menschen, People of Color und migrantisierten Personen, dass Rassismus in dieser Gesellschaft tief verankert ist“, heißt es in dem Aufruf.

Kinder erleben Rassismus und werden bespuckt

Rassismus sei immer wieder zu erleben, erzählte Emanuel Some, der seit 34 Jahren in Göttingen lebt und am Sonnabend zum Gänseliesel gekommen ist. So habe er Schwierigkeiten bei der Arbeit gehabt. „Ich sollte eine Stelle nicht behalten, weil ich nicht als gleichwertig betrachtet wurde.“ Doch noch schlimmer fand er, dass auch seine Kinder schon Anfeindungen erleiden mussten. „Ich habe zwei Kinder“, berichtete er. „Sie sind Mischlinge. Auch sie haben Rassismus erlebt. Sie wurden sogar angespuckt.“ Er weiß aber auch, dass es den Protest auch in Göttingen schon früher gab. „Ich kann mich erinnern, dass wir schon in den 90er-Jahren gegen Rassismus demonstriert haben“, sagte er. „Das war nach den Zwischenfällen im Osten, in Hoyerswerda.“

„Wir sind alle Menschen“

Auch Hassan Kamara aus Liberia erzählte von rassistischen Erlebnissen an fast jedem Tag, ob bei der Suche nach Arbeit oder wenn ihm der Zutritt in einen Club verwehrt werde. „Wir müssen die Diskriminierung stoppen. Wir sind alle Menschen.“ Rassismus müsse generationenübergreifend bekämpft werden, forderte ein Teilnehmer zum Ende der Demonstration. „Auf die Straße gehen ist eine Sache“, sagte er ins Mikrofon. „Aber bringt es auch Euren Kindern bei, denn von heute auf morgen kann man Rassismus nicht abschaffen.“

Die Kundgebung begann am Gänseliesel mit mehreren Redebeiträgen. Die Menge trauere um George Floyd, der durch das Knie eines weißen Polizisten getötet wurde, aber auch um weitere Opfer, erklärte die erste Rednerin. Dabei gingen Morde an schwarzen, weiblichen Personen und Trans-Menschen in medialen Debatten unter, obwohl diese einem viel höheren Gewaltrisiko durch die Überschneidungen von Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit ausgesetzt seien. „Ich muss auch kein Video der Ermordung einer schwarzen Personen sehen, um zu wissen, dass schwarze Menschen ermordet werden“, so die Rednerin weiter. „Jeden verdammten Tag.“ Das geschehe auch in Deutschland, sagte sie und zählte die Namen N’deye Mareame Sarr, Oury Jalloh, Dominique Koumadio, Christy Schwundeck, Yaya Jabbie und William Tonou Mbobda auf, die zwischen 2001 und 2019 ums Leben kamen.

„Uns sollte bewusst sein, wie viele Schwarze und of-Color-Menschen, sowohl im globalen Norden als auch im globalen Süden, Tag täglich ihr Leben durch weiße Menschen oder durch die Konsequenzen weißer Vorherrschaft verlieren“, sprach eine zweite Rednerin ins Mikrofon. Das geschehe unter anderem in vom Militär beherrschten Gebieten, auf unsicheren Fluchtrouten, aber auch weil ihr Gender nicht dem bei der Geburt Zugeschriebenen entspreche oder einfach nicht in vorgefertigte Bilder passe.

„Schwarze Bilder posten reicht nicht“

„Die Liste ist unendlich“, so die Rednerin weiter. Es sei die Aufgabe aller Menschen auf Rassismus aufmerksam zu machen und Ungerechtigkeiten im Alltag sowie auf struktureller und institutioneller Ebene zu bekämpfen „und nicht acht Minuten zuzusehen wie eine schwarze Person ihren letzten Atemzug tätigt und im Nachgang ein schwarzes Bild zu posten. Das reicht nicht!“ Sie fragte, ob der derzeitige Wille, antirassistisch zu sein, auch mehr werden könne als nur ein Hype? „Wir fordern und brauchen eine ehrliche Auseinandersetzung und keine punktuelle Solidarität, auch in der radikalen Linken.“

„I can’t breathe“

Nach den Redebeiträgen zogen die Teilnehmer der Kundgebung in einer spontanen Demonstration durch die Stadt, vorbei am Carree, über die Berliner Straße, die Obere Maschstraße, Prinzenstraße zurück zum Gänseliesel. Sie riefen „Black lives matter“, „I can’t breathe“ (die letzten Worte von George Floyd), aber auch „Hoch die internationale Solidarität“. Auf der Berliner Straße knieten die Teilnehmer in Gedenken an George Floyd nieder, am Platz der Synagoge wurden Kerzen entzündet und die Redebeiträge noch einmal in Englisch vorgetragen.

Mit der Resonanz auf ihren Aufruf waren die Veranstalter sehr zufrieden. „Wir hätten nie gedacht, dass so viele Menschen teilnehmen“, zog eine Sprecherin des BIPoC-Kollektivs ein positives Fazit. „Es war ein starkes Zeichen für Solidarität.“ Sie hoffe aber auch, dass sich wirklich etwas ändere und die Menschen nicht nur darüber reden und es auf ihren Social-Media-Kanälen teilen. „Ich hoffe, dass die Menschen sich wirklich mit dem Thema auseinandersetzen.“

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