Zeitzeuge über Fliegerbomben: „Der ganze Himmel war rot“

Göttingen.  Jürgen Seibert erlebt 1945 die letzten Bombardierungen auf Göttingen – und wird verschüttet. Noch heute erinnert er sich daran.

Jürgen Seibert aus Göttingen hat erlebt, wie die letzten Fliegerbomben auf Göttingen fielen.

Jürgen Seibert aus Göttingen hat erlebt, wie die letzten Fliegerbomben auf Göttingen fielen.

Foto: Claudia Bartels

Eine Fünf-Zentner-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg soll am Samstag in Göttingen entschärft werden. Als die letzten Bomben 1945 auf Göttingen abgeworfen wurden, war Jürgen Seibert nicht ganz sieben Jahre alt. Noch heute erinnert sich der 81-Jährige gut an diese Zeit, aber auch an die Vorurteile und Stolpersteine, die ihm in den Nachkriegsjahren begegneten.

Zusammen mit seiner Mutter Elfriede hatte Seibert in Ostpreußen gelebt. Als der Vater im Krieg gefallen war, kehrte die Mutter, die aus der heutigen Region Göttingen stammte, mit ihrem Sohn in ihre Heimat zurück, erzählt Seibert. „Meine Mutter gehörte zu der Generation, die mit 28 Kriegerwitwen wurden.“

Einzug bei den Großeltern

Fünf Jahre alt war er, als er in Südniedersachsen ankam, um zunächst bei den Großeltern unterzuschlüpfen. Vielleicht, so vermutet der Senior heute, sei es gut gewesen, dass sie nur zu zweit gewesen waren. Jedenfalls bekamen sie, so wie er sich daran erinnere, recht schnell in der Arndtstraße eine Wohnung.

Da seine Mutter als Telefonistin „im heutigen Sycor-Gebäude am Bahnhof“ Dienst leisten musste, betreute die Großmutter den Jungen oft. So auch während der Bombenteppich über Göttingen fiel. „Meine Mutter war während des Angriffs weg, da waren die ja alle verpflichtet. Wer verfügbar war, machte Telefondienst.“ Die Göttinger waren darauf vorbereitet, dass ein Angriff kommen würde – in den Tagen zuvor hatte es Kassel getroffen, berichtet Seibert. „Der ganze Himmel war rot. Die hatten ja Brandbomben geworfen.“ Die Warnungen habe es trotzdem gegeben, mit Handsirenen seien die Bürger gewarnt worden. „Dann war der Angriff. Wir wussten ja schon, dass was angekündigt war, weil ja vorher schon laufend Bombardierungen waren. Ich war an dem Tag in der Arndtstraße mit meiner Großmutter. Und wie das üblich war, wenn Alarm kam, man ging in den Keller. Und plötzlich rumst es. Man klammert sich an die Großmutter. Und dann wusste man nur, man ist eingeschlossen.“

Nüchterne Betrachtungen

Seibert wirkt nicht verbittert, während er seine Kindheitsjahre resümiert. Phasenweise berichtet der Senior sehr nüchtern, dann wieder kommt Leben in ihn – und der aufmerksame Blick aus seinen wachen Augen straft sein Alter Lügen. „Man wartete darauf, dass man wieder ausgebuddelt wurde. Man sah vielleicht Licht von draußen.“ Die Menschen seien zusammengerückt, das sei damals anders gewesen. „Wir waren darauf angewiesen, auf Nachbarschaftshilfe.“

Bei den Bombardierungen 1945 sei seiner Mutter erst nach Schichtende gestattet worden, nachzuschauen, „wie es in der Arndtstraße so aussieht“, erklärt Seibert. Er selbst habe sie rufen hören können, während er noch im Keller eingesperrt war.

Nachbarhaus wurde zerstört

Wie es in der Arndtstraße 1945 so ausgesehen hatte – das hatte sich der Senior auch gefragt, nachdem 2010 auf dem Schützenplatz der Blindgänger hochgegangen war. Dem heute 81-Jährigen ist der Wissensdurst anzumerken, der ihn dazu angetrieben hat, mithilfe von Archivaufnahmen und Luftbildern herauszufinden, ob seine Erinnerungen an die Zeit, nachdem die Bomben gefallen waren, mit den Bildern zusammenpassen.

„Als dieser Bombenteppich runterging, wollte man das Ausbesserungswerk, vielleicht die Firma Sartorius, die Aluminiumwerke treffen. Das habe ich mir rausgesucht.“ Seibert hat mit Hilfe von Archivaufnahmen aus dem Stadtarchiv verifiziert, dass ihn seine Erinnerung nicht trog, das Nachbarhaus an der Arndtstraße etwa war nach dem Angriff zerstört. „Man kommt da raus, das Haus weg. Die Wohnung: Kein Fenster.“ Hinter dem Haus war ein Trichter, so erzählt er.

Die Erinnerung daran habe ihn nie verlassen: „Und deshalb kann ich mir vorstellen, wie es heute an den Plätzen in der Welt vor sich gehen muss. Wenn man dann sieht, das Haus nebenan ist weg, und jetzt denkt an die Bilder aus Syrien. Dann wissen Sie, man lebt.“

Mit Geschichte auseinandersetzen

In einem dicken Ordner hat der Rentner Zeitschätze zusammengetragen. Seibert, der viele Jahre in Göttingen für die Firma Zeiss tätig war, wovon eine beachtliche Sammlung von Mikroskopen in einer Wohnzimmervitrine zeugt, hat es nicht nur dabei belassen, Luftaufnahmen aus dem Archiv auszuwerten und mit seinen Erinnerungen abzugleichen. Er hat sich auch mit seiner eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt – ohne diese zu romantisieren. Er berichtet von seinem Onkel, einem begabten Maler, der sich nach Abschluss des Abiturs perspektivlos im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg fand und der, wie so viele andere, den Versprechungen Adolf Hitlers verfiel. Ein Selbstporträt des Onkels zeigt einen jungen Mann in Uniform – mit dem Eisernen Kreuz um den Hals. Das Original hält Seibert unter Verschluss, er möchte auch nicht, dass „im Internet Fotos davon auftauchen“ – vor allem, so gibt der Rentner zu verstehen, möchte er nicht, dass die Werke seines Onkels von rechten Gruppierungen missbraucht werden.

In den Nachkriegswirren war es für Seibert nicht leicht, seinen Weg zu gehen. Auch deshalb betont der Rentner immer wieder, dass er sich in seinem Leben immer darum bemüht habe, den Menschen, denen er begegnete, ohne Vorurteile entgegenzutreten. „Egal, was die für eine Religion haben, oder wo die herkommen.“

Er selbst hat erfahren, wie schwer es ist, sich zu behaupten. Als er nach dem Abschluss der Volksschule auf das Felix-Klein-Gymnasium wechselte, konnte er dort nie richtig Fuß fassen. „Der hat keinen Vater“, zitiert der Rentner seine ehemaligen Lehrer. Dies war gleichbedeutend damit, dass ihm auf dieser Schule keine Chancen eingeräumt wurden, sein Abitur zu bestehen. Das letzte Zeugnis vom FKG fehlt Seibert in seinem sonst lückenlosen Zeugnisheft. „Meine Mutter war so empört, sie ist da hin und hat das Zeugnis vor den Augen des Lehrers zerrissen. Das war mutig.“

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