Landesforsten: „Wir haben die Lage nicht im Griff“

Braunlage.  Erst Sturmschäden, dann zwei trockene, heiße Sommer hintereinander: Den Wäldern geht es schlecht. Auch die Landesforsten kommen an ihre Grenzen.

Am Bösen Hund stapelt sich das Borkenkäfer-Holz vor der riesigen Freifläche.

Am Bösen Hund stapelt sich das Borkenkäfer-Holz vor der riesigen Freifläche.

Foto: Ina Seltmann

Um den Zustand der Niedersächsischen Landesforsten und den Zustand des Waldes ging es bei einem Ortstermin mit den SPD-Landtagsabgeordneten Petra Emmerich-Kopatsch und Dr. Alexander Saipa am Wurmberg. Hintergrund waren die Haushaltsberatungen des Landtags, die nächste Woche beginnen.

„Wir wollen sehen, welche Bedarfe es gibt“, sagte Landtags-Vizepräsidentin Emmerich-Kopatsch. Dass es Bedarf gibt, das machten Dr. Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten, und Stefan Fenner, Leiter des Forstamts Lauterberg, deutlich. Begleitet wurde das Quartett von Braunlages Bürgermeister Stefan Grote.

„Unsere Leute sind an der Grenze ihrer Kraft“, so Merker. Das gesamte Wald-Ökosystem zeige sich durch die letzten zwei Jahre beschädigt. Vor allem Südniedersachsen mit Harz und Solling seien betroffen. Merker erinnerte an den Orkan Friederike im Januar 2018, der die Wälder aufgerissen und „Zündschnüre“ für den Borkenkäfer gelegt habe. Zwei Jahre nacheinander sei es extrem trocken gewesen. Diese Bündelung habe es bisher nicht gegeben: „Orkan, Trockenheit und wärmster Sommer, diese Kombination hat den Wäldern das Genick gebrochen.“

Wenig bekannt sei, dass die Lärche vom Schädlingsbefall durch den Großen Lärchenborkenkäfer ebenso betroffen sei wie die Fichte. Die Buche zeige unheimlich schnell Pilz- und Fäulniserkrankungen, so dass dicke Äste und sogar Kronen abfallen würden. „Wir haben deswegen schon ganze Waldbereiche sperren müssen“, so Merker.

Personell hätten die Landesforsten reagiert, indem sie Mitarbeiter aus nördlichen Bereichen nach Südniedersachsen abgezogen und Unternehmer mobilisiert hätten. „Damit haben wir vielleicht noch Schlimmeres verhindert, aber nicht die Lage im Griff.“ Die Situation macht fassungslos und wütend und bedeutet eine mentale Belastung für die Förster, so Merker. Die Landesforsten würden diesen Dauereinsatz nicht ewig durchhalten können. Merker verwies auf die Holzstapel überall in den Wäldern. „Die Bäume waren für uns wie eine Sparkasse der nächsten Jahre.“ Europaweit sei der Holzpreis zusammengebrochen. Vorrang habe die Rettung der Wälder. „Im Moment leben wir von aufgebauten Reserven.“

Die Landesforsten seien mit den Ministerien im Gespräch. Man müsse darüber reden, wie der Aufbau finanziert werden könne. Die Fichte werde in bestimmten Bereichen weiterhin der Baum bleiben, erklärte Merker. Gerade am Wurmberg mit frostigen Wintern sei sie optimal, ergänzte Fenner. Darüber hinaus führe die Entwicklung zu einem Waldentwicklungstyp, der einer trockeneren Variante entspreche. Es werde Bereiche geben, wo man auf Eiche umsteige. Bisher sei auf die Buche als Allwetterlösung gesetzt worden, da sie tief wurzele und sich aus tieferen Schichten Wasser holen könne. „Das Ausmaß, in dem sie in diesem Jahr abgestorben ist, ist erschreckend“, sagte Merker.

Normalerweise fünf Millionen Pflanzen pro Jahr setzen die Niedersächsischen Landesforsten auf 330.000 Hektar Fläche. Deutschlandweit sei die Nachfrage nach Pflanzgut jetzt aber groß, das Angebot knapp, die Preise gestiegen. Die Produktion müsse erst ausgebaut werden, das Nachziehen brauche zwei Jahre, wies Fenner auf die aktuelle Problematik hin.

Auch um Wildverbiss und Abschussquoten drehte sich das Gespräch mit den Landespolitikern. Hier müsste es für einen gewissen Zeitraum Ausnahmegenehmigungen geben, damit die jungen Bäume wachsen könnten, hieß es. Die Forstleute gaben den Politikern konkrete Wünsche mit auf den Weg. Ausländische Holz-Unternehmen müssten verstärkt einbezogen werden. „Die deutsche Holzlogistik schafft es nicht.“ Innerhalb der Europäischen Union ist die Kabotage (Transportdienstleistungen innerhalb eines Landes durch ein ausländisches Verkehrsunternehmen) teilweise eingeschränkt. Ebenso müsste nachgearbeitet werden, was die Auflagen der potenziellen natürlichen Vegetation (pnV) angehe. Das Konzept, das bei Entscheidungen im Naturschutz Verwendung findet, basiert auf wissenschaftlichen Ergebnissen der 1970er Jahre und beinhaltet die Vorstellung, was wachsen würde, wenn Natur sich selbst überlassen bleibt. Dabei handele es sich um einen statischen Naturbegriff, sagte Merker. Die natürlichen Umweltbedingungen hätten sich seitdem dramatisch entwickelt.

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