Wie die Stasi zur „Grenzsicherung“ beitrug

Nordhausen  Teil 3 der Serie: „Wer ist wer?“ war keine Quiz-Sendung im DDR-Fernsehen, sondern ein Schnüffel-Programm in der ehemaligen DDR.

„Wer ist wer?“ war keine Quiz-Sendung im DDR-Fernsehen, sondern ein Schnüffel-Programm der Stasi. Die Kreisstelle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Nordhausen rühmte sich, eine „nicht unbeträchtliche Zahl von Mitarbeitern in den wichtigsten Betrieben“ im Laufe des Jahres 1989 überprüft zu haben. Es handelte sich um einen „qualitativen Prozess“ zur „operativen Lage-Beherrschung“ in Schlüsselindustrien, wie aus einer Dokumentation des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR hervor geht.

Im Einzelnen wurden auf politische Verlässlichkeit abgeklopft: im VEB IFA Motorenwerke 40 Personen, im Bauwesen 31, in der Konsumgüter-Produktion 38, im Schachtbau /Hydrogeologie fünf, im Nobas/Polygraph zehn, im Kali/Energiekonzern 20, in der Lagerwirtschaft 32 und im Post- und Fernmeldewerk 40 Personen.

Deckname Plantage

In der LPG Heringen musste unter dem Decknamen „Plantage“ eine OPK (Operative Personenkontrolle) wegen „Mängeln und Missständen“ in der Gemüseversorgung und Bereicherung vorgenommen werden. Im Fermentationszentrum Nordhausen der Akademie der Agrarwissenschaften sollten durch den Einsatz neu geworbener Inoffizieller Mitarbeiter in einer Wer-ist-wer-Maßnahme die Forschungsarbeiten im Bereich Biotechnologie „abgesichert“ werden. An der Ingenieurschule für Landtechnik in Nordhausen plante die Stasi 1989 den Aufbau eines Spitzelnetzes. Die MfS-Späher hatten auch die Agrarflüge und die Errichtung einer neuen Flugzeughalle für den erweiterten Einsatz in der Land- und Forstwirtschaft (30 Kontrollen) auf dem Radar.

Um „politisch-ideologische Diversion“ durch Besucher aus der Bundesrepublik abzuwehren, wurden die IM Nadja, Ulf, Wartburg, Sabine und Walter auf Gruppen der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Landeszentrale für politische Bildung angesetzt. Schwerpunkte der Überwachung waren das Hotel Handelshof und das Parkschloss. „Kontaktbestrebungen“ von Westdeutschen zu DDR-Bürgern waren zu melden. Besonders scharfen Überprüfungen wurde der Jugendtourismus in westeuropäische Länder unterzogen.

Als besonders wichtig galt die Aufgabe, westliche Journalisten „unter Kontrolle zu halten“. Zusammen mit der Spionageabwehr der Bezirksverwaltung Erfurt sollten „Absichten und Ziele bei Einreisen in die DDR unter Ausnutzung des weiteren Kontaktes zu dem Reiseziel in der DDR aufgeklärt werden“.

Zunehmend verdächtig kam der Stasi die Kirche vor, vor allem wegen Kontakten und Partnerschaften mit dem Westen. Dem Referat „Territoriale Bereiche“ oblag auch die Schaffung konspirativer Wohnungen, und zwar im Gesundheitswesen, in der Kultur, der Landwirtschaft und des Reiseverkehrs.

Schlampige Arbeit

Die Kreisdienststelle des MfS in Nordhausen hatte in den 40 Jahren ihres Bestehens vier Standorte: Anfangs in der Ernst-Thälmann-Straße 123 (heute Bochumer Straße), dann in der Morgenröte, später in der Riemann-Straße 1 und schließlich in der Dr.-Kurt-Fischer-Straße (heute Ludolfinger Straße). Sie hatte in der Frühphase nur „Mittelmaß“ im Bezirk Erfurt, wurde in den Folgejahren für „vorbildliche enge Zusammenarbeit“ mit der SED gelobt. Allerdings gab es auch Beanstandungen wegen „schlampiger Arbeit“ mit den IM.

Das wichtigste der sechs Referate (insgesamt 55 Planstellen, 1989 jedoch 68 hauptamtliche Mitarbeiter) war jenes für „Staatsgrenze/Grenzsicherung“ an der 36 Kilometer langen Grenze des Kreises Nordhausen zur alten Bundesrepublik. Angelpunkte waren Ellrich, Sülzhayn und Rothesütte. Für diesen Bereich wurden 1989 die OPK „Kontakt“ und „Sprung“ angelegt, um Bewohner ausfindig zu machen, die „abhauen“ wollten. Sowohl in Ellrich wie auch in Appenrode, Klettenberg, Sülzhayn und Woffleben sollten die IM-Netze gegen „Grenzverletzer“ erweitert werden.

Acht Prozent der Bevölkerung des Kreises Nordhausen wohnten in zehn Orten des Grenzgebietes. Im sogenannten Schutzstreifen waren nur noch 80 Personen ansässig. Zu einem Drittel verlief die Staatsgrenze entlang bewalteter Gebiete.

Nach Einschätzung des MfS bot dieser Grenzabschnitt durch die Reichs- und Harzquerbahn sowie die Fernstraße 80 „eine Hauptangriffsrichtung durch Grenzverletzer“ wegen der günstigen „Annäherungsmöglichkeiten im Vorfeld“. So entfielen bis zu 80 Prozent der Fluchtversuche auf diesen Abschnitt.

Mehr als 80 Prozent der Treffs mit den IM des Referates Grenzsicherung fanden nicht in konspirativen Wohnungen statt, sondern auf Arbeitsstellen, in Kleinbe-trieben oder im Dienst-Pkw. Dabei wurden Tonband-Berichte aufgenommen, was nach der Rüge aus Erfurt dem „Prinzip der Konspiration“ widersprach.

Oberleutnant Müller, der den Jugendklub Sülzhayn im Auge behalten sollte, wurde kritisiert, weil er nur in seiner Dienstzeit sich darum kümmere. Für die Einsätze gebe es zu oft „unkonkrete, undifferenzierte Ziele“.

Im Zuge der Wer-ist-wer?-Überprüfung nahm die Stasi in Nordhausen im Grenzgebiet vor allem Angehörige der Volkspolizei-Gruppenposten, Personen, die mit schwerer Technik eingesetzt wurden bzw. zu schwerer Technik Zugriff hatten, die „feindwärts“ der Sicherungsanlagen tätig waren wie beim VEG Staatlicher Forstwirtschaftsbetrieb oder der Meliorationsgenossenschaft und im Grenzgebiet wohnhafte Jugendliche mit „operativ bedeutsamen Merkmalen“. Die „Hauptanmarschwege der Grenztäter“ sollte die Volkspolizei besser abriegeln.

Als 1952 die Sperrzone im Grenzkreis Nordhausen eingerichtet wurde – fünf Kilometer breites Sperrgebiet, 500 Meter „Schutzstreifen“ – lautete die offizielle Begründung, damit solle „das Eindringen von Diversanten, Spionen, Terroristen und Schädlingen in die DDR“ vereitelt werden.

Tatsächlich ging es um die Verhinderung von Flucht in den Westen, die für die DDR existenzielle Bedeutung hatte. Es folgte die Zwangsumsiedlung von Bewohnern des Grenzgebietes unter dem menschenverachtenden Decknamen „Ungeziefer“.

Funktionstüchtig und wirksam

Oberstleutnant Hubert Kurzbach, Leiter der Kreisstelle Nordhausen, wie die meisten Stasi-Offiziere ein Diplom-Jurist der MfS-Hochschule Potsdam, konnte unmittelbar vor dem Zusammenbruch der DDR die „Grenzsicherungsanlagen“ als „funktionstüchtig“ und „wirksam“ preisen. In „sozialistischer Sparsamkeit“ waren dafür keine neuen Mittel mehr aufgewendet worden. Auf Druck der Bundesregierung waren die mörderischen Minen und Selbstschussanlagen längst abgebaut. Einige Jahre zuvor hatte der Chefarzt Dr. Gebhardt im Krankenhaus Ilfeld sie noch als „fahrlässig und gewissenlos“ gebrandmarkt, als er durch eine Explosion verstümmelte Grenzposten operieren musste.

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