Die Schmalspurbahn macht süchtig

Nordhausen  Redakteur Thomas Kügler war einen Tag lang auf Dienstreise mit den Zugführerinnen der HSB. Ein Job mit Verantwortung.

Von Romantik keine Spur. Nasskalt und grau empfängt mich der Bahnhofsplatz in Nordhausen. Der Wind treibt Regen über das weite Rund. Der Bahnhof der Harzer Schmalspurbahnen duckt sich zwischen den großen Bruder von der DB und den Prachtbauten in der Nachbarschaft.

Von hier aus werde ich Denise Schwennecke nach Drei Annen Hohne begleiten. Es ist ihre erste Schicht. Nach einer zweijährigen Familienphase steigt sie wieder als Zugführerin ein.

Im Vergleich zu ihren Kollegen auf der Lok stehen Zugführer im Schatten. Dabei geht ohne sie gar nichts. Auf jedem Lok-bespannten Zug muss jemand die Mütze aufhaben, so schreibt es das Allgemeine Eisenbahngesetz vor. Aber Zugführer sind zur Mangelware geworden, berichtet Dirk Bahnsen, Pressesprecher HSB.

Denise Schwennecke ist Quereinsteigerin. Gelernt hat sie Friseurin. Weil sie den Beruf nicht mehr ausüben konnte, riet ihr Vater, zur HSB zu wechseln. Er arbeitet als Lokführer. Es folgten anderthalb Jahre Ausbildung, die Arbeit als Schaffnerin und drei Zusatzqualifikationen, bevor die 28-Jährige sich Zugführerin nennen konnte.

„Wir sind vor allem für die Sicherheit zuständig“, erklärt Katrin Köthe. Sie begleitet die Kollegin heute. Es hat einige Änderungen gegeben in den letzten zwei Jahren.

Mit Kelle heben und in die Trillerpfeife pusten ist es nicht getan. Denise Schwennecke muss eine halbe Stunde vor der Abfahrt auf dem Bahnsteig stehen. Sie überwacht die Zusammenstellung des Zugs, prüft hier und wackelt dort. Sie gibt ihr OK erst, als die Funktionstüchtigkeit der Bremsanlage feststeht. Wenn der Zug um 17.39 Uhr seine Fahrt in Nordhausen beenden wird, wartet noch eine halbe Stunde Nachbereitung.

Die ersten zwanzig Minuten sind ruhig. Es bleibt genug Zeit für Fachgespräche und Papierkram. Schlagartig wird es ungemütlich. In Illfeld liegt Schnee auf den Bahnsteigen, es schneit. An der Eisfelder Talmühle ist die Schonzeit vorbei. Der Zug füllt sich, die Lok tankt Wasser nach.

Zwischen 13,50 und 14,70 Meter ist ein Waggon der HSB lang. Sechs Waggons und ein Gepäckwagen mit Dienstabteil ergeben einen Zug. Wie viele Meter eine Zugführerin während der Arbeit zurücklegt, ist nirgends dokumentiert. Denise Schwennecke hat es mal mit einem Schrittzähler nachgemessen. Sie kam auf 10 Kilometer. Wie viele Türen sie dabei geöffnet und wieder geschlossen hat, das weiß sie nicht.

Schnelles Umschalten

Das Diensthandy stört die Besprechung: Die Strecke zwischen Schierke und dem Brocken ist wegen Schneeverwehungen gesperrt und in Drei Annen Hohne wartet eine 25-köpfige Reisegruppe, Eisenbahnfans aus Großbritannien.

„Schnelles Umschalten und Entscheidungen treffen, auch das gehört dazu“, erklärt Katrin Köthe. Sie ist seit 30 Jahren dabei. „Zugführerin war nicht mein Traumberuf, aber er ist es geworden“, erinnert sie sich. Die Zahl ihrer Bahnkilometer dürfte für mehrere Erdumrundungen reichen, vielleicht sogar bis zum Mond. „Langweilig ist es nie“, versichert sie. Die Landschaft verändere sich jeden Tag, jeder Tag sei eben anders.

Pünktlich um 12.14 Uhr erreichen wir Drei Annen Hohne. Lokführer und Heizer koppeln ab, fahren ein Stück in Richtung Norden, fahren dann auf dem anderen Gleis zurück am Zug vorbei auf die Warteposition und zum Wasser tanken. Wir werden den Zug aus Wernigerode übernehmen und zur Eisfelder Talmühle bringen. Die Lok aus Wernigerode übernimmt unseren Zug.

Besuch von der Insel

Die dampfhungrigen Briten warten schon auf dem Bahnsteig. Der Schneefall wird immer dichter als endlich unser Zug kommt. Noch einmal wird die Lok rangiert, angekoppelt und alle Leitungen miteinander verbunden. Bevor sie das Signal zur Abfahrt gibt, überprüft Denise Schwennecke die Arbeiten.

„Lovely, lovely, it’s like christmas.“ Die britische Reisegruppe ist nicht enttäuscht. Auch ohne Brocken erfreuen sie sich an der Fahrt durch den tief verschneiten Wald.

Wir erreichen die Eisfelder Talmühle. Dort beginnt wieder das Spiel von Abkoppeln, Auftanken, Umsetzen, Rangieren, Andocken und Überprüfen. Zwanzig Minuten später ertönt der Pfiff und der Zug setzt sich in Richtung Drei Annen Hohne in Bewegung.

Obwohl es erst früher Nachmittag ist, herrscht in Drei Annen Hohne Dämmerung. Der dichte Schneefall erschwert die Sicht. Zugtausch steht auf dem Programm: Abkoppeln, Umsetzen, Wasser tanken, Rangieren.

Um 15.40 Uhr beginnt die letzte Tour talwärts. In knapp zwei Stunden werden wir Nordhausen erreichen. Denise Schwennecke ist mehr als zufrieden: „Ich freue mich, wieder dabei zu sein. Das Rattern der Waggons und das Pfeifen der Loks habe ich vermisst. Doch, doch, die HSB macht süchtig.“

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