Die alten Heilstätten sind kaputt

Goslar  Die Tuberkulose ist besiegt, die Harzer Sanatorien gegen Lungenkrankheiten verfallen indes. Oft geben Brandstiftungen den Ruinen den Rest.

Das Sanatorium auf dem Königsberg wurde 1895 das erste Genesungshaus einer deutschen Versicherungsanstalt.

Das Sanatorium auf dem Königsberg wurde 1895 das erste Genesungshaus einer deutschen Versicherungsanstalt.

Foto: Bruns, Epping, Schenk, Stadtarchiv

„Meine Güte, war das hier ein Tanzsaal?“„Nein“, antwortet Winfried Dörner. „Das waren zwei Räume auf unterschiedlichen Etagen. Die Zwischendecke ist eingestürzt.“ Dörner steht in einem der verbliebenen Gebäude des ehemaligen Sanatoriums auf dem Königsberg bei Goslar. Es riecht leicht muffig. Nicht übermäßig. Kein Wunder, die Räume sind schließlich gut durchlüftet. Fensterscheiben gibt es schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

„Sie kamen aus den verschmutzten Städten und brauchten sich um nichts zu kümmern.“
Winfried Dörner, Autor, über die Patienten in den Heilanstalten

Dörner verfasst Bücher über lokalhistorische Themen. Sein nächstes, das in etwa zwei Jahren erscheinen soll, schreibt der 40-Jährige aus Bad Salzdetfurth über Lungenheilstätten im Harz. Ihm zur Seite steht Andreas Jüttemann. Der 28-Jährige promoviert an der Berliner Charité zu preußischen Lungenheilstätten. „Den Ausgangspunkt bildete 1854 das Sanatorium von Dr. Herrmann Brehmer in Görbersdorf im Riesengebirge“, erzählt Jüttemann. Die Einrichtung im heute polnischen Sokolowsko bezeichnet er als erste Lungenheilstätte der Welt.

„Tuberkulose und Lungenkrankheiten waren damals weit verbreitet“, erklärt der Berliner. In Heilstätten, die außerhalb von Siedlungen lagen, konnten die Erkrankten in frischer Luft genesen und liefen nicht Gefahr, andere anzustecken. So auch im Königsberg-Sanatorium, das 1895 von der Landesversicherungsanstalt Hannover erworben wurde und damit laut Jüttemann das erste von einer deutschen Versicherungsanstalt eingerichtete Genesungshaus ist.

Erste Invalidenversicherung

„Die erste Invalidenversicherung gab es 1890“, so der Mediziner. Es entwickelten sich Kuraufenthalte, bei denen die Patienten von ihrer Familie begleitet wurden. „Sie kamen aus den verschmutzten Städten und brauchten sich um nichts zu kümmern“, fügt Dörner an. Zwischen Ruhrgebiet und Ostpreußen entstanden daher viele großzügig ausgebauten Heilstätten. In den 70er Jahren allerdings waren Tuberkulose-Erkrankungen bekämpft, das System der Lungenheilstätten wurde zum Auslaufmodell. In Polen werden heute zwar noch etliche Sanatorien genutzt. Im deutschen Gesundheitssystem war aber nur wenig Platz für die großen Bauten – auch im Harz.

Selten läuft es wie bei der Klinik am Schwarzenbacher Teich in Clausthal-Zellerfeld, die die Deutsche Rentenversicherung Braunschweig-Hannover vor zwei Jahren aufwendig modernisierte. Erbprinzentanne auf der anderen Seite von Clausthal-Zellerfeld soll ein Zentrum für Traditionelle Chinesische Medizin werden, in Schielo im Unterharz wird das Sanatorium noch betrieben. Doch damit erschöpft es sich. Für die geschlossene Rehbergklinik in St. Andreasberg gibt es keinen Investor, der Rest verfällt. Das seit 30 Jahren leerstehende Königsberg-Sanatorium ist nach zwei Großbränden, zuletzt 2009, im ruinösen Zustand und dient nur noch als Übungsgelände für die Rettungshundestaffel 1 des RHV Goslar. Geradezu gespenstisch wirken die Anlagen, die deutlich größer als der Königsberg sind. Das Albrechtshaus bei Stiege, ohnehin schon verfallen, ist seit einem Großbrand vergangenen August nur noch ein Schutthaufen. Pläne, es in ein von der EU gefördertes Kempinski-Resort zu verwandeln, sind schon vor Jahren gescheitert.

Ferienpark-Pläne gestorben

Zu einem Ferienpark der Center-Parcs-Tochter Sunparks hätte die Johanniter-Heilstätte auf dem Ochsenberg werden können. Auch solche Pläne haben sich verflüchtigt. So fristet die Anlage, so groß wie ein kleines Dorf, mitten im Nirgendwo zwischen Hohegeiß, Sorge und Benneckenstein ein Schattendasein. Immerhin ist die riesige Ruine mit ihren Nebengebäuden – abgesehen von einem Brandschaden im Mai 2007 – dadurch in ihren äußeren Ausmaßen erhalten geblieben.

Sülzhayn im Südharz: Im Frühjahr sehenswert durch üppig blühende Rhododendronbüsche. Das kleine Dorf bei Ellrich ist eine kuriose Mischung aus verfallendender DDR-Architektur, maroden Fachwerkbauten, wieder rausgeputzten Jugendstilvillen und modernsten Rehaklinikanlagen. Etwas oberhalb endet eine Straße im Berghang an einer großflächigen Ruine, der einstigen Knappschaftsheilstätte, die vor 17 Jahren stillgelegt wurde.

Dem Bau ergeht es wie allen anderen: Was nicht niet- und nagelfest ist, ist geplündert, Fenster sind kaputt, Wände eingefallen, Müll türmt sich. Ab und zu verirrt sich ein Kuriositätensammler, der wieder unverrichteter Dinge abzieht.

Die Gebäude, im großzügigen wilhelminischen Stil erbaut, verfallen indes weiter, ohne dass sich eine Nachnutzung anbahnt. Nachdem die Tuberkulose schon längst besiegt ist, sind bald auch keine baulichen Zeugnisse mehr von der Zeit der Lungenheilstätten übrig.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)