Interview

Klimaökonom Edenhofer: „Wir laufen in eine Versorgungskrise“

| Lesedauer: 11 Minuten
Dürre hat Deutschland fest im Griff

Dürre hat Deutschland fest im Griff

Flüsse trocknen aus, Straßenbäume sterben ab, die Schifffahrt ist beeinträchtigt: Derzeit sind die Folgen der Dürre in vielen Teilen Deutschlands schmerzhaft zu spüren.

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Berlin.  Die Klimaziele der Ampel-Koalition sind noch zu erreichen, sagt Klimaökonom Ottmar Edenhofer. Sorgen macht ihm aber etwas anderes.

Vor dem Fenster im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sehen die Bäume schon im August herbstlich aus, die Wiese ist trocken. PIK-Direktor und Klimaökonom Ottmar Edenhofer kann an seinem Arbeitsplatz besichtigen, wovor er seit Jahrzehnten warnt. Die Krise ist hier. Im Interview erklärt er, warum es noch nicht zu spät ist und welches Problem uns diesen Winter erwartet.

Herr Edenhofer, den Rhein kann man im Moment zu Fuß überqueren, eine Rekordfläche Wald ist diesen Sommer in Europa abgebrannt, und die Hitze hat tausende Leben gekostet. War Ihnen klar, dass schon die frühen 2020er so aussehen würden?

Ottmar Edenhofer: Es war uns klar, dass die Wahrscheinlichkeit von solchen Extremereignissen zunimmt, und dass sie heftiger werden. Das ist keine Überraschung.

Können Sie sagen, wie die nächsten Jahre in Deutschland aussehen werden?

Edenhofer: Wie genau sich das Klima in den nächsten Jahre entwickeln wird, kann ich nicht sagen. Aber sowohl Hitze als auch Überschwemmungen werden wahrscheinlicher, und sie werden extremer. Die Berechnungen zu den ökonomischen und sozialen Kosten des Klimawandels sind in den letzten Jahren immer wieder nach oben korrigiert wurden. Aktuell rechnen wir mit 800 Euro pro Tonne CO2. Und das ist die untere Schranke dessen, was uns da erwartet.

Diese Bundesregierung ist angetreten mit dem Anspruch, eine Klimaregierung zu sein. Wird sie diesem Anspruch gerecht?

Edenhofer: Die Ampel-Regierung hat sich in ihrem Koalitionsvertrag sehr ehrgeizige Ziele gesetzt. Wir warten immer noch auf das große Klimaschutzprogramm der Bundesregierung, dass diese Ziele verwirklicht. Die Lücke zwischen den Zielen und ihrer Umsetzung ist durch den Ukraine-Krieg noch größer geworden.

Sind die Klimaziele der Bundesregierung noch zu halten?

Edenhofer: Im Großen und Ganzen würde ich sagen: Ja, die Ziele sind erreichbar. Im Verkehrs- und Gebäudesektor könnte es sein, dass wir sie in diesem Jahr deshalb erreichen, weil die Öl- und Gaspreise so stark gestiegen sind. Und im Energiesektor verstromen wir jetzt zwar mehr Kohle. Aber in diesem Bereich gibt es ab 2023 keine jährlichen Ziele mehr, stattdessen werden die Emissionen gedeckelt durch den europäischen Emissionshandel. Solange der funktioniert, wird deshalb in Summe trotzdem nicht mehr CO2 ausgestoßen. Das Problem ist jedoch die Umsetzung der Klimaziele bis zum Jahr 2030. Der Ausbau der Erneuerbaren stockt.

Statt im großen Stil Windräder baut Deutschland derzeit LNG-Terminals, von denen Umweltverbände sagen, dass sie völlig überdimensioniert sind.

Edenhofer: Aktuell ist die Nachfrage nach Gas hoch und das weltweite Angebot knapp. Daher sind die aufgebauten LNG-Kapazitäten wahrscheinlich nichtüberdimensioniert. Die Frage ist, was wir mit diesen Kapazitäten machen, wenn die aktuelle Krise vorbei ist. Einen großen Teil dieser Kapazitäten, die wir dann nicht mehr benötigen, werden wir wieder abbauen müssen und ein Teil wird sich vielleicht auf Wasserstoff umrüsten lassen. Aber kurzfristig müssen wir auf den Krieg in der Ukraine und die Versorgungskrise reagieren, auch mit dem Aufbau von LNG-Terminals. Kurzfristige Versorgungssicherheit ist ebenso wichtig wie langfristiger Klimaschutz. Übrigens auch im Strombereich. Mit den großen Ausfällen von Kernkraft in Frankreich, den ausgetrockneten Flüssen, über die kaum noch Kohle zu den Kraftwerken gelangt und den steigenden Strompreisen laufen wir auch gerade in eine echte Versorgungs- und Sicherheitskrise hinein – bedingt auch durch den jetzt schon stattfindenden Klimawandel.

Erst Atomausstieg, dann Kohleausstieg – war das die richtige Reihenfolge?

Edenhofer: Der Atomausstieg war eine Reaktion auf die Reaktorkatastrophe in Fukushima. Das war keine klimapolitische Entscheidung. Und im Anschluss haben wir zehn neue Kohlekraftwerke in Deutschland gebaut. Das hätte man sicher besser machen können, aber das ließ die Situation politisch eben nicht zu. Wenn Sie mich fragen, ob der Atomausstieg klimapolitisch vertretbar war, sage ich ganz klar ja. Ich glaube nicht, dass die Kernenergie eine Zukunftstechnologie ist. Aber man hätte den Ausstieg anders machen können und müssen, nämlich gleichzeitig den CO2-Preis für die Kohlekraftwerke erhöhen, um damit den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen.

Noch sind wir nicht komplett ausgestiegen. Sollten die drei verbliebenen Meiler weiterlaufen?

Edenhofer: Man sollte darüber diskutieren, ob die Laufzeiten kurzfristig verlängert werden. Die Lage in der Versorgungssicherheit im Stromsektor wird in den nächsten Wochen aller Voraussicht nach dramatischer. Ich bin zwar skeptisch, was eine Verlängerung bringt – viel Gas kann man damit nicht einsparen. Aber es kann sein, dass wir die Meiler brauchen für die Versorgungssicherheit im Stromsektor. Ich habe große Zweifel, ob der sogenannte Streckbetrieb funktioniert und kann nicht beurteilen, wie schnell neue Brennstäbe zu beschaffen sind und ob für den Weiterbetrieb die sicherheitstechnischen Voraussetzungen gegeben sind. Aber es muss klar sein: Eine Laufzeitverlängerung ist nur sinnvoll, wenn sie eine kurzfristige Versorgungskrise im Stromsektor verhindern hilft. Wir sollten keine Debatten führen, die von den wirklichen Problemen ablenken und unter der Hand den letztlich den Wiedereinstieg in die Kernenergie befördern wollen. Das ist absurd. Es gibt langfristig in Deutschland keine Zukunft für Kernenergie. Der Ausstieg als Ganzes darf auf keinen Fall in Frage gestellt werden.

Die Bundesregierung will das Klimaschutzgesetz reformieren, weil absehbar die Sektorziele gerissen werden. Ist das eine gute Idee?

Edenhofer: Klimaziele sind wichtig und sie erfüllen sich nicht dadurch, indem wir sie abschaffen. Wir sollten aber darüber reden, wie der Rahmen so gestaltet werden kann, dass wir sie besonders effizient erreichen. Wir haben den europäischen Emissionshandel, der Energie und Industrie abdeckt. Und wir haben die Vorgaben der sogenannten europäischen Lastenteilung, wo es keinen Handel gibt, sondern für die Bereiche Gebäude, Verkehr und Landwirtschaft bindende Ziele für jedes Land festgelegt sind. Selbst wenn die Sektorziele also in Deutschland abgeschafft werden, müssen wir die europäischen trotzdem erfüllen. Meiner Meinung nach sollte es auch für diesen zweiten Bereich einen europäischen Emissionshandel geben, der ein Obergrenze an Emissionen festlegt und in dem sich die Preise frei bilden.

Wo würden diese Preise dann liegen?

Edenhofer: Sicherlich über 100 Euro, vielleicht bei etwa 150 Euro. Die Unsicherheiten sind groß. Wüssten wir, wie hoch die Preise sind, bräuchten wir keinen Emissionshandel, um genau dies herauszufinden.

Aber die Leute haben doch jetzt schon zu kämpfen mit der Inflation, mit den explodierenden Energiepreisen. Wie soll das gehen?

Edenhofer: Die soziale Belastung muss abgefedert werden. Wir müssen einkommensschwache Haushalte direkt entlasten. Nicht nur wegen der CO2-Preise, sondern vor allem wegen der extrem ansteigenden Gaspreise. Diejenigen, die nicht in den untersten 20 Prozent der Einkommensverteilung gehören, aber zu den 20 Prozent drüber, also die untere Mittelschicht, werden eine erhebliche Belastung spüren. Die Ampel muss jetzt einen Weg finden, diese Gruppe zu entlasten. Die Senkung der Mehrwertsteuer auf Gas ist der falsche Weg, weil damit der Gaspreis abgesenkt wird und damit die dringend notwendige Einsparung von Gas konterkariert wird. Sehr viel sinnvoller sind Direktzahlungen. Daher ist es von höchster Relevanz, dass die Bundesregierung jetzt einen Kanal aufbaut, um eine Direktzahlung an Bürgerinnen und Bürger zu ermöglichen. Denn diesen gibt es bisher in Deutschland noch nicht.

Erleben wir gerade eine Renaissance von fossilen Energien weltweit?

Edenhofer: Es gab nie eine Phase, in der wir uns im Kern weltweit von den fossilen Energieträgern gelöst haben. Die Emissionen sind in der letzten Dekade jedes Jahr gewachsen, nur etwas langsamer als in der Dekade vorher. Wir fahren also etwas langsamer auf die Wand zu. Die Ukraine-Krise verschärft das Problem, weil der Gaspreis schneller steigt als der Kohlepreis. So haben zum Beispiel Länder in Südostasien einen Anreiz, Gas auf den Weltmärkten zu verkaufen und stattdessen Kohle zu verstromen. Und deshalb ist die Kohle voll zurück.

Wie dreht man diesen Trend?

Edenhofer: Das wird eine der ganz großen Aufgaben für die Klimakonferenz in Ägypten in diesem Jahr. Wir müssen den Kohleausstieg weltweit vorantreiben – nicht nur in China und Indien, sondern auch in den kleineren süd-ostasiatischen Ländern wie Bangladesch, Vietnam, Indonesien. Länder, die aus der Kohle aussteigen, müssen Unterstützung bekommen für die Transformation ihres Energiesystems. Die Kohlekraftwerke, die jetzt weltweit am Netz sind, gebaut werden und noch geplant sind, werden über ihre Lebenszeit hinweg etwa 320 Gigatonnen CO2 emittieren. Wenn wir 1,5 Grad Erwärmung nicht überschreiten wollen, haben wir insgesamt noch ein Budget von 330 Gigatonnen. Das wäre allein durch die Kohle verbraucht.

Kollegen von Ihnen haben kürzlich eine Studie veröffentlicht, in der sie zu dem Schluss kommen, dass wir nicht ausreichend über Worst-Case-Szenarien sprechen, einschließlich des möglichen Endes menschlicher Zivilisation. Sind wir immer noch zu optimistisch?

Edenhofer: Wir unterschätzen die Schäden des Klimawandels und wir unterschätzen unsere Möglichkeiten, mit technischen und ökonomischen Möglichkeiten den Klimawandel zu begrenzen. Man muss nicht das Ende der Zivilisation heraufbeschwören, um die Ziele des Paris-Abkommens zu rechtfertigen. Die Schäden des Klimawandels sind aktuell schon schlimm genug. Wir müssen jetzt handeln. Der Blick in den Abgrund mag ab und zu notwendig sein. Aber wir sollten uns darauf konzentrieren, von dem Pfad runterzukommen, auf dem wir jetzt sind. Wir müssen die Emissionen reduzieren. Es ist billiger, Klimawandel durch mutige Klimapolitik zu vermeiden, als gefährlichen Klimawandel zuzulassen.

Interaktiv:Klimawandel - wo die Erde unbewohnbar wird

Schaffen wir es, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen?

Edenhofer: 1,5 Grad wird richtig knapp. Wenn man Paris ernst nimmt mit dem Ziel ‚deutlich unter zwei Grad‘, dann ist das machbar. Aber mehr als die Ziele beschäftigt mich die Umsetzung. Wir sind gut im Versprechen. Wir sind schlecht im Einhalten. Wir sollten lernen unsere Versprechen einzuhalten.