Nachruf auf eine Legende

Zum Tod von Tina Turner: Simply the best – einfach die Beste

| Lesedauer: 9 Minuten
Tina Turner im Jahr 2000: Die Rockröhre legte seit den 1960er Jahren eine beachtliche Karriere hin.

Tina Turner im Jahr 2000: Die Rockröhre legte seit den 1960er Jahren eine beachtliche Karriere hin.

Foto: ED OUDENAARDEN / ANP / AFP

Zürich  "Die Welt hat eine Legende verloren", hieß es zum Tod von Tina Turner. Unser Autor erklärt, warum das beileibe keine Übertreibung ist.

Sie war einfach die Beste. Und jetzt ist sie gegangen und bleibt doch die Beste. Nach einem Leben und einer Karriere mit – "River Deep, Mountain High" dunkelsten Tiefen und gleißenden Höhen ist Tina Turner am Mittwoch in ihrem Haus in Küsnacht im Schweizer Kanton Zürich im Alter von 83 Jahren gestorben. Die "Acid Queen", die Königin des Soul, die Königin des Rock, die Königin des Pop ruht für immer.

Wohl keine Sängerin musste für ihren Erfolg, ihre Erfüllung so hart kämpfen und so viel dafür einstecken wie die am 26. November 1939 in Brownsville, Tennessee geborene Anna Mae Bullock. Als zweite Tochter eines Baptisten-Diakons wächst sie im winzigen Nest Nutbush auf und lässt dort im Kirchenchor ihre Stimme erklingen, bevor sie 1955 nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter und Schwester nach St. Louis umzieht.

Dort lernt sie ein Jahr später den R&B-Sänger Ike Turner kennen, steigt als Backgroundsängerin ein und bekommt mit Saxophonspieler Raymond Hill ihren ersten Sohn Craig. Aber es ist Ike Turner, den sie 1962 heiraten wird und auf dessen Wunsch sie sich Tina nennt. Die "Ike & Tina Turner Revue" reißt bis 1976 mit furiosem R&B, Soul und Funk Millionen Fans mit, Songs wie "River Deep, Mountain High", "Proud Mary" und "Nutbush City Limits" werden Klassiker der Popgeschichte.

Ike Turner tyrannisierte seine Frau

Doch während Ike an der Gitarre die Bühne Tina und den "Ikettes"-Tänzerinnen für atemberaubende, laszive Shows überlässt, tyrannisiert er seine Frau und Mutter des 1960 geborenen gemeinsamen Sohnes Ronald (zusätzlich adoptiert Tina noch Ike Jr. und Michael aus Ikes vorherigem Liebesleben) abseits des Rampenlichts jahrelang mit harter Hand.

Berauscht vom Erfolg und vom Kokain, beherrscht von Neid, Kontrollwahn und Sexsucht missbraucht und verprügelt Ike Tina wieder und wieder. "Er benutzte meine Nase so viele Male als Boxsack, dass ich beim Singen fühlen konnte, wie Blut meinen Rachen hinunterrann. Und ich kann mich nicht daran erinnern, jemals kein blaues Auge gehabt zu haben", schreibt Tina 2018 in ihrem Buch "My Live Story".

Die Ehe, die mit einer Hochzeitsnacht in einem Bordell in Tijuana begann, in das Ike seine Braut schleppte, endet mit der Scheidung 1978. Ike Turner stirbt 2007 mit 76 Jahren an einer Überdosis Kokain.

1976 gelingt ihr die Flucht

Die Flucht vor Ike ergreift Tina bereits 1976. Nach einer weiteren Prügelorgie im Statler Hotel in Dallas schafft sie es, Ike zu beruhigen und in den Schlaf zu massieren. Im blutbefleckten weißen Hosenanzug rennt sie einfach los, nur mit ein paar Cent in der Tasche. Ein freundlicher Hotelangestellter im Lorenzo versteckt sie mehrere Tage lang und ein Anwalt lotst sie nach Kalifornien. Aber so befreit sie Ende der 70er Jahre als Mensch ist, als Künstlerin ist sie auf dem absoluten Tiefpunkt.

Ihre Versuche, den Disco-Boom mit ihren Solo-Alben "Rough" (1978) und "Love Explosion" mitzunehmen, floppen brutal. Wenn das durch Cabaret-Tourneen durch Clubs und Hotels verdiente Geld nicht reicht, geht Tina putzen. Für die großen Plattenfirmen ist sie als 40-Jährige und Relikt einer vergangenen Pop-Ära nicht mehr interessant. Eine Fehlentscheidung, wie sich bald zeigen wird.

Es gibt Anfang der 80er noch Menschen, die an Tina, ihre Stimme, ihre Ausstrahlung glauben. Ihr australischer Manager Roger Davis hilft ihr von 1979 an, ein neues, rockiges Image aufzubauen. Rod Stewart singt mit ihr "Hot Legs" bei "Saturday Night Life" und die Rolling Stones nehmen sie mit auf ihre US-Tour 1981.

Sie bricht jede Regel

Bei Capitol Records wird man aufmerksam, und Tina Turner nimmt 1983 die Single "Let’s Stay Together" auf, ein Cover von Al Green. Der Vertrieb funktioniert zuerst nicht, aber die für sie zuständigen Labelmitarbeiter, darunter der Deutsche Erwin Bach, setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um den Song in den Plattenläden, im Radio und im Fernsehen zu platzieren.

Es wird ein beachtlicher Hit in Europa und in den USA. Das folgende Album "Privat Dancer" und der Song "What’s Love Got to Do with It” katapultieren Tina Turner 1984 zurück ins Rampenlicht und ganz nach oben. Ein unfassbares Comeback.

Mit "Break Every Rule" (1986) und "Foreign Affair” (1989), einer Rolle im Actionhit "Mad Max – Jenseits der Donnerkuppel" (1985) und erfolgreichen Welttourneen mit bis dahin ungeahnten Rekordumsätzen wird Tina Turner zu einer Popgigantin, die Stadien füllt. In Rio de Janeiro drängen sich 1988 fast 190.000 im Maracanã-Stadion.

180 Millionen Tonträger wird sie in ihrer Karriere verkauften. Als Frau, als Afroamerikanerin und als Mensch in den mittleren Jahren hat sie in dieser Zeit eine absolute Alleinstellung, die Generationen junger Sängerinnen inspirieren wird. Sie ist "The Best".

Bald macht sie goldene Augen

Auch privat findet sie ihr Glück: Musikmanager Erwin Bach holt sie 1985 vom Flughafen ab. "Für Tina war es Liebe auf den ersten Blick, für mich war es ein Job. Und ein Job ist ein Job", erinnert sich Bach 2019 im Gespräch mit dieser Redaktion, einem seiner seltenen Interviews. Aber Tina kriegt ihn herum, sie werden ein Paar, ziehen ins Château Algonquin in Küsnacht am Zürichsee und heiraten 2013.

Die Bühne will Tina Turner eigentlich nach ihrer Tour 2000 zu ihrem letzten Studioalbum "Twenty Four Seven" hinter sich lassen. Aber 2008 feiert sie ihr 50. Bühnenjubiläum mit einer weiteren, triumphalen Welttournee. Der Auftaktsong bei ihren drei ausverkauften Shows in der Barclays Arena ist "Get Back" von den Beatles, anschließend rast, tanzt und wirbelt sie drei Stunden lang auf endlos hohen Absätzen über Schwenkrampen und Hebebühnen und singt "River Deep, Mountain High", ihren Bond-Song "Golden Eye" und zum Finale "Be Tender der With Me Baby". Sei sanft zu mir.

Denn Tina verlangt sich auf dieser Reise alles ab. "Diese Tour war hart, es waren 140 Konzerte in acht Monaten, sie war damals 69 Jahre alt. Das ist für viele Menschen unvorstellbar, aber sie wollte es einfach wissen. Die letzten beiden Konzerte in London und Sheffield waren besonders schmerzhaft. "Da war sie wirklich im orangenen Bereich. Nicht im roten, aber im orangenen", erinnert sich ihr Ehemann später.

Fünf Jahrzehnte Showgeschäft fordern einen Preis

Von da an zieht sich Tina Turner weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, wird Schweizer Staatsbürgerin und nimmt spirituelle, buddhistische und christliche Gesänge auf drei Alben auf. Und der Körper präsentiert die Rechnung für fünf Jahrzehnte Showgeschäft. Kurz nach der Hochzeit mit Erwin Bach erleidet sie einen Schlaganfall, 2016 erkrankt sie an Dickdarmkrebs, 2017 spendet ihr Mann ihr eine seiner Nieren, 2018 stürzt sie und erleidet einen doppelten Beckenbruch.

Sprechen und Laufen muss sie neu erlernen. Zudem nimmt sich ihr Sohn Craig 2018 das Leben, Ronald stirbt 2022. Es ist in dieser Zeit der "Krankheits-Seifenoper", wie Tina Turner sie nennt, als sie beginnt, ihr Vermächtnis zu ordnen. Dazu gehört auch nach einiger Überredungskunst von Bach das "Tina"-Musical, das 2018 in London Premiere feiert.

Und trotzdem: Sie hat allen die Show gestohlen

Im Oktober 2018 stellt sie im Hamburger Mojo Club persönlich "Tina"-Hauptdarstellerin Kristina Love vor. "Was wollen wir singen, ,Proud Mary‘ oder ,The Best‘ oder beides?", fragt Tina den Saal, während eine Band und drei "Ikettes" auf die Bühne kommen.

Das Publikum hält den Atem an, als Tina Turner bei den ersten Takten von "Proud Mary" ihre Stimme probt. Dann geht sie aber doch von der Bühne. Sie will der Sängerin, die sie verkörpern würde, nicht die Show stehlen. Aber das hat sie getan. Allen. Ihr ganzes Leben lang.