Torsomord im Harz: Die zerstückelte Leiche in der Okertalsperre

Braunschweig.  Ein Fleischermeister aus Vienenburg und dessen Sohn hatten 2007 einen Bordellbesitzer getötet. Der Fall beschäftigt Polizei und Justiz jahrelang.

Die Zeichnung vom letzten Verhandlungstag im Torso-Mordprozess gegen den Fleischermeister Jens S. zeigt unten in der großen Szene den Strafverteidiger und daneben den Angeklagten. Dahinter sitzt Sicherheits- (links) sowie Justizpersonal. Regungslos nahm der 46-Jährige (rechts oben) das Urteil entgegen, das der Vorsitzende Richter Wilfried Knieriem (Mitte) nach der Beratung des Schöffengerichts (links) verkündete.

Die Zeichnung vom letzten Verhandlungstag im Torso-Mordprozess gegen den Fleischermeister Jens S. zeigt unten in der großen Szene den Strafverteidiger und daneben den Angeklagten. Dahinter sitzt Sicherheits- (links) sowie Justizpersonal. Regungslos nahm der 46-Jährige (rechts oben) das Urteil entgegen, das der Vorsitzende Richter Wilfried Knieriem (Mitte) nach der Beratung des Schöffengerichts (links) verkündete.

Foto: zeichnung: Thomas Velte / Archiv

Am 23. Februar 2007 macht eine Spaziergängerin an der Okertalsperre im Harz einen grausigen Fund: Im trüben Wasser vor der Staumauer schwimmt etwas, das wie ein menschlicher Oberkörper aussieht. Eine Leiche ohne Kopf, Arme und Beine. Ein menschlicher Torso . Es ist ein Freitag – und der Beginn einer der größten Ermittlungsaktionen in der Geschichte der Harzregion .

Noch heute ist der Fall vielen in Erinnerung: eine zerstückelte Leiche , ein blutrünstiger Mord in einer Metzgerei, aufwendige Ermittlungen, die die Polizei ins beschauliche Harzvorland und ins Rotlichtmilieu führen – von Anfang an sind das Zutaten für einen Krimi, den ein Schriftsteller nicht dramatischer hätte inszenieren können. Die Ermittler müssen in menschliche Abgründe blicken, ein Netz aus Lügen und Intrigen entwirren. Immer wieder stehen sie vor überraschenden Wendungen und am Ende ist auch die Justiz jahrelang mit dem Fall befasst: Mehrfach steht der Täter vor Gericht, erst wegen Mordes, dann, weil er diesen im Nachhinein einem anderen in die Schuhe zu schieben versucht. Auch sein Sohn, einige Helfer und später sogar sein Anwalt sitzen auf der Anklagebank . Ein Drama in mehreren Akten.

Erster Akt: Leichenfund im Harz

Freitag, der 23. Februar 2007, gegen 11 Uhr. Bei der Polizei in Goslar geht ein Notruf ein: In der Okertalsperre schwimmen Reste eines menschlichen Oberkörpers. Sofort machen sich die Beamten auf den Weg, die Feuerwehr soll sie mit Tauchern unterstützen. Der Verdacht bestätigt sich schnell: Im Wasser treibt tatsächlich ein menschlicher Torso. Er wird zur Untersuchung nach Hannover gebracht, ein Rechtsmediziner stellt eine Stichverletzung fest ebenso wie einen Einschuss im Bauch. Bis auf die Lunge fehlen die inneren Organe. Wer ist der Tote?

Zeitgleich beschäftigt sich die Polizei mit einem Vermisstenfall : Ein 35-Jähriger aus Bad Gandersheim ist mit seinem Auto vor einigen Tagen von zuhause losgefahren und dort nicht wieder angekommen. Die Polizisten folgen seiner Spur und finden schnell heraus: Der Vermisste, Yilmaz T. , betreibt ein Bordell in Hildesheim. Angeblich wollte er weitere Bordelle in der Region eröffnen. Hat er sich Feinde gemacht?

In einer Dokumentation für den NDR, die vor zwei Jahren ausgestrahlt wurde, blicken die Ermittler auf den Fall zurück. Sie erklären, wie sie die Geschehnisse damals mit Hilfe eines Bewegungsprofils rekonstruieren konnten. Danach ergibt sich folgendes Bild: Am 20. Februar 2007 bricht Yilmaz T. von zuhause auf. Abends geht er in Salzgitter mit Freunden essen. Es heißt, er habe 25.000 Euro dabei – für ein Geschäft, das er noch abschließen will. Gegen 20 Uhr fährt er mit seinem Auto wieder los, aber er kommt nie zuhause bei seiner Lebensgefährtin an. Kurz darauf wird der Wagen des Mannes in Seesen auf einem Parkplatz gefunden. Ein DNA-Abgleich gibt die Gewissheit: Der Tote in der Okertalsperre ist Yilmaz T. Über die Verbindungsdaten von seinem Handy können die Ermittler orten, wo es zuletzt eingeloggt war: in Vienenburg bei Goslar.

Vor seiner Abfahrt in Salzgitter hatte Yilmaz T. noch erwähnt, dass er zu einem Jens wollte. Sein Handy war in eine Funkzelle eingeloggt, in der die Fleischerei von Jens S. liegt – ein Mann, der ebenfalls Verbindungen ins Rotlichtmilieu hat. Sein Sohn Joel betreibt ein Bordell in Goslar. Der Fleischermeister wird vorläufig festgenommen, sein Geschäft durchsucht.

Zögerlich räumt Jens S. ein, dass Yilmaz T. tatsächlich bei ihm war: Es habe Streit um geschäftliche Dinge gegeben, dann sei ein Schuss gefallen. Er führt die Ermittler zum Tatort, schildert, wie er die Leiche auf dem Fußboden des Zerlegeraums zerteilte. Er behauptet, von ihm betrogen worden zu sein, er habe 300.000 Euro in ein Bordell investiert, ohne den versprochenen monatlichen Gewinn zu erhalten. Deshalb habe er Yilmaz T. zur Rede stellen wollen. Als der Streit eskalierte, habe er in Notwehr gehandelt. Auch sein Sohn wird verdächtigt, an der Tat beteiligt gewesen zu sein. Doch Joel hat ein Alibi : Er sei in der besagten Nacht in seinem Bordell gewesen, ein Türsteher könne das bestätigen.

Die Ermittler haben Zweifel, dass Jens S. die Tat allein begehen konnte. Nach einer erneuten Suche in der Okertalsperre waren weitere Leichenteile des Opfers geborgen worden. Und weitere Obduktionen ergaben: Yilmaz T. starb nicht durch einen Schuss, sondern durch einen Messerstich . Jens S. behauptet, die Leiche noch in der Nacht selbst entsorgt zu haben. Seine Handydaten belegen aber, dass er Vienenburg gar nicht verlassen hat. Doch die Ermittler kommen bei der Frage nach möglichen Mittätern nicht weiter: Am Ende reicht es nur für eine Anklage gegen Jens S.

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Zweiter Akt: Prozess gegen Jens S.

Im August 2007 beginnt der Prozess gegen den Fleischermeister aus Vienenburg. Bis auf die Straße reicht die Schlange der Wartenden vor dem Landgericht in Braunschweig. Wer die Verhandlung vor der Schwurgerichtskammer verfolgen will, muss zwei Kontrollen passieren. Polizisten bewachen das Gebäude: Es gibt Morddrohungen von der Familie des Opfers.

Der Angeklagte wirkt von dem Rummel wenig beeindruckt. Ruhig verfolgt der damals 46-Jährige die Verhandlung – und bleibt bei seiner Version, auf Yilmaz T. in Notwehr geschossen zu haben. Anschließend habe er dessen Auto zu einem abgelegenen Parkplatz gefahren. Erst bei der Rückkehr will er mit Blick auf die Leiche bemerkt haben, dass jemand auf das Opfer eingestochen hat. Doch das Gericht glaubt ihm nicht. Nach zehn Verhandlungstagen wird Jens S. im Oktober zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Außerdem stellt die Kammer die besondere Schwere der Schuld fest: Der Verurteilte kann keine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren beantragen.

„Das Geschehen war geplant, Ansätze von Erschütterung sind beim Angeklagten nicht sichtbar“, sagt Richter Wilfried Knieriem. Er sei weder geständig gewesen, noch habe er Reue gezeigt. Zudem habe er menschenverachtend und abscheulich gehandelt. Jens S. verfolgt sein Urteil weitgehend regungslos.

Dritter Akt: Intrige des Täters

Der Fall scheint abgeschlossen – bis im April 2009 ein ungewöhnlicher Brief, ein anonymes Bekennerschreiben , in der Redaktion der Goslarschen Zeitung eingeht. Es geht um den „Torsomord“: Der Bruder des Opfers wird bezichtigt, die Tat in Auftrag gegeben zu haben. Im Umschlag stecken„Beweisfotos“ von dem Mord. Doch den Ermittlern fallen schnell Ungereimtheiten auf den Bildern auf: Die Hand des vermeintlichen Opfers ist heller als die von Yilmaz T. Die Blutspritzer passen nicht zum Einstich und wirken wie auf den Boden gekleckst.

Erneut beginnt die Polizei zu ermitteln, diesmal gegen den Sohn Joel, der inzwischen in Süddeutschland lebt. Tatsächlich finden die Beamten in dessen Haus mehrere Briefe – detaillierte Anweisungen des Vaters, den Mord in der Metzgerei nachzustellen und die Tat dem Bruder des Opfers in die Schuhe zu schieben.

„Kümmere Dich darum, dass es am nächsten Wochenende klar geht“, bittet er seinen Sohn im Mai 2008. „Ich habe keine Kraft mehr.“ Er beschreibt sogar, wie die Bilder vom vermeintlichen Mord auszusehen haben. „Das Messer sollte ein bisschen aus der Tasche rausgucken.“ Und: „Es wäre auch gut, wenn aus Mund und Nase Blut kommt.“ Außerdem beklagt sich Jens S. bitterlich über den Gefängnisalltag , fühlt sich in der Justizvollzugsanstalt Celle nicht richtig aufgehoben. „Es sind nur Mörder hier, da gehöre ich wirklich nicht hin.“

Sohn Joel lässt sich erweichen, setzt das Bekennerschreiben auf Auch weitere Helfer sind in die Intrige involviert; sogar der Rechtsanwalt des Fleischermeisters, der die Briefe aus dem Gefängnis geschmuggelt hat.

Als die Polizei Jens S. erneut zur Rede stellt, erzählt dieser, was in der Mordnacht wirklich geschah: Er selbst habe Yilmaz T. in die Schlachterei gelockt, dort wartete schon sein Sohn Joel mit einem Türsteher aus dessen Bordell. Sie wollten Yilmaz T. zur Herausgabe der 300.000 Euro zwingen. Als der Streit eskaliert , schießt Jens S. auf das Opfer. Vater und Sohn schleppen den Verletzten in den Zerlegeraum , wo Joel ihm den tödlichen Stich versetzt.

Vierter Akt: Urteil gegen den Sohn

Fast vier Jahre nach dem Mord an dem Bordellbesitzer fällt vor dem Landgericht Braunschweig im Januar 2011 auch das Urteil gegen den Sohn des Fleischermeisters. Der 28-Jährige wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Er habe wohl zunächst keine Tötungsabsichten gehabt, sagt Richter Joachim Lehngut in seiner Urteilsverkündung. Jedoch später, als das Opfer bereits im Sterben lag, mit einem Stich ins Herz nachgeholfen. „Es war eine abscheuliche, menschenverachtende Tat.“

Auch der Vater muss sich wegen des angezettelten Komplotts erneut vor Gericht verantworten. Wieder wird der Fleischermeister begleitet von vermummten Polizeibeamten , die sich mit verschränkten Armen hinter ihm platzieren. Aus Sorge vor gewalttätigen Übergriffen, vor Rache der Bekannten und Angehörigen des Opfers gilt die höchste Sicherheitsstufe im Braunschweiger Landgericht. Wieder lässt Jens S. die Verhandlung weitgehend regungslos über sich ergehen. Im November 2011 wird er wegen Anstiftung zu falschen Anschuldigungen zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Fünfter Akt: Anwalt auf der Anklagebank

Auch für die Helfer des Fleischermeisters hat der dilettantische Vertuschungsversuch ein juristisches Nachspiel: Im Juni 2012 sitzt der Anwalt auf der Anklagebank des Braunschweiger Landgerichts. Für seinen Mandanten hat er die Briefe mit den Anweisungen aus dem Gefängnis weitergeleitet und von der Ehefrau des Schlachters Geld für seine Dienste bekommen – diese Zahlungen aber nicht ordnungsgemäß angegeben. „Warum macht man so etwas als Verteidiger?“, fragt der Vorsitzende Richter Pedro Serra de Oliveira. „Ich habe mich verleiten lassen“, antwortet der Angeklagte kleinlaut. Er wird zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Das Urteil ist der letzte Akt in dem Fall, der dem Richter zufolge „wie ein schlechter Film “ anmutet.

Nachspiel: Wurstdiebstahl in der JVA Celle

Im Oktober 2017 berichtet die „Bild“-Zeitung von einem kuriosen Fall: Vier Schwerverbrecher aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Celle stehen vor Gericht, sie sollen rund 46 Kilo Fleisch , Bratwürste und Mett aus der Knast-Kantine geschmuggelt haben. Unter den Angeklagten: Jens S., der Fleischermeister aus Vienenburg, mittlerweile 56 Jahre alt. Laut Anklage haben er und ein Mithäftling das Fleisch portioniert und verschweißt. Die anderen beiden Gefangenen schmuggelten die Ware angeblich in Thermoboxen im Speisewagen auf die Haftstation – dort verschwand sie in privaten Gefrierfächern der Insassen. Doch am Ende gibt es keine Beweise für eine Unterschlagung. Der Prozess endet mit einem Freispruch. Jens S. bleibt weiter in Haft.

„Tatort“: Die Crime-Serie der Braunschweiger Zeitung

In unserer Crime-Serie zeigen wir drei Monate lang die verbrecherische Seite unserer Region: Die spektakulärsten Kriminalfälle der vergangenen Jahre und die harte Arbeit der Ermittler, die Täter ihrer Strafe zuführt – manchmal nach Jahrzehnten.

Jede Woche rollen wir wahre Fälle zwischen Harz und Heide auf. Unsere Reporter sprechen mit Ermittlern, Richtern, Forensikern und Staatsanwälten über die Verbrecherjagd, begleiten eine Tatortreinigerin bei der Arbeit und stellen Vereine vor, die sich für die Interessen der Opfer einsetzen.

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