Nobelpreisträgerin erhält Gauß-Medaille in Braunschweig

Braunschweig.  Die Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft ehrt die Mikrobiologin Emmanuelle Charpentier für die Entdeckung der Gen-Schere.

Nobelpreis-Glanz in der Dornse des Braunschweiger Altstadtrathauses: Die Entdeckerin der Gen-Schere „Crispr/Cas9“ Emmanuelle Charpentier erhielt die Carl Friedrich Gauß-Medaille.

Nobelpreis-Glanz in der Dornse des Braunschweiger Altstadtrathauses: Die Entdeckerin der Gen-Schere „Crispr/Cas9“ Emmanuelle Charpentier erhielt die Carl Friedrich Gauß-Medaille.

Foto: Peter Sierigk

Nominiert für die Gauß-Medaille hatte die Braunschweigische Wissenschaftliche Gesellschaft (BWG) noch die als aussichtsreiche Nobel-Anwärterin gehandelte Spitzenforscherin Emmanuelle Charpentier. Überreichen konnte BWG-Präsident Klaus Gahl die Auszeichnung nun der frisch gekürten Chemie-Nobelpreisträgerin. „Unsere Wahl wurde von höchster Stelle bekräftigt“, sagte Gahl in der Dornse des Braunschweiger Altstadtrathauses. Das habe noch einmal gezeigt: „Es war eine gute Wahl.“ Immerhin rund 50 Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft – coronagerecht auf zwei Meter Abstand im Saal verteilt – hatten sich zur Preisvergabe versammelt.

„Eine bahnbrechende Entdeckung – Wie ein Blitz“

Dirk Heinz, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig, wo die Mikrobiologin Charpentier von 2012 bis 2015 eine Abteilung leitete, ließ daran keinen Zweifel. In seiner persönlich gehaltenen Laudatio – Anrede: „chère Manu“ – schlug er die Brücke von der Entdeckerin der Gen-Schere „Crispr/Cas9“ zum Namensgeber des Preises Carl Friedrich Gauß. Während Gauß zahllose Rätsel in der Mathematik, Geodäsie und Astronomie gelöst habe, habe Emmanuelle Charpentier die Lebenswissenschaften revolutioniert. Man frage sich, sagte Heinz, wie eine so bahnbrechende und weitreichende Entdeckung gelingen könne und antwortete mit einem Gauß-Zitat: „Wie der Blitz einschlägt, hat sich das Rätsel gelöst.“

Crispr/Cas9 schafft neue Spielräume für die Menschheit

Im Falle der Preisträgerin seien es sogar zwei Blitze gewesen, sagte Heinz: Zum einen die Entschlüsselung des Mechanismus „Crispr/Cas9“, der Streptokokken-Bakterien hilft, sich gegen Angriffe durch Viren zu verteidigen. Zum anderen, darauf aufbauend, die Entwicklung eines eleganten Werkzeugs zur beliebigen Veränderung im Erbgut – ein „Geniestreich“, der eine Revolution der Biotechnologie und der Biomedizin nach sich gezogen habe. Mit der Gen-Schere habe Emmanuelle Charpentier der Menschheit völlig neue Spielräume verschafft – von der Erzeugung schädlings- oder klimawandelresistenter Pflanzen, über die gezielte Veränderung von Nutztieren, Technologien zur Eliminierung krankheitsübertragender Insekten bis zur möglichen Heilung von Erbkrankheiten. „Es kommt nicht oft vor“, sagte Heinz, „dass eine Forscherin innerhalb weniger Jahre einen Beitrag von so weitreichender Bedeutung für Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft leistet“.

Charpentier: „Ich war so etwas wie ein freies Elektron“

Nachdem Gahl der französischen Forscherin, die heute in Berlin die Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene leitet, die Gauß-Medaille überreicht hatte, zeichnete Charpentier in einer auf englisch gehaltenen Rede die Wegmarken ihrer bahnbrechenden Entdeckung und ihrer an internationalen Stationen reichen Forscherkarriere nach. Die jüngsten Preise verstehe sie nicht nur als Anerkennung ihrer Person und der „Crispr/Cas9“-Technologie, sondern ihrer jahrzehntelangen Mobilität, all der investierten Arbeit, der Wissenschaft überhaupt. „Ich war so etwas wie ein freies Elektron“, sagte Charpentier. Die Anerkennung, die ihr nun zuteil werde, zeige, dass sie in ihrer Laufbahn die richtigen Entscheidungen getroffen habe: „Ja, es macht Sinn.“ Dazu hätten auch ihre drei Jahre in Braunschweig gehört.

Nobelpreis und Gauß-Medaille im Doppelpack

Es klinge vielleicht ein bisschen albern, sagte sie, aber es sei besonders schön, von den Menschen und Umfeld am Ort, an dem man lebt und arbeitet, anerkannt zu werden. In diesem Sinne fühle sie sich dankbar und geehrt, an ihrem einstigen Wirkungsort Braunschweig die Ehrung der BWG entgegenzunehmen. Deren Präsident Gahl drückte augenzwinkernd seine Hoffnung aus, die Preisträgerin möge die Gauß-Medaille bitte direkt neben dem Nobelpreis aufbewahren.

An Braunschweig habe sie gute Erinnerungen, sagte Emmanuelle Charpentier am Ende ihrer Rede – nicht zuletzt an ihren Arbeitsweg. Dieser habe sie täglich durch den Bürgerpark ans HZI in Stöckheim geführt. „Ich muss immer noch an die vielen, vielen Kaninchen denken, die ich dabei gesehen habe“, erzählt sie. „Und wenn mir heute in Berlin oder anderswo ein Kaninchen über den Weg läuft, denke ich immer noch an Braunschweig.“

Braunschweigs Kulturdezernentin: Ermutigendes Zeichen für Frauen

Das dürfte Braunschweigs Kulturdezernentin Anja Hesse gefreut haben. Sie gratulierte Charpentier im Namen der Stadt zur Gauß-Medaille und zum Nobelpreis. Braunschweig sei stolz, ein kleines Stück des Glanzes abzubekommen. Hesse wertete den Nobelpreis für Charpentier und ihre US-amerikanische Kollegin Jennifer Doudna als „extrem ermutigendes Zeichen für die Sache der Frauen“.

Chemie-Nobelpreisträgerin Charpentier will Mädchen ermutigen
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