Zum 88. Geburtstag von Brocken-Benno: Sein Herz gehört dem Harz

Schierke  Jeder, der auf den höchsten Berg des Harzes steigt, kennt ihn: Brocken-Benno. Er wird 88 Jahre alt. Ein Wanderbericht anlässlich seines Geburtstags.

Benno Schmidt (Brocken-Benno) steht auf dem Wanderweg Teufelsstieg an einem Bach.

Benno Schmidt (Brocken-Benno) steht auf dem Wanderweg Teufelsstieg an einem Bach.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Der 1141 Meter hohe Brocken zieht ihn an wie ein Magnet. Der deutschlandweit bekannte Wanderführer Brocken-Benno aus Wernigerode hat es mit seinen Tausenden von Auf- und Abstiegen mehrfach ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Bergsteiger Reinhold Messner hat ihm schon Respekt gezollt. Bei Wind und Wetter ist Benno Schmidt seit 30 Jahren fast täglich zum Brocken gelaufen. An diesem Freitag feiert er nun seinen 88 Geburtstag – den 8888 Aufstieg hat er allerdings schon im Januar hinter sich gebracht.

Vor zwei Jahren war unsere Reporterin mit "Brocken-Benno" unterwegs. Lesen Sie hier den Erlebnisbericht anlässlich des Geburtstags der Harzer Legende.

So war "Brocken-Bennos" Brockenbesteigung Nummer 8453 im Mai 2018

Als Kyrill vor 13 Jahren mächtige Fichten wie Streichhölzchen umknickte und ganze Waldstücke zu Fall brachte, stand Benno Schmidt auf dem Brockengipfel und musste zugeben: Dieser Aufstieg war ausnahmsweise die falsche Entscheidung. Weder Wind noch Wetter – wenig hält Schmidt, besser bekannt als „Brocken-Benno“, von seiner Leidenschaft ab. „Nur wenn klar ist, dass es den ganzen Tag Bindfäden regnen wird, muss ich nicht unbedingt los.“ Aus Kyrill hat Schmidt gelernt: Wütet ein Orkan, hält er die Füße still und bleibt zu Hause in Wernigerode bei seiner Frau.

Wir haben Glück mit dem Wetter am Tag von Schmidts Aufstieg Nummer 8453. Der Morgen grüßt in weißem Blau, die Jacke bleibt an unserem Startpunkt in Schierke im Rucksack. Es ist eine Ehre, mit dem bekannten Bergbezwinger, der Legende des Harzes, auf dessen höchsten Gipfel zu steigen – er nimmt nicht viele mit auf seinem Weg nach oben.

Zu viert geht es den Brocken hinauf

Unser kleiner Wandertrupp besteht aus Schmidts Wanderfreund Steffen Hedermann aus Quedlinburg (68. Brockenaufstieg), der Autorin (1. Aufstieg) und ihrem Wanderpartner Jan-Peter Jannack (3. Aufstieg). Wir erklimmen den Brocken über das Eckerloch und überwinden 500 Höhenmeter auf sechs Kilometern Strecke.

Beim ersten Wegweiser kurz hinter Schierke stoppt Schmidt unseren Tross: „Wir begeben uns gleich auf den sogenannten Teufelsstieg. Wir wandern also auf den Spuren Mephistos.“ Dass es diesen Weg gibt, der in Goethes Faust beschrieben ist, dafür hat sich Schmidt mit aller Vehemenz eingesetzt. Schmidt ist stolz auf seine Errungenschaften. Er versteht sich als Botschafter des Berges. Ist eins geworden mit dessen Mythos – seiner ersten und vorrangigen Motivation für seine Wanderbesessenheit, wie er selber sagt. Der Mythos: die Felsklippen, die dunklen Fichten. Das Mystische, das Dichter und Denker wie Goethe und Heine angezogen hat. Und das Goethe auf einer Reise nach Griechenland Heimweh empfinden lies: „Auf meinem Harz der harzige Dunst/ hat was von Pech, und das hat meine Gunst.“

Schmidt berichtet auf dem Weg aus vergangenen Zeiten. Zeigt Ziegelsteine, die zu ehemaligen Hütten gehören. Weiß eine Schneise auf dem Berg als einstige Skisprungschanze zu identifizieren. Erklärt, dass der Abstieg über die „Alte Bobbahn“ wirklich auf der Strecke einer ehemaligen Bobbahn verläuft, auf der er selbst noch Wettkämpfe erleben durfte. Und bringt das „Damals“ wieder ganz nah. Das vor der Grenzschließung lag.

Vor der Zeit, in der ihm ein Staat seinen Berg geraubt hat. Ab 1961 verwehrte das militärische Sperrgebiet all jenen den Zutritt zum Brocken, die nicht bei den DDR-Grenztruppen, der Roten Armee, der Stasi oder der Volkspolizei beschäftigt waren. 28 Jahre lang fristete Schmidt sein Leben als Beobachter: Aus seinem Dachfenster in Wernigerode lässt sich der kahle Berggipfel des Brockens erspähen.

Besteigen aber durfte Schmidt ihn nicht. Bis zum 3. Dezember 1989. Ein Wendepunkt für „Brocken-Benno“ – und den Berg, der ihm so lieb ist. Unter dem Druck der Massen öffneten die Soldaten den letzten Zaun vor der Bergkuppe. Schmidt war damals dabei. Und holt seitdem jeden verpassten Tag wieder auf. Wie lange? „Solange, bis meine Beine nicht mehr mitmachen.“

Das Erleben der Natur als Motivation

Die Erinnerung an das Geschehene wachhalten – auch das ist eine Motivation für den Gipfelstürmer, die er stets in gut durchdachter Reihenfolge wiedergeben kann. Motivation Nummer Drei ist es, die Natur zu erleben, Nummer Vier das Treffen mit anderen Wanderern.

„Brocken-Bennos“ Rekorde ziehen Bewunderer und Medien an. Auf den letzten Metern bis zum Gipfel, wenn auf der Brockenstraße alle Wege zusammenführen, beginnt das leise Getuschel. „Ist das nicht?“ „Das ist er doch, oder?“ Einige Wandersleute bitten um ein gemeinsames Foto. „Brocken-Benno“ ist dann ganz Profi, verteilt seinen Spezialstempel, fragt nach der Herkunft der Wanderer.

"Brocken-Benno" gehört zum Brocken dazu

Schmidt weiß, dass der Berg zu ihm gehört, und er zum Berg. „Ich habe eine Verantwortung den Menschen gegenüber, die auf den Brocken steigen, um mich zu treffen. Deshalb gehe ich auch an schlechten Tagen los.“ Daran, dass ihn einige Menschen ungegrüßt mit ihrem Smartphone ablichten, wird er sich aber nicht gewöhnen.

Seit 30 Jahren steigt Schmidt nun im Schnitt fünfmal die Woche auf 1141 Meter Höhe – und hat dabei über 111 800 Kilometer und 4,23 Millionen Höhenmeter überwunden. Jeder Aufstieg ist genauestens dokumentiert, darauf legt er Wert. 28 Jahre Bergbeobachtung stehen 30 Jahren Bergbezwingung gegenüber.

Benno Schmidt macht auch bei der Harzer Wandernadel mit

Wen diese Zahlen noch nicht beeindrucken: Schmidt ist außerdem vierfacher Wanderkaiser, hat also alle 222 Stempel der Harzer Wandernadel gleich viermal eingesammelt. Benno Schmidts Lieblingszitat über sich stammt vom Schauspieler Uwe Steimle: „Wir brauchen viel mehr Leute mit einer Macke. Alles, was verrückt ist oder fern der Norm, ist ein Stück Kultur und bereichert unser Leben.“

Lesen Sie hier zu Brocken-Benno:

So verbringt Brocken-Benno seinen Geburtstag auf dem höchsten Berg des Harzes. Mehr zu dem beeindruckenden Wanderer lesen Sie hier.

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