Landesbeauftragte: Wir wissen nicht, welche Firmen überleben

Braunschweig.  Die neue Landesbeauftragte Ulrike Witt hat ihr Amt mitten in der Corona-Pandemie übernommen. Sie fordert Unternehmen auf, zu investieren.

Die neue Landesbeauftragte Ulrike Witt ist nicht nur das Scharnier zwischen der Landesregierung und unserer Region, sie soll auch Projekte von regionaler Bedeutung vorantreiben, darunter den Wasserstoff-Campus in Salzgitter. Hier ist Witt mit Salzgitters OB Frank Klingebiel (links) und dem Chef der Salzgitter AG, Heinz-Jörg Fuhrmann, zu sehen.

Die neue Landesbeauftragte Ulrike Witt ist nicht nur das Scharnier zwischen der Landesregierung und unserer Region, sie soll auch Projekte von regionaler Bedeutung vorantreiben, darunter den Wasserstoff-Campus in Salzgitter. Hier ist Witt mit Salzgitters OB Frank Klingebiel (links) und dem Chef der Salzgitter AG, Heinz-Jörg Fuhrmann, zu sehen.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Vor 150 Tagen, mitten in der Pandemie, hat die neue Landesbeauftragte Ulrike Witt ihr Amt übernommen. Sie setzt auf Leuchtturmprojekte wie den Wasserstoff-Campus in Salzgitter, um gestärkt aus der Krise zu kommen.

Sie haben als Leiterin des Projektbüros Südniedersachsen eine völlig zerstrittene Region mit den Landkreisen Göttingen, Goslar, Holzminden und Northeim zusammengebracht, haben Projekte aufs Gleis gesetzt. Ist das ein Muster, das sich auch auf Ihr Amt als Landesbeauftragte übertragen lässt?

Ich weiß nicht, ob das ein Muster ist. Es ist aber klar, dass wir alle am Ende mehr im Sinne der Bürgerinnen und Bürger herausholen, wenn wir an einem Strang ziehen. Der erste Termin, den ich im Sommer hatte, war ein Kaminabend mit den Landräten und den Oberbürgermeistern in Südostniedersachsen. Da war die Nachricht schon klar, dass die Region stärker kooperieren muss – und das auch will. Diese Mission wurde mir aufgetragen – völlig unabhängig von den Parteien und den Akteuren.

Sie wohnen in Göttingen, Ihr Amtssitz ist nun Braunschweig. Wie haben Sie diese Region in den ersten 150 Tagen erlebt, wofür steht diese Region?

In dieser Region haben Sie mit den drei Oberzentren Braunschweig, Wolfsburg und Salzgitter drei starke und selbstbewusste Kommunen. Die Städte sind durch die Pendler sehr stark mit den benachbarten Landkreisen verwoben. Die Landkreise wie Gifhorn, Peine oder Helmstedt haben aber auch eine eigene Industrie vor Ort – zumindest eine industrielle Vergangenheit wie im Helmstedter Revier. Der Unterschied zu Südniedersachsen ist auch, dass es in dieser Region eine ganz klare regionale Identität gibt. Sämtliche Kommunen beziehen sich auf das Braunschweiger Land. Für Braunschweiger ist es selbstverständlich, sich im Umland aufzuhalten – umgekehrt auch. Südniedersachsen musste sich erst entdecken, das ist hier anders.

Sie beschreiben unsere Region als einen einheitlichen Raum. Wir haben zum Teil aber auch eine große Unausgewogenheit: Hier das starke Wolfsburg mit großer Wirtschafts- und Kaufkraft, dort Landkreise mit Problemen wie Helmstedt oder Goslar. Das schlägt sich auch in sehr unterschiedlichen Mietpreisen nieder. Sehen Sie es als Aufgabe, für gleichwertigere Lebensverhältnisse zu sorgen?

Ja, so steht es ja auch im Grundgesetz. Das ist tatsächlich eine Aufgabe meines Amts und auch des Landesministeriums für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, dem das Amt angeschlossen ist. Wenn die Unterschiede zu groß werden, schwächt das den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das ist aber kein einfaches Thema. Die Landkreise Helmstedt und Peine zum Beispiel wollen wieder an die industrielle Entwicklung anknüpfen. Es gibt Chancen, zum Beispiel durch den Energieträger Wasserstoff.

Welche Bedeutung hat grüner Wasserstoff für die Region? In Salzgitter bildet sich ja gerade ein Wasserstoff-Campus, an dem auch Ihr Amt beteiligt ist.

Grüner Wasserstoff kann für die Region insgesamt eine sehr große Bedeutung erhalten. Wir setzen alles daran. Das Kohlekraftwerk Mehrum bei Peine hat Potenzial, kann umgerüstet werden, ebenso gibt es vielversprechende Ansätze im alten Helmstedter Revier. Beide wollen sich an den Wasserstoff-Campus in Salzgitter andocken. Dort haben sich ja Bosch, Alstom, die Salzgitter AG und MAN sowie das Fraunhofer Institut aus Braunschweig zusammengeschlossen. Das ist schon eine sehr schlagkräftige Einheit, die mit der Dekarbonisierung und dem ersten Wasserstoff-Zug zum Teil recht weit ist und große industrielle Power hat. Das löst nicht alle Probleme, kann aber viele Arbeitsplätze schaffen.

Der Wasserstoff-Campus in Salzgitter soll ein viel beschworenes Leuchtturmprojekt werden. Wo stehen wir – trotz der Pandemie?

Wir tauschen uns derzeit vor allem digital aus. Erst vor wenigen Tagen hatten wir wieder ein digitales Treffen mit allen Unternehmen. Es wird jetzt darum gehen, nicht nur einen lockeren Verbund zu haben, sondern eine feste Institutionalisierung zu schaffen. Wir müssen klar formulieren, welche Rolle die beteiligten Unternehmen, welche Rolle die Wissenschaft und die Kommunen spielen. Ganz wichtig sind natürlich auch die Fördermittel, um den Campus voranzutreiben. Die Stadt Salzgitter hat sieben Millionen Euro vom Land erhalten. Das kann nur das Startkapital sein. Große Summen werden gebraucht, müssen vom Bund und der EU eingeworben werden. Die ersten Anträge laufen bereits.

Alleine in Niedersachsen gibt es allerdings mehr als 20 Wasserstoff-Projekte, mit denen der Campus in Salzgitter um Fördermittel konkurriert.

Wasserstoff ist ein Transformationsthema für die Wirtschaft insgesamt. Ich rede natürlich von grünem, umweltfreundlichen Wasserstoff als Energieträger vor allem für Industrie-Unternehmen. Man kann eigentlich gar nicht genug Wasserstoff-Projekte haben. Wir schauen natürlich, was andere Regionen machen. Wir haben ein klares Profil in der industriellen Anwendung. Der Stahlkonzern Salzgitter AG zum Beispiel will umrüsten. Es wird darum gehen, den Campus sichtbar zu machen. Da, wo schon etwas ist, kommen weitere Fördermittel hinzu. Das ist eine simple Logik. Wenn man aus Sicht der Geldgeber andocken kann, macht man das gerne. Das ist in der Wissenschaft auch so. Dafür sind die sieben Millionen an Startkapital so wichtig.

VW würde als weiterer Campus-Partner noch einmal unheimliche Wucht bringen. Der Konzern setzt aber auf die E-Mobilität, nicht auf Wasserstoff. Bedauern Sie das?

Wir führen Gespräche mit VW, es ist aber nicht meine Rolle, den Konzern zu kritisieren. Wirtschaftspolitik kann nicht alles ausrichten. Wir haben einen immensen Bedarf an grünem Strom, um grünen Wasserstoff zu produzieren. Es kann sein, dass wir den Wasserstoff nicht in Deutschland produzieren, aber nutzen. Davon hängt viel ab. Unternehmen haben eine dreifache Krise: die Pandemie, Kosten für den Klimaschutz und die Digitalisierung. Die letzten beiden sind starke Treiber. Alstom, Bosch und andere haben den Wasserstoff für sich entdeckt, andere wiederum nicht. Die Region profitiert sehr von VW, auch als Forschungsstandort, natürlich auch durch die vielen Zulieferer. Dass diese Region bundesweite Modellregion beim Mobilfunkstandard 5G geworden ist, hängt natürlich auch mit VW zusammen.

Das Thema 5G hat Ihr Vorgänger Wunderling-Weilbier bereits angestoßen. Haben Sie weitere Projekte im Köcher, die unsere Region in diesen Pandemie-Zeiten voranbringen können?

Wir haben eine Reihe von Projekten von regionaler Bedeutung. Wir fördern etwa ein Projekt des Regionalverbandes Großraum Braunschweig. Da geht es darum, den ländlichen Raum, in dem zum Teil keine oder kaum Busse fahren, mit 50 bis 60 Mini-Bussen auszustatten, die bei Bedarf geordert werden können. Wir wollen außerdem die Anzahl an E-Ladestationen in unserer Region deutlich ausbauen. Die Versorgung ist ja leider bisher noch nicht gut. Wir wollen auch den Forschungsflughafen in Braunschweig weiter fördern. Es gibt bereits mehr als 3000 Arbeitsplätze. Auch hier wollen wir Fördermittel einwerben.

Wie steht diese Region in der Pandemie da?

Der Handel, die Gastronomie, die Reisebranche sind schon jetzt sehr stark betroffen. Da können wir noch gar nicht absehen, welche Unternehmen überleben werden, um es mal so hart zu sagen. Viele dieser Unternehmen sind auf Kante genäht. Alles, was sie aus dem Takt bringt, kann gleich existenzbedrohend sein. Der Bund unterstützt diese Bereiche, auch die Kulturbranche. Die Industrie ist für diese Region prägend. Viele Unternehmen gehen mit der Pandemie vorbildlich um. Werks-Ärzte sorgen für die gesundheitliche Versorgung, stellen als zum Teil global agierende Unternehmen sicher, dass Mitarbeiter aus dem Ausland oder nach Reisen ins Ausland sicher wieder zurückkommen. Da werden die Produktionsketten nicht unterbrochen, das sichert Arbeitsplätze. Die große Gefahr ist aber, dass derzeit wichtige Investitionen in den Klimaschutz und die Digitalisierung ausbleiben. Wir brauchen also ein qualitatives Wachstum, damit wir gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. VW macht das vorbildlich. Das Problembewusstsein ist auch bei anderen vorhanden.

Was kann Ihr Amt leisten, damit wir gut aus dieser Krise kommen?

Wir bringen Fördermittel in diese Region, nicht nur in die Wirtschaft, auch in den ländlichen Raum. Wir haben seit 2015 mehr als 400 Millionen Euro von der EU eingeworben. Für den Städtebau kamen noch einmal 180 Millionen Euro hinzu. Wir helfen den Kommunen mit unseren Experten in Online-Workshops, auch eigene Anträge zu stellen. Da ist noch Luft nach oben.

Als Rot-Grün 2014 die damals neuen vier Ämter für regionale Landesentwicklung in Niedersachsen geschaffen hat, spottete die CDU und sprach von „Bezirksregierungen light“. Wenn Sie es unseren Lesern mal mit wenigen Worten erklären: Wofür steht Ihr Amt, welche Aufgaben haben Sie?

Wir haben 140 Mitarbeiter in fünf Dezernaten. Das Land will in der Fläche präsent sein. Dafür stehen wir. Wir sind bei konkreten Vorhaben und bei Förderungen das Land in der Region. Wir sind aber auch Lobbyisten für die Region im Land. Die Regionen sollen selbst an ihrer Entwicklung mitarbeiten. Wir schaffen eine Transparenz bei Fördermittel-Entscheidungen. Wir bringen regional bedeutsame Projekte voran, darüber haben wir ja bereits gesprochen. Außerdem beschäftigen wir uns mit Nutzungskonflikten, zum Beispiel bei der Flurbereinigung oder beim Ausbau der Windkraft. Da sind wir Genehmigungsbehörde.

Auffällig ist, dass es mit Ralf Sygusch beim Regionalverband Großraum Braunschweig und mit Wendelin Göbel bei der Allianz für die Region weitere neue Chefs gibt. Ist das ein Vorteil für Sie?

Ich treffe mich regelmäßig mit beiden. Mit Herrn Göbel leite ich das Südostniedersachsenbüro. Mein Ziel ist es, dass das Amt für regionale Landesentwicklung wahrgenommen wird, die Zusammenarbeit hat aber eine hohe Priorität.

Ihr Vorgänger Wunderling-Weilbier war als ehemaliger Landrat von Helmstedt bestens vernetzt, war im besten Sinne ein Strippenzieher. Sie sind zurückhaltender – oder täuscht der Eindruck?

Ich glaube nicht, dass ich in diese Position gekommen bin, weil ich so zurückhaltend bin. Ich glaube aber schon, dass Sie etwas Wichtiges adressieren. Herr Wunderling-Weilbier hat ein Netzwerk, über das ich nicht verfüge. Er war ein profunder Ansprechpartner, kannte die Initiativen, Akteure und deren Probleme, hatte eine Position dazu. Das habe ich in der Form noch nicht. Herr Wunderling-Weilbier ist als Staatssekretär aber immer noch ansprechbar.
Ich gehe jetzt verstärkt in den Kontakt, bin vom Typ her aber anders. Ich bin 20 Zentimeter kleiner, eine Frau, kein Mann. Ich kann ihn nicht nachahmen. Ich bemühe mich, meinen eigenen Stil zu finden. Ich stoße bereits auf eine große Gesprächsbereitschaft.

Die Landesbeauftragte

Die 1963 in Soest geborene Historikerin Ulrike Witt war von Mai 2014 bis Mai 2020 Leiterin des Projektbüros Südniedersachsen in Göttingen, zuvor unter anderem sechs Jahre lang stellv. Referatsleiterin im Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur.

Am 1. Juli löste Witt als neue Landesbeauftragte Matthias Wunderling-Weilbier ab. Sie ist Chefin von 140 Mitarbeitern im Amt für regionale Landesentwicklung mit Sitz in Braunschweig. Zum Amtsbezirk gehören mehr als 1,6 Millionen Menschen zwischen den Landkreisen Gifhorn und Göttingen, Helmstedt und Peine.

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