Corona-Impfungen rücken näher: „Stoffe sind sicher“

Braunschweig.  In Rekordzeit wurden die Corona-Impfstoffe entwickelt, das ruft in unserer Region Skeptiker auf den Plan. Doch Forscher und Behörden beruhigen.

Eine Mitarbeiterin des US-Pharmakonzerns Moderna arbeitet an der Herstellung eines Corona-Impfstoffs. Moderna hat die Zulassung für einen Corona-Impfstoff in der EU beantragt. Viele Menschen sind skeptisch: Wie sicher sind die in Rekordgeschwindigkeit entwickelten Impfstoffe?

Eine Mitarbeiterin des US-Pharmakonzerns Moderna arbeitet an der Herstellung eines Corona-Impfstoffs. Moderna hat die Zulassung für einen Corona-Impfstoff in der EU beantragt. Viele Menschen sind skeptisch: Wie sicher sind die in Rekordgeschwindigkeit entwickelten Impfstoffe?

Foto: Moderna / dpa

Ab Januar dürfte es mit dem Impfen gegen Corona in Niedersachsen und auch unserer Region losgehen. Das sagte das Landesgesundheitsministerium auf Anfrage. Die Vorbereitungen in den geplanten 50 Impfzentren in Niedersachsen laufen auf Hochtouren.

Hersteller haben bereits für zwei Präparate Zulassungsanträge in der EU gestellt, eine Freigabe wird noch im Dezember erwartet. Angesichts des rasanten Entwicklungstempos beschleicht manch einen allerdings ein mulmiges Gefühl. Sind diese Impfstoffe wirklich sicher? Sind mögliche Nebenwirkungen gut genug untersucht? Ist es nicht vielleicht vernünftiger, eine Corona-Infektion in Kauf zu nehmen, als sich den Risiken eines neuen Impfstoffs auszusetzen?

Unberechtigt sind diese Fragen nicht. Zumal es sich bei den beiden Impfstoff-Kandidaten – einer von der US-Firma Moderna und einer von dem Mainzer Unternehmen Biontech in Zusammenarbeit mit dem US-Pharmariesen Pfizer – um sogenannte mRNA-Impfstoffe handelt, die auf einer noch neuen Impfstoff-Technologie beruhen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Was kritisieren Impf-Skeptiker aus unserer Region?

Es ist fast schon selbsterklärend, dass die sogenannten Querdenker zu den Skeptikern einer Corona-Impfung zählen. Auch in unserer Region gibt es Querdenker, die sich unter „Querdenken 53“ zusammengeschlossen haben. Die 53 steht für die Zahl, die die Telefon-Vorwahlen in unserer Region eint. Unter diesen Querdenkern haben sich Corona-Kritiker aus Braunschweig, Wolfsburg, Salzgitter, Gifhorn, Helmstedt, Wolfenbüttel und Goslar zusammengeschlossen. Ober-Querdenker in unserer Region ist, wenn man so will, Erhard Bekurts aus Salzgitter. Er hat vor wenigen Wochen die große Demonstration in Braunschweig gegen die Corona-Regeln organisiert. Mit Blick auf die Impfungen wollte er auf Anfrage leider nichts sagen.

Fündig wird man aber auf der Internetseite von Querdenken 53. Die Corona-Skeptiker aus unserer Region zitieren den Mediziner Professor Stefan Hockertz, eine Art Leitfigur der Corona-Skeptiker. Er spricht von einer „Zwangsimpfung“ und malt ein düsteres Szenario: Er rechnet mit „80.000 Toten und etwa vier Millionen Impfgeschädigten durch eine Corona-Zwangsimpfung in Deutschland“. Hockertz steht den sogenannten „Ärzten für Aufklärung“ nahe, von denen sich die Ärztekammer aufgrund von „irreführenden Behauptungen“ klar distanziert hat.

Doch kritisch geht auch die Allgemeinmedizinerin Ingegerd Lillieroth aus Salzgitter mit den Corona-Impfungen um. Ihre Kernkritik: „Warum werden nicht gesundheitsfördernde und immunstärkende Empfehlungen getroffen, sondern wird alles nur auf eine neuartige Impfung fokussiert – ein riesiges Genexperiment an der Weltbevölkerung – mit nicht kalkulierbaren Folgen, ohne erforderliche Prüfungen und Sicherheitsstandards?“

Die Ärztin klang am Telefon sehr ruhig und moderat, sie legte den Finger aber in die Wunde und meint: „Die kurze Zeit der Impfstoff-Herstellung ist unheimlich.“ Sonst braucht es bis zu zwölf Jahre, um einen Impfstoff herzustellen, jetzt sei das in gerade mal etwa einem Jahr passiert.

Man könne die Langzeitfolgen überhaupt nicht einschätzen. „Es gab zum Beispiel keine Tierversuche“, sagte Lillieroth. Bei jeder Impfung gebe es gewisse kalkulierbare Risiken. Die Salzgitteranerin fürchtet aber, dass durch die Corona-Impfungen Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto, eine Schilddrüsen-Unterfunktion, zunehmen könnten.

Wie ist die Stimmung unter den Deutschen?

Tatsächlich müssen die Verantwortlichen noch viel Aufklärungsarbeit leisten. Die erwähnten kritischen Meinungen sind nur so etwas wie die Spitze des Eisbergs. Doch viele Deutsche sind zurückhaltend, was eine Corona-Impfung betrifft. Denn in einer aktuellen Forsa-Umfrage für RTL und ntv vom Donnerstag gibt die Hälfte an, erst einmal abwarten zu wollen. Immerhin 43 Prozent der Befragten haben sich aber schon für eine Impfung entschieden und wollen sich impfen lassen, sobald dies möglich ist.

Das ist ein etwas höherer Anteil als noch im November. Unverändert 50 Prozent der Befragten sagen, wahrscheinlich erst einmal abwarten zu wollen. Aber nur sieben Prozent wollen sich generell nicht gegen Covid-19 impfen lassen.

Ein größerer Anteil genereller Impfgegner findet sich übrigens lediglich unter den Anhängern der AfD, von denen 22 Prozent sich generell nicht gegen Covid-19 impfen lassen würden. Den größten Anteil von Impfbefürwortern gibt es bei Anhängern der SPD, 64 Prozent von ihnen wollen sich die Impfdosis verabreichen lassen.

Was sagt das Gesundheitsministerium in Niedersachsen?

Sprecherin Anne Hage kann die Kritik nicht nachvollziehen. Die Europäischen Arzneimittelbehörde EMA werde die Impfstoffe nur zulassen, wenn die bisherigen medizinischen Studien belegen können, dass die Impfstoffe eine ausreichende Wirksamkeit haben und Nebenwirkungen nicht schwerwiegend und eher selten sind. „Die Zulassung eines Impfstoffs steht am Ende eines dreistufigen Studienverfahrens, das auch bei den Covid-Impfstoffen durchlaufen wurde“, sagte Hage auf Anfrage.

Auch die Kritik zur kurzen Herstellungszeit relativierte sie. „Die Beschleunigung wurde möglich durch das rolling-review-Verfahren, in dem die Zulassungsbehörden die Sondierungsergebnisse kontinuierlich schon während der Studie erhalten und nicht erst nach Abschluss der Studie.“ Und generell gelte: „Impfungen sind die sicherste und wirkungsvollste Waffe, die uns gegen Infektionskrankheiten zur Verfügung steht.“ Angesichts der hohen Sicherheitsstandards, die für die Zulassung von Impfstoffen in der EU gelten, gebe es keinen Grund, die Impfung gegen Covid-19 kategorisch oder aus Angst abzulehnen.

So sieht es auch die Chefin des Ministeriums, Landesgesundheitsministerin Carola Reimann (SPD). Die Braunschweigerin sagte unserer Zeitung: „Dass wir nach so kurzer Zeit bereits mehrere wirksame und auch sichere Impfstoffe in Aussicht haben, ist eine große wissenschaftliche Leistung und absolut zu begrüßen. Die bevorstehenden Impfungen gegen Covid-19 sind das wichtigste Mittel im Kampf gegen die Pandemie.“

Die Landesregierung kündigte bereits an, umfangreich für die Impfung zu werben. Das wird aber erst in den kommenden Monaten geschehen, da ab Januar, wenn der erste Impfstoff in Niedersachsen voraussichtlich verfügbar sein wird, die Nachfrage nach einer Impfung das Angebot deutlich übersteigen sollte, da zu Beginn nur eine sehr begrenzte Menge an Impfdosen zur Verfügung stehen wird.

Ministeriums-Sprecherin Hage betonte, dass eine Impfung absolut freiwillig ist. Das hatte auch Ministerin Reimann schon zu einigen Gelegenheiten unterstrichen. Und doch hält sich das Gerücht unter den Impf-Gegnern hartnäckig.

Die Sprecherin erklärte, dass das Ministerium davon ausgeht, dass sich sehr viele Menschen gegen das Virus impfen lassen wollen, um sich vor einer Infektion zu schützen. Außerdem fand Hage deutliche Worte für die von Impf-Skeptiker Professor Stefan Hockertz zitierten Geschädigten, mit denen vermeintlich zu rechnen sei. „Die Zahlen sind aus der Luft gegriffen und durch nichts zu belegen. Solche Behauptungen sind verantwortungslos und sähen unbegründetes Misstrauen und Angst“, so Hage.

Welche bisherigen Ergebnisse gibt es aus der Forschung?

In der Tat sind die Ergebnisse mit Blick auf die Corona-Impfstoffe eindeutig. Die Statistik zeigt, dass fast alle Nebenwirkungen von Impfungen in den ersten sechs Wochen auftreten. Die Teilnehmer der großangelegten Studien für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und des US-Unternehmens Moderna wurden mindestens zwei Monate nach Gabe der zweiten Dosis beobachtet – wie es etwa die US-Zulassungsbehörde FDA für eine Notfallzulassung verlangt. Ein Beobachtungszeitraum von zwei Monaten decke tatsächlich die „überwältigende Mehrheit“ unerwünschter Nebenwirkungen ab, sagte Saad Omer, Leiter des Instituts für Globale Gesundheit der US-Universität Yale, der Deutschen Presse-Agentur.

Normalerweise schreibt die FDA sechs Monate Beobachtung vor. Verlaufen die ersten acht Wochen nach der Impfung problemlos, ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass in den darauffolgenden vier Monaten noch Nebenwirkungen auftreten. Biontech/Pfizer und Moderna versichern, dass bei keinem Probanden in den zwei Monaten nach der zweiten Spritze ernste Nebenwirkungen aufgetreten seien – also lebensbedrohliche Folgen, die eine Klinikbehandlung notwendig machen, oder dauerhafte Beeinträchtigungen. In diese Kategorie fallen etwa allergische Schocks oder neurologische Probleme sowie schlimmstenfalls der Tod.

Ein geringer Anteil der Probanden litt nach Angaben der Unternehmen unter Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen und einer geröteten und schmerzenden Einstichstelle, besonders nach der zweiten Dosis. Die Zulassungsbehörden werten weit mehr und detailliertere Daten aus, als die Konzerne in ihren Presseerklärungen bekannt gaben.

Um die Seriosität der aktuellen Studien zu unterstreichen, wird auf deren großen Umfang verwiesen: 44.000 Freiwillige sind es bei Biontech/Pfizer und 30.000 bei Moderna. Den Zulassungsbehörden stehen also die Gesundheitsdaten Zehntausender Probanden zur Verfügung. In den vergangenen zehn Jahren umfassten Studien für Impfstoffe im Schnitt hingegen nur etwa 6700 Testpersonen. Außerdem werden die Corona-Impfstoffe weiterhin überwacht.

Und: Das Unternehmen Moderna etwa testete seinen Impfstoff auch an Menschen über 65 Jahren, solchen mit Diabetes, schwerem Übergewicht oder einer Herzerkrankung. Sicherheitsbedenken sind nach Angaben der Unternehmen nicht aufgetreten. Forscher der Technischen Universität München halten das Risiko einer seltenen, schweren Nebenwirkung nicht für gleich Null. Aber es sei im Vergleich zu anderen Risiken, die wir täglich in Kauf nehmen, etwa beim Autofahren, doch sehr gering.

Wann ist der erste Impfstoff in Niedersachsen verfügbar?

So bleibt die Frage, wann die von vielen ersehnten Impfungen endlich starten können. Das Landesgesundheitsministerium hatte Anfang Dezember noch von den ersten 200.000 Impfdosen für 100.000 Niedersachsen bis zum Jahresende gesprochen. Nun stapelt die Landesregierung wieder tiefer. Sprecherin Anne Hage sagte: „Es zeichnet sich ab, dass mit ersten sicheren und wirksamen Impfstoffen gegen SARS-CoV-2, die vor Covid-19 schützen, ab Anfang 2021 zu rechnen ist.“ Eine Prognose, wie viele Impfdosen in Niedersachsen bis zum Ende des ersten Quartals 2021 zur Verfügung stehen, sei noch nicht möglich. Das hänge von den Produktions- und Lieferkapazitäten der Hersteller ab. Hage: „Zu berücksichtigen ist bei der Zahl der verfügbaren Impfdosen, dass bei beiden Impfstoffkandidaten zwei Impfungen in einem Abstand von drei beziehungsweise vier Wochen erforderlich sind.“

Bei den Impfzentren in Niedersachsen gehe es voran. „Es zeichnet sich ab, dass in ganz Niedersachsen 50 Impfzentren noch in diesem Jahr einsatzbereit sein werden.“

Der Start der Impfungen in den Zentren hänge dann vom Zulassungs- und Liefertermin sowie der Menge der gelieferten Impfdosen ab, so Hage.

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