Salzgitter will Reallabor für Wasserstoff-Technik werden

Salzgitter.  Wasserstoff soll wichtigster Energieträger der Zukunft werden. Salzgitteraner probieren bald auf einem Campus aus, wie das funktioniert.

Auf der Campus-Baustelle, von links: der Landesbeauftragte Matthias Wunderling-Weilbier, Bosch-Werkleiter Michael Gensicke, Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler, der Landtagsabgeordnete Christoph Plett und Salzgitters OB Frank Klingebiel. Sie stehen in der Halle, in der Büros entstehen sollen.

Auf der Campus-Baustelle, von links: der Landesbeauftragte Matthias Wunderling-Weilbier, Bosch-Werkleiter Michael Gensicke, Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler, der Landtagsabgeordnete Christoph Plett und Salzgitters OB Frank Klingebiel. Sie stehen in der Halle, in der Büros entstehen sollen.

Foto: Bernward Comes

Müssten nicht diejenigen Firmen mit extrem hohem CO2-Ausstoß sofort die höchste Förderung für die Umstellung auf Wasserstoff erhalten?

Das fragt unser Leser Manfred Fehly aus Salzgitter.

Zum Thema recherchierte Andre Dolle.

Ökostrom und Energiesparen reichen nicht, um den Treibhausgas-Ausstoß Richtung null zu drücken. Industrie, Flugzeuge oder Schiffe werden Wasserstoff brauchen, um von Kohle, Öl und Erdgas wegzukommen. Deutschland will sich auf dem neuen Markt einen Spitzenplatz sichern. Und Salzgitter will da ein großes Wörtchen mitreden. Im Zentrum steht ein neuer Wasserstoff-Campus, der in großen Teilen auf dem Bosch-Gelände seine Heimat finden soll.

Doch nicht nur Bosch ist mit dabei, auch die anderen großen Konzerne, die in Salzgitter Standorte haben, beteiligen sich: die Salzgitter AG, Alstom, MAN und VW. Wissenschaftliche Unterstützung erhalten die Konzerne von niemand geringerem als dem Fraunhofer-Institut in Braunschweig. Auch die Stadt Salzgitter und das Amt für regionale Landesentwicklung in Braunschweig sitzen mit im Boot.

Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) gab sich am Donnerstag bei seinem Besuch auf dem Bosch-Werksgelände in Salzgitter dementsprechend beeindruckend. In der Halle, in der schon in wenigen Wochen die ersten Ingenieure einziehen sollen, schauen noch die Kabel aus den Decken. Der Raum versprüht noch den geringen Charme einer großen Logistik-Halle. Aber hier sollen sie einmal sitzen, die Tüftler, die das Thema Wasserstoff in unserer Region auf ein neues Niveau heben sollen.

In einer Art Reallabor soll hier die Forschung gleich Anwendung finden – unterstützt von den großen fünf Konzernen aus Salzgitter, die ganz konkrete Vorstellungen haben. Es handelt sich also um keine Spielerei, sondern um handfeste Lösungen für die Zukunft. Die Konzerne bringen Druck und weiteres Personal ins Spiel – das erhöht die Chancen auf Erfolg.

Der Campus startet im ersten Quartal 2021 vergleichsweise klein. Acht bis zehn Mitarbeiter sollen es sein. Bis 2024 sollen es etwa 20 sein. Da die Konzerne aber direkt angebunden sind, sind es faktisch weit mehr Mitarbeiter.

Die Konzerne aus Salzgitter sind beim Thema Wasserstoff unterschiedlich weit. Alstom hat den weltweit ersten Zug entwickelt, der mit einer Wasserstoff-Brennzelle betrieben wird. Die Salzgitter AG will bei der Stahlproduktion Wasserstoff statt Koks einsetzen. Was die Unternehmen aber eint: Sie haben alle noch großen Nachholbedarf. Eine Wasserstoff-Tankstelle soll auf dem Campus entstehen, Wasserstoff-Tanks sollen erforscht und entwickelt werden. Im Bosch-Werk soll beispielhaft möglichst viel Wasserstoff als Energieträger in die Produktion eingebaut werden. Hier entsteht auch der Campus-Kern.

Ein etwa 4000 Quadratmeter großes Schulungs- und Informationszentrum soll zusätzlich in der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in Salzgitter-Engelnstedt entstehen. Ein Gründerzentrum für die Ansiedlung von weiteren Unternehmen und Start-ups ist angedacht. Denn langfristig soll der Campus vor allem für neue Arbeitsplätze in unserer Region sorgen, vorhandene Arbeitsplätze sichern.

Das Land beteiligt sich mit sieben Millionen Euro am Campus. Die Akteure glauben fest daran, dass das erst der Anfang ist. Das Bundeskabinett verabschiedete passend dazu in der vergangenen Woche in Berlin eine Strategie, die bundesweite Zuschüsse in Höhe von neun Milliarden Euro, rechtliche Erleichterungen und konkrete Produktionsziele vorsieht. Wasserstoff soll sich am Markt durchsetzen, das ist das Ziel. Und da wollen die Salzgitteraner partizipieren.

Ganz so einfach dürfte es nicht werden, denn alleine schon in Niedersachsen gibt es große Konkurrenz – vor allem im Westen und Nordwesten des Landes. Minister Thümler vermied es deshalb ganz bewusst, Zusagen über weitere Mittel zu machen. Er lobte die Akteure des Wasserstoff-Campus ausdrücklich. „Heute gibt es aber erst mal nur gute Worte, mehr habe ich im Moment nicht“, sagte er.

Die Region habe in Matthias Wunderling-Weilbier jedoch einen wichtigen Fürsprecher in Hannover. Thümler nannte Wunderling-Weilbier den „Staatssekretär i. L. – in Lauerstellung“. Der Landesbeauftragte ist designierter Staatssekretär in Niedersachsens Europa- und Bundesministerium. Mit Blick auf die Wasserstoff-Förderprogramme von Bund und EU sagte Thümler: „Es muss schon mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht sehr ordentlich partizipieren.“

Doch das Land unternimmt auch eigene Anstrengungen – und wieder ist Salzgitter beteiligt, in diesem Fall die Salzgitter AG. Auf dem Weg zu einer klimafreundlicheren Stahlerzeugung mit Wasserstoff wird ein neuer Standort in Wilhelmshaven geprüft. Eine Studie soll die Errichtung einer Eisenerz-Anlage am Tiefwasserhafen klären. Darauf verständigten sich in dieser Woche Vertreter des Landes, der Stadt und der Salzgitter AG. „Wir setzen mit diesem Projekt einen ersten wichtigen Meilenstein zur Dekarbonisierung der deutschen Stahlindustrie“, sagte Wirtschaftsminister Bernd Althusmann laut Mitteilung.

Es werde angestrebt, zwei Millionen Tonnen direktreduziertes Eisen pro Jahr zu erzeugen, das per Bahntransport nach Salzgitter gebracht werden soll, teilte die Salzgitter AG mit. Die Machbarkeitsstudie soll auch Erkenntnisse zur nötigen Infrastruktur und der Versorgung mit Rohstoffen, Erdgas und Wasserstoff bringen. Mit Ergebnissen wird bis Ende März 2021 gerechnet. Am Projekt beteiligt sind auch das Energieunternehmen Uniper und der Logistikdienstleister Rhenus.

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