Christoph Heubner: „Alltagsrassismus beginnt bei uns allen“

Braunschweig.  Ein Gespräch mit Christoph Heubner über Rassismus, George Floyd und den Jahrestag des ersten Transports polnischer Häftlinge nach Auschwitz.

Christoph Heuber, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Christoph Heuber, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees.

Foto: Helge Landmann / Archiv

Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, wurde 1949 als Sohn eines evangelischen Geistlichen geboren. Er publiziert als Schriftsteller Gedichte und Erzählungen. Der unermüdliche Werber für die Erinnerungsarbeit ist eine treibende Kraft der Arbeit von VW-Auszubildenden in der Gedenkstätte. 2018 führte er die des Rassismus verdächtigten Rapper Farid Bang und Kollegah durch das Lager, beide legten an der Todeswand Blumen nieder. Heubner ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Herr Heubner, am 14. Juni 1940 wurden die ersten polnischen Häftlinge ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Was bedeutet dieser unselige Jahrestag für Sie und was sollte er uns allen bedeuten?

Eigentlich markiert dieses Datum den Beginn des Elends und der Verbrechen, die Menschen in aller Welt heute mit dem Ort Auschwitz verbinden: Die 728 polnischen Männer, die an diesem Tag unter der Bewachung von Deutschen das entstehende Lager Auschwitz erreichten, waren bereit gewesen, in einem Krieg gegen die deutschen Besatzer ihrer Heimat zu kämpfen, den sie sich wie einen Krieg vorgestellt hatten. Mit den Deutschen verbanden sie Begriffe wie „hart“, „arbeitssam“, „diszipliniert“ und „organisiert“. Aber den Hass, der ihnen als Polen entgegenschlug, die Deklassierung zu „Untermenschen“ sowie den rassistischen Dezimierungs- und Vernichtungswillen, dem sie dann in Auschwitz ausgesetzt waren, das hatten sie sich überhaupt nicht vorstellen können. Wir können bis heute in der Erinnerung dieser Geschehnisse verfolgen, was es bedeutet und wo es enden kann, wenn rassistische Vorurteile staatliches Handeln werden. Bis heute steht jeder sogenannte „Polen-Witz“ in genau dieser Tradition deutscher Arroganz, die „den Polen“ von oben herab betrachtet.

Rassismus ist ganz offensichtlich bis heute eine Gefahr. So scheinen Thesen, wonach Kriminalität und Abstammung zusammenhingen, bei uns salonfähig zu werden. Haben wir aus dem Massenmord in deutschem Namen der Nazis nichts gelernt?

Das Lernen aus der Geschichte ist offensichtlich ein ständiger Prozess, der nie abgeschlossen ist und dem sich jede Generation neu stellen muss Wie tief Rassismus auch in unserer Gesellschaft immer noch verankert ist, das erschreckt uns jetzt gerade: Dass Rassismus und Antisemitismus nicht nur Themen für politische Reden und Bekenntnisse sind, sondern uns offensichtlich alle angeht, hat gerade der widerwärtige rassistische Video-Vorfall bei Volkswagen gezeigt: Man kann eine Welt bauen, die international und multikulturell aufgestellt ist, eine Welt, in der man vielsprachig ist und mobil und in der doch die jahrhundertealten Vorurteile und rassistischen Sichtweisen im intellektuellen und emotionalen Gepäck immer mitreisen und abrufbar sind: Es gibt keine Gleichgültigkeit gegenüber der Geschichte: Es ist mühsam, aber sich immer wieder vor Augen zu führen, woher wir kommen und wohin wir wollen, ist das beste Rezept gegen die Coolness derjenigen, die meinten, sie wüssten schon alles und hätten alles – weltumfassend- – im Griff.

Der Tod des schwarzen Amerikaners George Floyd hat weltweiten Protest gegen Rassismus ausgelöst. Ermutigt Sie dieses Engagement, das ja bis in die Fußball-Bundesliga und in den Alltag unserer Städte reicht?

Für Auschwitz-Überlebende war das Bild des über George Floyd knieenden Polizisten ein entsetzliches Bild, das auch ihre Zeit der Verfolgung und Demütigung symbolisiert. Und vor allem entsetzt hat sie der Blick in das Gesicht des Polizisten, der aus seiner Menschlichkeit herausfällt und es überhaupt nicht merkt, weil seine ganze Welt, sein Sehen und Denken von seiner rassistischen Weltwahrnehmung vergiftet ist.

Deswegen ist dieser Moment ein Signal für uns alle, endlich den Betroffenen zuzuhören und uns selber als Teil des Problems zu empfinden, damit wir ein Teil der Lösung werden können: Meine Frau ist Französin aus einer Familie, die aus mehreren Farben besteht und in vielen Ländern verstreut lebt. Ich habe es immer als übertrieben empfunden, wenn sie sich beklagt hat, dass Ausländer per se in Geschäften oder im öffentlichen Umgang „anders“ behandelt werden, anders mit ihnen gesprochen wird: Aber sie hat vollkommen Recht: Der Alltagsrassismus beginnt bei uns allen. Und es ist wirklich ermutigend, dass jetzt die Diskussion so laut und so breit beginnt.

Die Gedenkstätte Auschwitz hat über wirtschaftliche Probleme im Gefolge der Corona-Krise berichtet. Welche Unterstützung wünschen Sie sich?

Die Gedenkstätte in Auschwitz aber auch die Jugendbegegnungsstätte haben schwer mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Sie sind als Lern- und Erinnerungsorte für die Herzen und das Denken der Menschen unverzichtbar: Ich hoffe und freue mich sehr, daß meine Kolleginnen und Kollegen von Volkswagen gemeinsam mit mir die langjährige Arbeit mit den Volkswagen- Auszubildenden in der Gedenkstätte bald fortsetzen können: Sie stehen für das eigentliche Gesicht und die eigentliche Haltung bei Volkswagen. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit der Geschichte, damit wir im Heute bestehen, aber auch, damit wir unser eigenes aktuelles Erleben in der Corona-Krise im Verhältnis zur Geschichte richtig einordnen können und verstehen, wie die demokratischen Werte und Institutionen uns in dieser Krise sichern und durch sie hindurchführen.

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