Kränkelnde Wissenschaft

„Die Lüge fliegt, und die Wahrheit humpelt hinterher.“ – Jonathan Swift

Anfangs, als Corona noch in den Pandemie-Kinderschuhen steckte, hieß es, nun sei die Stunde der Wissenschaftler gekommen. Die „Zeit“ fragte zum Foto des Chefvirologen der Berliner Charité, Christian Drosten: „Ist das unser neuer Kanzler?“ In der „taz“ analysierte Gunnar Hinck klarsichtig, dass man in klassischen Bildungsmilieus bisher offen „damit kokettiert, schlecht in Mathe gewesen zu sein“ – um dann die Hoffnung zu äußern, dass man in der Katastrophe nun „die Nerds aus dem Keller holt und in die oberen Etagen lässt“.

Die Nerds und ihre Themen wurden aus dem Keller geholt. Aber jetzt zeigt sich, dass sie für das politische Palaver (und Geschachere) am Wohnzimmertisch schlecht ausgestattet sind. Wissenschaft ist ein langsamer und mühevoller Prozess. „Wir irren uns empor“, heißt es in Anlehnung an den Wissenschaftsphilosophen Karl Popper. Forscher stellen Hypothesen auf, die vor der Veröffentlichung von unabhängigen Gutachtern und anschließend kollektiv von der Forschergemeinschaft geprüft werden. Erkenntnisfortschritt entsteht vor allem durch Korrekturen. Mit der Krise ist dieses Verfahren aber kaum kompatibel. Immer wieder tauchen Schnellschüsse auf: SARS-CoV-2 entziehe roten Blutkörperchen das Eisen und verhindere so den Sauerstofftransport, das Virus sei in Europa mutiert und dabei infektiöser geworden, SARS-CoV-2 zeige auffällige Ähnlichkeiten mit HIV.

Das Internet wird geflutet mit neuen Veröffentlichungen, und das klassische Prüfverfahren kommt kaum hinterher. Die oben genannten Behauptungen wurden zwar heftig kritisiert oder gar widerlegt, aber bis es so weit war, hatten sie sich längst großflächig verbreitet. Sie führen weiterhin ihr Eigenleben. Und Journalisten auf der Jagd nach sensationellen neuen Erkenntnissen haben daran einen gehörigen Anteil. Seriöse Wissenschaftler, die plötzlich in der Öffentlichkeit stehen, geraten unter Druck. Prof. Drosten kann noch so oft betonen, wie vorläufig die Erkenntnisse sind und dass es neben der virologischen noch andere relevante Perspektiven auf die Pandemie gibt. Gefragt sind klare Ansagen: Schulen schließen, Maskenpflicht, Lockdown! Da kann die Nationale Akademie der Wissenschaften seitenlang differenzieren und relativieren, am Ende wird daraus eine einfache Botschaft gestrickt: Leopoldina will Schulen öffnen. Und wenn das bei einem Experten nicht gut klappt, dann suchen manche Politiker sich eben andere, deren Aussagen sich besser für die eigenen Absichten nutzen lassen. Und auf die man notfalls unter Rechtfertigungsdruck verweisen kann. Dabei bedeutet Wissenschaft nicht, sich auf die Meinung von Autoritäten zu berufen, sondern die gesamte Evidenz zu einer Forschungsfrage zusammenzufassen. Nur dazu fehlt in der Krise oft die Zeit. Längst ist das Image der Nerds ordentlich angeschlagen. Es steht zu befürchten, dass die wissenschaftsbasierte Politikberatung nach der Krise mit schweren Corona-Nachwirkungen zu kämpfen haben wird.

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