Hartmut Ziebs: Wir brauchen mehr Frauen in der Feuerwehr

Braunschweig.  Der Präsident des Feuerwehrverbands spricht im Interview über Nachwuchsmangel, Gewalt gegen Helfer und den Klimawandel.

Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands Hartmut Ziebs.

Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands Hartmut Ziebs.

Foto: Philipp Ziebart / Philipp Ziebart/BestPixels.de

Sie helfen bei Bränden, Überschwemmungen und Unfällen. Fast 24.000 Feuerwehren verzeichnete der Deutsche Feuerwehrverband im Jahr 2016 in Deutschland.

Doch gerade den Freiwilligen Feuerwehren droht Mitgliederschwund, vielerorts fehlt der Nachwuchs. Julia Popp sprach mit Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbands , darüber, wie Feuerwehren mehr Freiwillige gewinnen können – und auch über ein anderes Problem: Angriffe auf Einsatzkräfte.

Herr Ziebs, in vielen Städten und Gemeinden herrscht Nachwuchsmangel bei den Freiwilligen Feuerwehren . Wie ist es um das Ehrenamt bestellt?

Das ist regional unterschiedlich. In den Kommunen, die schon sehr früh etwas für den Nachwuchs getan haben, die also Kinder- und Jugendfeuerwehren haben, sehe ich weniger Probleme. In Städten, die das jetzt erst erkannt haben, gibt es große Probleme. Eines ist fast überall gleich: Das ist die Tagesverfügbarkeit von Freiwilligen Feuerwehren – vornehmlich in Städten, die keine Berufsfeuerwehr oder keine hauptamtlichen Kräfte haben. Man lebt nicht mehr dort, wo man arbeitet, oder arbeitet nicht mehr dort, wo man lebt. Viele pendeln. Da haben Feuerwehren tagsüber ein Problem. Das ist bundesweit fast einheitlich gleich.

Was können Feuerwehren dagegen tun?

Ich will mal eine Maßnahme nennen: Wir brauchen mehr Frauen in der Feuerwehr. Frauen sollen jetzt nicht die Lückenfüller sein, sie sind aber etwa in einer Familienphase tagsüber vielfach zu Hause. Und gerade in dem Bereich, in dem viel gependelt wird, können Frauen den Brandschutz problemlos sicherstellen. Wir müssen sie nur ein bisschen animieren, ein Interesse für die Freiwillige Feuerwehr wecken.

Wie sieht das konkret aus?

Frauen müssen die Möglichkeit haben, zum Einsatz ihre Kinder zur Betreuung mitzubringen. Es gibt die sogenannten Feuerwehropas und -omas. Das können pensionierte Feuerwehrleute sein, die auf die Kinder aufpassen. Als Zweites muss man den Frauen darlegen: Das ist körperlich gar nicht so schwer, das ist machbar, das ist leistbar – und Feuerwehr macht einen riesigen Spaß. Dann ist eigentlich die größte Hürde genommen.

In den vergangenen Jahren gab es vermehrt Angriffe auf Feuerwehrleute. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Es gibt mehrere Ansätze, warum das so ist. Einer ist: Wir glauben, dass der Respekt gegenüber dem Staat gesunken ist. Es werden ja nicht nur Feuerwehrleute angegriffen, sondern auch Verwaltungsleute – tätlich und auch verbal. Der Bürger versucht, sich über diese Schiene Luft zu machen. Das ist natürlich nicht in Ordnung und rechtfertigt es nicht. Es ist aber einer der Gründe. Da muss man ansetzen, dem Bürger vermitteln: „Hallo, das sind Menschen, die dir eigentlich helfen. Bitte behindere sie nicht.“ Da sind wir unterwegs mit der Kampagne „Gewalt geht gar nicht – deine Feuerwehr.“ Das eklatanteste Beispiel war letztes Jahr im September in Thüringen: Da sind zwei Feuerwehrleute im Einsatz mit Benzin übergossen worden. Sie sollten angesteckt werden. Da ist der Bogen vollkommen überspannt und da habe ich auch kein Verständnis mehr für.

Geht man da als Feuerwehrmann oder Feuerwehrfrau mit Vorbehalt in manche Einsätze?

Nein. Feuerwehrleute gehen immer positiv in den Einsatz. Wir wollen einen Einsatzerfolg, wir wollen Menschen helfen. Wir gehen nicht mit dem Ansatz in den Einsatz, dass da etwas passieren kann, man angegriffen werden könnte.

Wie können Einsatzkräfte vor Angriffen geschützt werden? Braucht es höhere Strafen?

Die Politik hat sehr schnell reagiert und das Strafmaß erhöht. Das ist auch gut so, es gibt nur meines Wissens nach bisher keine Verurteilung. Das hat unterschiedliche Gründe. In dem Moment, in dem Einsatzkräfte angegriffen werden, hat die Polizei in der Regel anderes zu tun, als sich erstmal um diesen Angriff zu kümmern. Die Strafverfolgung ist also sehr schwer.

Im vergangenen Jahr herrschte wochenlange Hitze in Deutschland, Anfang dieses Jahres gab es wiederum viel Regen und Sturm. Vor welche Herausforderungen stellen Wetterkapriolen die Feuerwehr?

Der Klimawandel wird die Feuerwehren in Zukunft noch mehr fordern. Wir werden mehr wetterbedingte Einsätze haben. Das ist ein Grund, wieso wir nächstes Jahr bei der Weltleitmesse Interschutz in Hannover das Thema Klimawandel und Feuerwehr in den Fokus stellen werden. Es nutzt mir aber nichts, wenn ich über den Klimawandel rede, der heute schon da ist. Ich muss mit der Generation reden, die letztendlich noch etwas bewegen kann, also den jungen Menschen, der nächsten Führungsgeneration der Feuerwehr.

Auch neue Technologien erschweren die Einsätze. Erst im März geriet auf der Autobahn 2 im Landkreis Börde ein Elektro-LKW in Flammen. Die Bergungsarbeiten waren für die Feuerwehrleute schwierig.

Wir müssen uns auf die neuen Technologien einstellen. Wir werden unsere Führungskräfte vermehrt darauf vorbereiten, mit solchen Elektroantrieben umzugehen. Die große Herausforderung ist dabei der Hochspannungsbereich. Bei einem Benziner oder Diesel liegen wir im Bereich von 12 bis 24 Volt, also ein Niederspannungsbereich, den man ganz gut beherrschen kann. Im Hochspannungsbereich mit teilweise bis zu 10.000 Volt kommen andere Herausforderungen auf uns zu. Das müssen wir lernen und da sind wir jetzt gefordert, uns drauf einzustellen. Und ich glaube, dass hier die Entwicklung auch noch nicht zu Ende ist – und das ist auch gut so.

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