Niedersachsens Landkreise: Inklusive Schule gelingt nicht

Hannover.  Kultusminister Tonne verspricht Lehrern mehr Hilfe bei der Integration behinderter Schüler. Es gebe Probleme, aber der Weg sei richtig, sagt er.

Eine behinderte Schülerin sitzt in ihrem Rollstuhl im Klassenraum einer Schule in Hannover.

Eine behinderte Schülerin sitzt in ihrem Rollstuhl im Klassenraum einer Schule in Hannover.

Foto: Holger Hollemann / dpa

Die Unterstützung, die durch Förderlehrkräfte an den unterschiedlichen Schulen gegeben wird, ist vollkommen unzureichend. Das liegt nicht an den Förderschullehrkräften, aber was nutzen
5 Stunden Unterstützung bei 25 Stunden Unterricht in der Woche? Und ist es nicht sinnvoller, für eine bestimmte Lernbehinderung jeweils eine Schule zu bestimmen, damit nur dort und damit ökonomisch vertretbar alle Voraussetzungen für eine optimale Förderung geschaffen werden?

Das fragt unser Leser Wolfram Buchwald aus Gifhorn.

Die Antwort recherchierten Michael Ahlers

Dass Inklusion kein Selbstgänger ist, weiß Kultusminister und Familienvater Grant Hendrik Tonne auch aus erster Hand.

„Da war ein Junge, ein feiner Kerl, der hat aber schlicht Krach gemacht. Der hat sich hingesetzt und auf den Tisch gehauen, und wenn die Lehrerin sagte, jetzt hör doch damit auf, dann hat er lauter weitergemacht“, berichtete Tonne (SPD) aus einer Schule seiner Region. Bei einer Zwischenbilanz zur Inklusion in Niedersachsen kündigte Tonne nun unter anderem mehr Hilfe für Lehrer an, die Kinder mit sonderpädagogischem „Unterstützungsbedarf emotionale und soziale Entwicklung “ in ihren Klassen haben.

Vor zehn Jahren war die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland ratifiziert worden. Sie fordert ein integratives Bildungssystem. 2012 hatte Niedersachsens Landtag das Schulgesetz geändert und alle Schulen für Kinder mit festgestelltem Förderbedarf geöffnet.

„Wir legen einen weiten Inklusionsbegriff zugrunde“, räumte Tonne nun zum Jubiläum der Konvention ein. Kinder mit einem „sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf“ können nun auch an einer allgemeinen Regelschule angemeldet werden. Eine Folge: bauliche Änderungen, die die Schulträger laut Land aber schrittweise mit Schwerpunktschulen angehen können. Zudem gebe es finanzielle Hilfen.

Die Förderschulen der verschiedenen Typen – wie „Hören“, „Sehen“ oder „Geistige Entwicklung“ – gibt es grundsätzlich weiter. Die Förderschule Lernen im sogenannten Primarbereich der Klassen 1 bis 4 wurde allerdings abgeschafft. Für den Sekundarbereich I (Klassen 5 bis 10) verlängerte das Land nach heftigen Protesten die Existenzmöglichkeit dieser Förderschulform, je nach dem Willen der Schulträger. Dass die Zahl der Förderschulen sinkt und der Anteil der inklusiv beschulten Kinder steigt, ist vor allem eine Folge des Auslaufens der Förderschule Lernen im Primarbereich. Die Inklusionsquote stieg 2017 auf mehr als 64 Prozent. Sie zeigt den Anteil der Kinder mit amtlichem Förderbedarf, die in den Inklusionsjahrgängen auf allgemeine Regelschulen gehen. Es waren knapp 28.000, der Großteil mit dem Förderbedarf Lernen.

„Bei meinen Gesprächen mit Lehrkräften, Schulleitungen und Eltern zeigt sich, dass Verstöße gegen schulische Regeln oder Grenzüberschreitungen im Umgang mit Lehrkräften oder Mitschülerinnen und Mitschülern eine hohe Belastung darstellen können. Deshalb bearbeiten wir dieses Thema mit Priorität“, sagte Tonne nun. Wer will, kann darin auch ein Eingeständnis sehen, dass die Schulen mit vielen Problemen zu lange im Regen standen. „Die Inklusive Schule gelingt nicht“, erklärte Niedersachsens Landkreistag denn auch am Dienstag, die Zahl der Schulbegleiter sei seit 2013 um 130 Prozent gestiegen. Allein bei den 36 Landkreisen und der Region Hannover seien im Schuljahr 2017/2018 6870 Schulassistenzen tätig gewesen. Die aber werden über die Jugend- und Sozialhilfe eingesetzt. Mehr Licht als Schatten sieht dagegen Minister Tonne. Er stellte aktuell ein „Arbeitspaket Inklusion“ vor. Bereits länger angekündigt war, dass Förderschullehrer vom kommenden Schuljahr an allen Schulformen der allgemeinbildenden Schulen eingestellt werden können. Diese können dann auch an andere Schulformen versetzt werden. Außerdem sollen Unterstützung und Beratung ausgebaut und professionalisiert werden.

Zum häufigen Förderbedarf Lernen sagte Tonne, das bekämen die Schulen hin. Hier heißt die Lösung „differenzierte Beschulung“, im Klartext also auch geringere Anforderungen. Der Förderbedarf „Emotionale und soziale Entwicklung“ gehe aber darüber hinaus, so Tonne. Hier müsse man Kinder vielleicht auch „zeitweise dort herausnehmen“. Vorrangig sei aber ein Ausbau der Unterstützung so, dass dies nicht nötig sei. Bei den Stundenzuweisungen zur Förderung will Tonne offenbar weg von der Bindung an das einzelne Kind, wie sie ab Klasse 5 greift. Der Hintergrund ist klar: Kindern soll nicht deshalb zu Förderfällen gemacht werden, damit die Schule mehr Ressourcen erhält. „Möglich ist auch eine erhöhte Feststellungspraxis aufgrund der schülerbezogenen Ressourcenzuweisung“, hatte es in einer Antwort der Landesregierung auf Anfrage der Grünen zum gestiegenen Förderbedarf geheißen. Ansonsten hebt das Ministerium immer wieder die Aufwendungen für die Inklusion hervor. „Der Zusatzbedarf Inklusion belief sich im Schuljahr 2017/18 auf über 95.000 Stunden“, heißt es in einer Erklärung des Ministeriums. Seit Einführung der inklusiven Schule sei er um rund 67.000 Stunden angewachsen. An jeder Schule seien mittlerweile Sonderpädagogen abgeordnet, erklärte ein Experte des Ministeriums. Dass dies in der Praxis nicht reicht, das sieht nicht nur unser Leser so.

Die Grundsatzfrage scheint erledigt. Die Inklusion werde nicht in Frage gestellt, betonte auch der Philologenverband am Dienstag. Das gilt zwar nicht für die AfD-Fraktion, die das Förderschulsystem bevorzugt. Die Antwort der politischen Mehrheit auf die Leserfrage ist klar: Die Eltern sollen grundsätzlich wählen können, ob Förderschule oder allgemeine Regelschule. So wolle es die Inklusion.

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