„Der regionale Bildungsmasterplan muss her“

Braunschweig.   Bei der Regionalkonferenz zur Digitalisierung fordern Experten mehr Ressourcen und strategische Planung.

Schüler arbeiten in einem Klassenraum einer Grundschule in Schüttorf an Computern.

Schüler arbeiten in einem Klassenraum einer Grundschule in Schüttorf an Computern.

Foto: Friso Gentsch / dpa

In der Schule kann man nicht einfach mal was ausprobieren. Das geht schief.

Das meint unser Leser Uwe Finger.

Zum Thema recherchierte Johannes Kaufmann

Die Schnelllebigkeit der digitalen Welt und Schule – das passt nicht immer gut zusammen. Das zeigte sich im Panel zur Bildung bei der Regionalkonferenz zur Digitalisierung des Netzwerks der Allianz für die Region im Braunschweiger C1-Kino.

Da beklagte Dirk Bode, Vorstandsvorsitzender der IT-Firma fme auf dem Podium ein „Organisationsversagen der Schulen“ und forderte „Mut zum Experimentieren“. Die Schulen sollten einfach mal loslegen in Sachen Digitalisierung. Das entsprang der Erfahrungswelt des IT-Unternehmers, der auf das enorme Innovationstempo seiner Branche hinwies: „Zehn Prozent unseres Umsatzes machen wir mit Themen, die es vor zwei Jahren eigentlich noch gar nicht gab.“ Deswegen sorge man bei fme dafür, dass die Mitarbeiter durch interne Fortbildungen, externe Bildungsangebote und vor allem die Nutzung von MOOC (Massive Open Online Course), also zugangsfreie Online-Kurse mit großer, globaler Teilnehmerzahl, mit den Entwicklungen Schritt halten könnten. Weiterbildung stecke in der DNA des Unternehmens.

Dem gegenüber stand die Realität unseres Lesers, der als Lehrer an der Hauptschule Vorsfelde unterrichtet: „Die Digitalisierung ist zu schnelllebig für die Schulen. Da kommt die Lehrerausbildung nicht hinterher.“ Zudem müsse sehr gut durchdacht sein, wie und in was Schüler unterrichtet würden – und das vor dem Hintergrund stark beschränkter Ressourcen.

Auf die hatte Bode selbst hingewiesen. Die Ankündigung des Landes, 1200 zusätzliche Lehrer einzustellen, sei das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurde. Am Ende bliebe jeder Schule in Niedersachsen ein Fünftel einer Lehrerstelle. Und die knapp 700 Euro, die aus dem fünf Milliarden Euro schweren Digitalpakt des Bundes auf jeden Schüler entfielen, reichten gerade mal für „einen Laptop, etwas Infrastruktur und eine Tüte Bonbons“. Kurzum: Es brauche mehr Geld. In diesem Punkt wenigstens waren sich im Panel alle einig, ob Lehrer, Unternehmer oder Bildungsforscher.

Dass auch die Hochschulen in der Pflicht seien, bestätigten Lehrer im Publikum, die sich Forschung zur Frage wünschten, welche Lehrinhalte von der Vermittlung über digitale Medien auch tatsächlich profitieren würden. Immerhin hätten Untersuchungen, unter anderem des Neurobiologen Martin Korte an der TU Braunschweig, gezeigt, dass man aus einem Buch besser lerne als von einem Tablet. Professor Korte hatte dies im Sommer dieses Jahres bei einem Vortrag vor Abiturienten in Braunschweig gesagt.

Katja Koch, die als Professorin für Erziehungswissenschaft an der TU Braunschweig Lehrer ausbildet, bestätigte, dass in dieser Sache noch viel Forschung nötig sei. „Bekannt ist, dass das Arbeitsgedächtnis beim Lernen mit dem Tablet abgelenkt werden kann, wenn das Tablet ansonsten mit Freizeit und Unterhalten verknüpft ist. Da stellt sich die Frage, ob das Lernen von Vokabeln mit einer App dann sinnvoll ist.“ Auch seien nicht alle Methoden und Medien für alle Kinder gleich gut geeignet. „Bei der kindlichen Sprachförderung hat sich gezeigt, dass die Passgenauigkeit der Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler entscheidend ist. Da sind digitale Medien noch nicht so hilfreich“, so Koch.

Vor der Forderung nach Digitalisierung in der Bildung gelte es also zu klären, wie und wann digitale Medien wirklich sinnvoll eingesetzt werden könnten. Den Begriff der „digitalen Kompetenzen“ bezeichnete die Bildungsforscherin gar als „Bullshit-Wort“: „Was ist das überhaupt? Dahinter verbirgt sich ein bunter Strauß von unterschiedlichsten Vorstellungen, mal aus medienpädagogischer, mal aus technischer Perspektive, mit dem wir als Wissenschaftler nicht viel anfangen können.“ In der Lehrerausbildung an der TU versuche man Wissen, Können und Reflexion zu vermitteln: das Wissen, wie die Technik funktioniere – was eigentlich auch rudimentäre Programmierkenntnise umfassen müsse –, das Können der Anwendung von digitalen Lehrmedien und die Reflexion darüber, wie diese Techniken auf die Schüler wirkten. Mit diesem Konzept sei die TU in der Lehrerausbildung mittlerweile auf einem guten Weg – „obwohl wir die Digitalisierung in der Bildung lange verschlafen haben“.

Auch die Stadt Wolfsburg habe erkannt, dass man „schon mittendrin ist in der Digitalisierung“, sagte die Dezernentin für Jugend, Bildung und Integration, Iris Bothe, in ihrem Impulsreferat. Darin monierte sie, dass der Einsatz digitaler Medien bisher vor allem von einzelnen, technikaffinen Lehrkräften vorangetrieben werde und zu wenig als Thema der „organisationsbezogenen Strategieentwicklung“ gedacht werde. Mit Dirk Bode stimmte sie überein, dass es eines regionalen „Masterplans“ bedürfe. „Darin müssen erst einmal die Ziele geklärt werden. Derzeit herrscht bei diesem Thema ein wilder Aktionismus vor“, so Bothe. Bode wiederum forderte „schlanke Leitplanken“ und keinen detaillierten Plan für die Zukunft, die sich ohnehin nicht vorhersehen lasse.

Das stand allerdings im Widerspruch zu den von Andreas Strutz skizzierten Anforderungen an die betriebliche Ausbildung. Der Leiter der Aus- und Weiterbildung Fahrzeugbau von Volkswagen schilderte das Konzept der „Technologieradar-Workshops“ bei VW, in denen regelmäßig versucht werde, ein Bild künftig notwendiger Kompetenzen zu entwickeln – in zwei Jahren, in fünf Jahren und darüber hinaus. Auch die Bereichsleiter im Konzern müssten vorhersehen, was sie in fünf Jahren benötigten, denn so lange dauere es mindestens, bis ein ausgebildeter neuer Mitarbeiter „geliefert“ werden könne.

Einig waren sich am Ende alle, dass es in der Bildung mehr Kooperation und Vernetzung brauche. Strutz forderte, die „Wand zwischen allgemeinbildenden Schulen und Unternehmen aufzubrechen“. Iris Bothe plädierte beim angesprochenen Masterplan für die enge Zusammenarbeit von Wirtschaft, Bildungseinrichtungen, Kommunen und Land. Michael Kleber, Regionsgeschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbunds erklärte, es brauche vor allem Personen, die bereit sind, vernetzt zu arbeiten“, dann könne Digitalisierung in der Bildung ein Projekt unserer Region werden. Und Hans-Peter Lorenzen, Geschäftsführer der Volkshochschule Braunschweig, meinte, „es wäre schon viel gewonnen, wenn alle Volkshochschulen der Region operativ auf dem Feld der Digitalisierung zusammenarbeiteten“.

In der Abschlussdiskussion warf Christoph Steindorff, Vorsitzender des Vereins Digitale Gesellschaft Wolfsburg, aus dem Publikum die Frage auf, warum so wenige Informatik-Lehrer ausgebildet würden. „Biologie und Chemie lernt jeder, auch ohne Biologe oder Chemiker zu werden“, so Steindorff. Denn naturwissenschaftliches Wissen sei notwendig, um die Welt zu verstehen. „Aber auch die digitale Welt umgibt uns alltäglich. Um die zu verstehen, müssen wir lernen, wie die Technik funktioniert.“

Dem konnte Katja Koch nur beipflichten. „Die Hochschule bemüht sich seit Jahren, ja Jahrzehnten darum, Informatik als Schulfach einzurichten. Als TU halten wir es für unabdingbar, eine Abteilung für Didaktik der Informatik zu bekommen.“ Man sei aber dran, versicherte Koch und wagte einen Blick in die Zukunft: Bei der nächste Regionalkonferenz werde es womöglich bereits ein Studium zum Informatik-Lehrer an der TU Braunschweig geben.

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