Erinnerungskultur

Geschichte digital: Jüdische Friedhöfe werden digitalisiert

Lesedauer: 4 Minuten
Projektleiterin Marie-Luis Zahradnik bei der Reinigung eines Grabmals auf dem Nordhäuser jüdischen Friedhof, welches zusammen mit der Nummerierung der Grabmale als Teil der Dokumentation durchgeführt wird.

Projektleiterin Marie-Luis Zahradnik bei der Reinigung eines Grabmals auf dem Nordhäuser jüdischen Friedhof, welches zusammen mit der Nummerierung der Grabmale als Teil der Dokumentation durchgeführt wird.

Foto: Marie-Luis Zahradnik / Projekt

Nordhausen.  Ein Projekt in Nordhausen konserviert die Geschichte steinerner Zeugnisse mit digitalen Werkzeugen.

Die jüdischen Friedhöfe im Landkreis Nordhausen werden zur Konservierung von Denkmälern und Geschichte als Form kommunaler Erinnerungsarbeit digitalisiert. Die Friedhöfe in Bleicherode, Ellrich und Nordhausen sind die letzten erhalten gebliebenen Zeugnisse jüdischer Geschichte im Landkreis Nordhausen, die nicht dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen. Jedoch sind die insgesamt rund 670 Grabmale vom witterungsbedingten Verfall bedroht. Ein Teil der Inschriften ist kaum noch lesbar.

Da die Restaurierung von Grabmalen nicht unbegrenzt möglich und zudem auch sehr kostenintensiv ist, müssen innovative technische Verfahren zur Dokumentation und Informationsvisualisierung angewendet werden. Dadurch sind auch neue Formate der kommunalen Erinnerungsarbeit möglich: Gedenkveranstaltungen zu verschiedenen Anlässen, durch die das Erinnern wachgehalten wird, gefördert durch die Verknüpfung wertvoller und historisch unersetzbarer Quellen und Erinnerungsorte mit partizipativen Formaten für eine interessierte Öffentlichkeit.

Ohne derartige Informations- und Kommunikationsstrukturen würde das Erinnern verblassen

Ohne derartige Informations- und Kommunikationsstrukturen würde das Erinnern verblassen. Vor diesem Hintergrund ist auch die inhaltliche Ausrichtung des Themenjahres „Neun Jahrhunderte Jüdisches Leben in Thüringen“ hervorzuheben.

Die Hochschule Nordhausen ist im Rahmen des Themenjahres Träger des Projekts „Digitalisierung jüdischer Friedhöfe“ unter der Leitung von Dr. Marie-Luis Zahradnik. Bereits im Rahmen ihrer Promotion hatte sie eingehend die Geschichte der Juden in Nordhausen erforscht. Sie führt für den Nordhäuser Altertums- und Geschichtsverein e.V. Führungen über den jüdischen Friedhof Nordhausen durch und hat über ihn einen wissenschaftlichen Aufsatz veröffentlicht, in dem sie auch die Dokumentation der Grabmale mit Transkription der Inschriften anregte.

Das Vorhaben stieß auf positive Resonanz und wird durch verschiedene Partner finanziell, materiell und auch fachlich beratend unterstützt – etwa von der Thüringer Staatskanzlei, der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, vom Stadtarchiv und dem Flohburg-Museum der Stadt Nordhausen, dem Verein Gegen Vergessen Für Demokratie e.V., mehreren Universitäten und der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung.

Digitale Dokumentation der Grabmale in 2D und 3D

Derzeit erfolgt die digitale Dokumentation und virtuelle Kontextualisierung der jüdischen Friedhöfe in Bleicherode, Ellrich und Nordhausen und ihrer einzelnen Grabmale in 2D und 3D. Dazu wird zunächst die Geländesituation virtuell erfasst und mit Informationen zu den Grabmalen und Transkriptionen und Übersetzungen der Inschriften verknüpft.

Über eine öffentlich zugängliche Forschungs- und Präsentationsplattform sollen weitere Informationen wie Biogramme, Fotos, Zeitungsbeiträge und historische Adressbücher aus Bibliotheken, Archiven und Museen zusammengetragen werden, sodass eine nachhaltige Sicherung dieser geschichtsträchtigen Anlagen und eine Recherche im digitalen Raum zeit- und ortsunabhängig möglich sein wird. Die Veröffentlichung der Projektergebnisse in Form der Digitalisate der Friedhofsgelände und Grabmale mit den verknüpften Datensätzen erfolgt in einem via Internet öffentlich zugänglichen digitalen Repositorium der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena. Das Repositorium soll über das Digitale Kultur- und Wissensportal Thüringen unter www.kulthura.de erreichbar sein.

Sonderausstellung in Nordhausen

Im Rahmen des Themenjahres und des Projektes wird eine zweiteilige Sonderausstellung im städtischen Museum Flohburg über „Steinerne Zeugnisse jüdischen Lebens digital – Jüdische Friedhöfe im 19. Jahrhundert im Landkreis Nordhausen“ und „Jüdisches Leben in Nordhausen im 19. Jahrhundert“ zu sehen sein.

Unabhängig vom Zugang über den heimischen PC soll im städtischen Museum Flohburg ein Computer mit Bildschirm oder Tablet installiert werden, auf dem Museumsbesucherinnen und -besucher sich u. a. die Digitalisate anschauen können. Weiterhin werden die Eigenschaften der Grabsteine mit Fotos in der epigraphischen Datenbank des Salomon Ludwig Steinheim-Instituts für deutsch-jüdische Geschichte an der Universität Duisburg-Essen erfasst. Dort wird es eine Verlinkung zu den 3D-Digitalisaten im Digitalen Kultur- und Wissensportal Thüringen kulthura.de geben.

Buch über das Projekt und seine Ergebnisse geplant

Weitere Verlinkungen zu den Digitalisaten werden angestrebt, z. B. auf der Homepage der Stadt Nordhausen und der Homepage des Nordhäuser Geschichts- und Altertumsvereins e.V. Außerdem soll ein Buch über die Geschichte der jüdischen Friedhöfe in Bleicherode, Ellrich und Nordhausen herausgegeben werden, in dem das Projekt, ein Überblick über die Projektergebnisse sowie ausgewählte Grabmale dargestellt werden sollen.

Bereits in der neuen Ausgabe der Reihe „Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Kreis Nordhausen“ im Dezember 2021 wird ein Beitrag über das Projekt und dessen erste Teilergebnisse zu lesen sein. Zwei weitere Teile werden in den Jahren 2022 und 2023 folgen.

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