Boat People Projekt begeistert mit neuem Stück

Göttingen.  Im Göttinger Werkraum ist das neue Theaterstück „Der Titel ist frei übersetzbar“ uraufgeführt worden.

In dem Stück "Der Titel ist frei übersetzbar" werden Themen wie Mehrsprachigkeit, geschichtliche Sprachentwicklungen und Kolonialismus angesprochen.

In dem Stück "Der Titel ist frei übersetzbar" werden Themen wie Mehrsprachigkeit, geschichtliche Sprachentwicklungen und Kolonialismus angesprochen.

Foto: Anja Semonjek

Die Theatergruppe „Boat People Projekt“ hat das Stück „Der Titel ist frei übersetzbar“ in der Spielstätte „Werkraum“ uraufgeführt. Mehrere Sprachen nahmen auf der Bühne Raum ein: Französisch, Arabisch, Italienisch, Deutsch und eine Bildsprache. Die Darsteller inszenierten, wie sie von einer Sprache lernen – und dass es fatal ist, wenn Menschen meinen, zu schnell zu verstehen. Die in Tunesien lebende Regisseurin Meriam Bousselmi schrieb das Drehbuch.

„Eigentlich wollte ich doch nicht mehr Theater spielen“, durchbricht der Schauspieler Husam Chadat die Stille. Der erste Akt des Stückes beginnt. „Es ist ein Recherchetext, aber wird das Publikum irgendwas davon begreifen?“, sagt der bekannte Schauspieler. Starr steht er mit dem Ensemble auf einer Stelle. Alle tragen sandfarbene Umhänge, und stehen auf einem sandfarbenen Podest. Die orientalische Musik im Hintergrund verstärkt das Gefühl, die Szene spielt in der Wüste. Drei Spieler nehmen ihre sandfarbenen Umhänge ab und reden auf Italienisch, Arabisch und Französisch aneinander vorbei.

Schließlich fordert Chadat, dass sein arabischer Text übersetzt wird. Die zwei anderen kommen seinem Wunsch nach – sie versuchen es zumindest.

Im zweiten Akt ergreift die Künstlerin Norah Haakh erstmals das Wort. Sie erzählt über die Schwierigkeit des Übersetzens und dass der Übersetzer meist unsichtbar ist. „Nur wenn es in einem Buch ein Vorwort des Übersetzers gibt, nimmt der Leser ihn wahr – und auch seine Botschaft: Es gibt nie nur eine Übersetzung, sondern unendlich viele Möglichkeiten, einen jeden Satz zu interpretieren“, sagt sie.

Mit diesen Worten beginnt der Kongress der Missverstandenen. Der „Aktivist“ Monsieur Checallerie organisierte ihn und rief Interessierte über Facebook auf, teilzunehmen.

Er erklärt seine Motivation: „Mit dem Anstieg des internationalen Austausches und migrantischer Prozesse wird die Verständigung zwischen den Sprachen immer wichtiger.“ Die Übersetzung sei vielleicht sogar die Sprache der Welt.

Dabei könne ein Übersetzungsfehler einen Atomkrieg auslösen, meint er: „Das Wort ,Mokusatsu’ eines japanischen Politikers wurde einst missverstanden – als Folge warf man Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.“ Seine Rede wird von den Bildern der Illustratorin Nora H. untermalt. Diese ist eine „Graphic Recorderin“, das heißt, sie übersetzt Sprache mit Bildern.

Auf der Kongress-Tagungsordnung steht außerdem der Vortrag von Maximiliana von Stern und Rabih Halal an, einem Paar aus Berlin. Halal erzählt, wie er aus Syrien nach Deutschland zog. „Ich habe mein Land nicht wegen eines Krieges verlassen. Ich bin weg, um zu atmen“.

Dringend habe er einen Tapetenwechsel gebraucht. In Deutschland wurde jede Erfahrung neu und aufregend – nicht zuletzt wegen der unbekannten Sprache. „Die Formulierung ,Ich habe die Sprache gelernt’ wäre an dieser Stelle falsch. Es ist eher so: Ich habe von (!) der Sprache gelernt.“

Das Ensemble setzte das Stück mit minimalistischen Mitteln um: Eine schlichte Bühne in schwarzen und sandfarbenen Tönen. Im Gegenzug sorgten die Illustrationen der Künstlerin Nora Haakh für Farbtupfer und die visuelle Unterstreichung des Gesagten. Die Schauspieler, die auch in anderen Städten auf großen Bühnen stehen, spielten jeder für sich einzigartig. Mit intellektuellen Texten brachten sie dem Publikum die Bedeutung von Mehrsprachigkeit näher.

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