Erobere die weißen Wände!

Braunschweig.  „Occupy White Walls“ begeistert 70.000 Online-Spieler weltweit. Sie bauen und besuchen Kunstgalerien.

Alteredstate1 heißt diese Galerie.

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Foto: OWW/Yarden Yaroshevski

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ich brauche regelmäßig eine große Portion bildende Kunst, anderenfalls bin ich unausgeglichen und werde mürrisch. Ölgemälde aus dem 16. Jahrhundert, Digitalkunst von 2020 – was Epoche und Stil betrifft, bin ich offen. Und nicht nur große Namen locken mich ins Museum – die künstlerische Arbeit muss mich innerlich berühren. Neugierig erkunde ich ebenso Ausstellungen in der Malerkapelle Königslutter wie im Barberini in Potsdam.

Normalerweise. Aber jetzt ist alles dicht. Was tun Museums-Junkies? Ich finde Trost bei „Occupy White Walls“ (Erobere die weißen Wände). Dieses 3D-Computerspiel ist perfekt für alle, die sich für Kunst und Architektur interessieren, sich darüber mit anderen austauschen möchten, die gerne sammeln und kreativ gestalten. Die Spieler bauen Galerien und besuchen die der Mitspieler. Sie kaufen Bilder und Skulpturen ebenso wie Wände, Treppen, Fußböden und alles, was man für ein Museum so braucht.

Das Spiel ist kostenlos, ebenso die Spieleplattform

Die virtuelle Währung im Spiel sind Cubes (Würfel). Tatsächlich ist „Occupy White Walls“ (OWW) für die Spieler kostenlos. Einzig, wer seine eigene Kunst hochladen und den anderen Spielern präsentieren möchte, muss etwas zahlen. Kostenlos ist ebenfalls der Account für die Spieleplattform Steam, die man zum Herunterladen benötigt. Die Systemvoraussetzungen sind moderat, auch ein älteres Laptop reicht aus, dann dauert das Laden einer Galerie eben etwas länger.

OWW begeistert bislang 70.000 Spieler in aller Welt – Tendenz steigend. Die Zahl nennt mir Yarden Yaroshevski, Gründer und Geschäftsführer des Spieleanbieters Stikipixels in London. Er hat OWW mit einem jungen Team kreiert und entwickelt es ständig weiter. Da jeder Spieler seit kurzem auch mehrere Galerien bauen kann, übersteigt deren Zahl inzwischen 70.000 um einiges. Insgesamt gibt es laut Yaroshevski 32 Quadratkilometer Galerieflächen: „440 Mal so viel wie der Louvre.“

14.000 Kunstwerke in mehr als 70.000 Galerien

Mehr als 14.000 Kunstwerke umfasst die Sammlung. Die OWW-Macher müssen die Bildrechte beachten, darum sind die meisten Bilder gemeinfrei. Auf eine Kollektion ist Yaroshevski besonders stolz: „Wir haben kürzlich fast die gesamte Sammlung der National Gallery in London in das Spiel gebracht: mehr als 2300 Meisterwerke, 58 Prozent davon sind im Museum gar nicht ausgestellt.“ Hinzu kommt mehr und mehr zeitgenössische Kunst, seit die Macher diese selbst hochladen können. Bei jedem der 14.000 Kunstwerke sind Informationen zum Bild und dem Künstler hinterlegt – abrufbar mit einem Klick.

Aus 2200 Bauelementen entstehen unglaubliche Galerien

Viele Spieler kommen zu OWW, sagt Yaroshevski, „weil sie gestalten wollen: Denn es ist ein richtig cooles Architektur-Game.“ Das kann man wohl sagen. Mehr als 2200 Bau- und Gestaltungselemente stehen bereit. Anfangs schlichte weiße Wände und graue Fußböden. Je höher das Spiellevel, um so reicher wird die Auswahl: Mosaikfußböden, Parkett, dorische Säulen, Glaswände, Jugendstil-Geländer, Brokatbespannungen, Barockrahmen. Dazu Spezialeffekte für Himmel und Umgebung: Sonnenschein und Berge, Polarlicht, Weltraum. Wer will, kann sein Museum auch unter Wasser setzen.

Die Gesetze der Schwerkraft gelten hier nicht

In den unglaublichsten Galerien bin ich schon gewesen, denn die Gesetze der Schwerkraft sind in OWW außer Kraft gesetzt. Ich kann über Wasser gehen, Gebäudekuben sind krumm und schief übereinander gestapelt – bis in die Wolken hinein. In meiner Galerie „Contrast“ verzichte ich weitgehend auf Decken, es regnet ja nicht. Der Fußboden ist grasbewachsen, Türen fand ich überflüssig. Ein Gartencafé habe ich eingerichtet, sogar Schmetterlinge für den Rasen gab’s im Fundus.

Künstliche Intelligenz Daisy hilft beim Bilder aussuchen

Yaroshevski hat beobachtet, dass viele Spieler anfangs vor allem das Bauen begeistert: „Aber sie bleiben wegen der Kunst.“ Jedes Bild, das ich beim Bummeln durch die Galerien sehe, kann ich mit einem Klick kaufen. Die zweite Möglichkeit, Kunst zu erwerben, ist Daisy, die künstliche Intelligenz im Spiel. Sie bietet mir auf Knopfdruck Bilder an. Durch meine Auswahl lernt sie meinen Geschmack immer besser kennen. Mein erstes Bild, eine Landschaft von Archip Kuindschi, habe ich für 250 Cubes gekauft, die Mona Lisa hat mich 500 Cubes gekostet, jetzt muss ich für jedes Bild, egal ob van Gogh oder No-Name, 13.000 Cubes zahlen.

Die virtuellen Preise steigen mit dem Spiellevel

Die Preise für den umbauten Raum, die Bauelemente und die Kunst steigen mit den Aktivitäten und dem Vermögen des Spielers. Vermögen erwirbt er durchs Bauen und Kaufen – und durch Besucher in der eigenen Galerie. Das sind anfangs oft Bots (Roboter), doch mit der Zeit kommen echte Spieler, die Cubes und Kommentare am Eingangstresen hinterlassen. Die spektakulärsten Galerien werden auf der OWW-Startseite präsentiert.

Das Suchtpotenzial von „Occupy White Walls“ ist hoch: Stundenlang schiebe ich Wände und Fenster hin und her, hänge Bilder auf und ab, frage Daisy nach neuen Vorschlägen. Ich streife durch eine Galerie, dann durch die nächste. Ich entdecke ständig Künstler, viele zum Beispiel aus dem asiatischen Raum werden hierzulande nicht gezeigt. Was kann schöner sein? Nur ein Besuch in einem echten Museum.

Erste Schritte:

Richten Sie sich einen kostenlosen Account bei der Spieleplattform Steam ein. Darauf installieren Sie „Occupy White Walls“, ebenfalls kostenlos.

Das Spiel in englischer Sprache beginnt mit einem Tutorial, alle Werkzeuge werden Schritt für Schritt erklärt. Sie werden in Ihre eigene Galerie teleportiert.

Dort gibt es nur zwei Wände und Umzugskisten. Das Tutorial führt Sie dahin, zunächst einen White Tube, Ihren ersten Raum, zu bauen, die ersten Bilder zu kaufen und sich in andere Galerien zu teleportieren.

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