Proteste Veranstaltungsbranche

Braunschweiger „Kulturzug“ abgesagt – zu wenige Teilnehmer

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Februar 2021: Rund 1500 Angehörige der Kultur- und Veranstaltungsbranche demonstrierten in Braunschweig für mehr Unterstützung in der Pandemie.

Februar 2021: Rund 1500 Angehörige der Kultur- und Veranstaltungsbranche demonstrierten in Braunschweig für mehr Unterstützung in der Pandemie.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Braunschweig.  Vor einem Jahr protestierten 1500 Kulturschaffende für mehr Corona-Hilfen. Dieses Jahr wurde der Protest kurzfristig gecancelt – aus diesen Gründen.

Es waren beeindruckende Bilder, die vor einem Jahr weit über die Region hinaus Beachtung fanden. Statt des abgesagten Schoduvels wanderte ein „Kulturzug“ durchs verschneite Braunschweig: schwarz gekleidete Musikerinnen, Schauspieler, Kreative, Unternehmer und Beschäftigte der Veranstaltungsbranche sowie Sympathisanten, insgesamt 1500 Menschen. Die Corona-Auflagen wurden beachtet, man hielt Abstand, trug Maske. Rund 500 Teilnehmer trugen zudem Schilder mit schwarz-weißen Porträtfotos, ihren Namen und ihrer Berufsbezeichnung.

Ziel der Aktion: Auf die existenziell bedrohliche Lage der Kultur- und Veranstaltungsbranche aufmerksam zu machen, die durch die pandemiebedingten Einschränkungen schwer getroffen war. Die Teilnehmer forderten mehr und passgenauere Unterstützung für die zahlreichen Angehörigen der Branche, die praktisch mit einem Berufsverbot belegt waren. Der damalige zweite Lockdown untersagte Veranstaltungen seit November 2020 bis in den Mai 2021.

Sorge vor Unterwanderung des Protests durch Spaziergänger und Rechtsradikale

Zum Zeitpunkt des „Kulturzugs“ war noch unklar, wann und in welcher Menge es Impfungen geben würde. Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann, neben den Oberbürgermeistern von Braunschweig und Wolfsburg einer der Hauptredner auf der Abschlusskundgebung, kündigte erstmals Schnelltests an, die ab März 2021 auf den Markt kommen könnten. „Das würde in absehbarer Zeit relativ sichere Kino- und Theaterbesuche ermöglichen“, so Althusmann damals.

Initiator des „Kulturzugs“ war der Braunschweiger Eventmanager Dirk Wöhler. Eigentlich wollte der Chef der Veranstaltungsagentur WMS-Event ihn auch am gestrigen Sonntag wieder statt des Schoduvels auf die Straße bringen. Vor einer Woche entschloss er sich aber, die Demonstration abzusagen. „Ich habe in diesem Jahr einfach Angst, dass der ,Kulturzug’ von anderen Gruppen, von denen wir uns ganz klar distanzieren, instrumentalisiert und eventuell sogar unterwandert wird“, teilte Wöhler in den sozialen Medien mit. Der Branchen-Protest dürfe nicht mit sogenannten Spaziergängern, Coronaleugnern, Impfgegnern und Rechtsradikalen in Verbindung gebracht werden, sagte der 52-Jährige unserer Zeitung. Auch angesichts des eskalierenden Kriegs und Leids in der Ukraine sei er froh über seine Entscheidung.

Lediglich 55 Zusagen von Kulturschaffenden

Allerdings, räumt Wöhler ein, hätten diesmal auch lediglich 55 Kulturschaffende und Angehörige der Veranstaltungsbranche zugesagt, am Protestzug teilzunehmen. 55 von rund 600 Branchenangehörigen, die sich im vergangenen Jahr an der begleitenden Aktion „Kulturgesichter“ beteiligt und sich für die Demonstrationsschilder, aber auch Plakat- und Linienbus-Wände hatten ablichten lassen.

Bedeutet das, dass die Politik die Veranstaltungswirtschaft nun ausreichend unterstützt? Frank Spilker, Kopf der bekannten Hamburger Band Die Sterne, hatte das zuletzt zumindest pauschal bejaht: „Gerade weil die Kulturbranche so vielfältig ist, ist es auch schwierig, passgenau zu helfen. Daran gemessen, haben die Maßnahmen ganz gut gegriffen“, sagte der Musiker vergangene Woche im Interview mit unserer Zeitung.

Personeller Aderlass in der Branche

Auch Wöhler will das nicht grundsätzlich in Abrede stellen. Er sieht aber auch andere Gründe für die aktuelle Zurückhaltung seiner Branche. Etwa den, dass viele Angehörige sich angesichts fehlender Perspektiven andere Jobs gesucht hätten. „In meiner Firma beispielsweise haben nach zwei Jahren weitgehender Kurzarbeit zwei von drei festangestellten Mitarbeitern gekündigt. Gerade ist ein Veranstaltungsmeister nach elf gemeinsamen Jahren zu einem Hörgerättechniker gewechselt.“ Er könne das verstehen, man sei im Guten auseinandergegangen, sagt Wöhler. „Dennoch habe ich jetzt ein Personalproblem, und das geht vielen Kollegen so.“ Um die neu hereinkommenden Anfragen für Stadtfeste, Firmenfeiern, Hochzeiten oder das Unterhaltungsprogramm rund um die Heimspiele des VfL Wolfsburg bewältigen zu können, brauche er neue Leute – in einer Branche mit immer noch ungewissen Aussichten.

„Mit zwei blauen Augen durchgekommen“

„Dank der Überbrückungsgelder kommen Betriebe wie meiner mit zwei blauen Augen durch die Pandemie“, so Wöhler. Allerdings würden nur Betriebskosten wie Miete und Gehälter via Kurzarbeit übernommen, einen Unternehmerlohn gebe es weiter nicht.

Wöhler war rührig und schuf sich über Nacht ein neues Standbein. Unter der Marke MacTest betreibt er mehrere Corona-Teststationen. Allerdings sei auch das ein unsicheres Geschäft. „Und nicht jeder hat die Energie, Mittel und Risikobereitschaft, so etwas zu stemmen“.

Manche Soloselbständige müssen Corona-Hilfen zurückzahlen

Manche soloselbständige Kulturschaffende seien mittlerweile zudem mit Rückforderungen der N-Bank für Fördermittel konfrontiert, die sie zu Pandemiebeginn beantragt hatten – weil sie übersahen, dass nicht Lebenshaltungskosten, sondern nur Betriebsausgaben gefördert wurden. „Viele Künstler haben aber keine Büros oder Dienstwagen und sind mit dieser Bürokratie auch überfordert“, sagt Wöhler.

Zwei Kernforderungen an die Politik hätten darum mit dem „Kulturzug“ transportiert werden sollen, und sie seien natürlich weiter gültig, betont der Eventmanager. Die Veranstaltungsbranche brauche fürs Überleben endlich eine verlässliche Perspektive. Das bedeute, dass es keinen Lockdown mehr geben dürfe. „Veranstaltungen unter 2Gplus müssen auch im Herbst und Winter möglich sein.“ Und noch wichtiger, damit diese Einschränkungen nur das letzte Mittel sind: „Die Impfpflicht muss kommen. Das ist eine Frage von gesellschaftlicher Vernunft und Solidarität.“

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