Bundestagswahl

Laschet kann im Triell kaum punkten - Klarer Gewinner

| Lesedauer: 8 Minuten
Laschet: "Kanzlerisch" ist nicht, die Raute nachzumachen

Laschet: "Kanzlerisch" ist nicht, die Raute nachzumachen

Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) hat sich nach dem TV-Dreikampf gegen den Eindruck verwahrt, dass sein SPD-Herausforderer Olaf Scholz "kanzlerischer" wirke als er selbst.

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Berlin.  Nach dem Umfrageschock gab sich Armin Laschet im ersten TV-Triell gegen Scholz und Baerbock angriffslustig. So lief der Dreikampf ab.

  • Im ersten TV-Triell dieses Wahlkampfes zur Bundestagswahl kämpften Annalena Baerbock, Olaf Scholz und Armin Laschet um die Gunst der Wählerstimmen
  • Gleich zu Beginn gibt es eine Schlappe für die Moderatoren
  • Welcher der drei Kandidaten konnte das Triell für sich entscheiden? Eine Umfrage sieht einen deutlichen Gewinner

Psychologischen Studien zufolge braucht der Mensch nur Sekunden, um sich ein Bild von einer anderen Person zu machen. Am Sonntag hatten über 60 Millionen Wahlberechtigte dafür 6600 Sekunden Zeit: Beim ersten „Wahl-Triell“ stellten sich die Bewerber ums KanzleramtArmin Laschet (CDU), Olaf Scholz (SPD) und Annalena Baerbock (Grüne) – beim TV-Sender RTL ganze 110 Minuten den Fragen der beiden Moderatoren Pinar Atalay und Peter Kloeppel. Es sind noch vier Wochen bis zur Bundestagswahl.

Bereits kurz nach 19 Uhr waren Laschet und Scholz in ihren Dienstlimousinen vor dem Studio in Berlin-Adlershof vorgefahren; Baerbock kam mit ihrem grünen Tourbus an. Das Streitgespräch begann mit einer kleinen Schlappe – für die Moderatoren. Die Einstiegsfrage, warum der jeweils andere nicht für das wichtigste Regierungsamt in Deutschland qualifiziert sei, wollte keiner der drei Gäste beantworten. Lesen Sie hier: Bundestagswahl: Diese Parteien sind zur Wahl zugelassen

„Ich glaube nicht, dass das der Stil ist, den wir in Deutschland pflegen sollten“, ließ der im gedeckten schwarzblauen Anzug erschienen Olaf Scholz Atalay und Kloeppel abblitzen und warb dann wie zuvor Annalena Baerbock (in Lila) für die eigenen Qualitäten.

Afghanistan: Armin Laschet bezeichnet Ende des Einsatzes als „Desaster“

Laschet (im blauen Anzug, mit hellblauer Krawatte) wiederholte sein Mantra, dass er bereits ein großes (Bundes-)Land regiere und deshalb für das Kanzleramt qualifiziert sei. Im Studio ging es dann im Halbkreis und vor blauer, mit Bundesadlern geschmückter Wand zunächst um das Thema Afghanistan. Als „Desaster“ bezeichnete Laschet das Ende des Einsatzes und forderte als Lektion eine größere (militärische) Unabhängigkeit von den USA. Der SPD warf er vor, sowohl beim Thema bewaffneter Drohnen-Einsatz als auch mit Blick auf höhere Militärausgaben für die Nato immer gebremst zu haben. Lesen Sie mehr: So funktioniert das Wahlsystem in Deutschland

Baerbock bezichtigte Scholz stellvertretend für die Bundesregierung, keine „aktive Außenpolitik“ zu betreiben, sondern „sich wegzuducken“. So habe das SPD-geführte Außenministerium die Erteilung von Visa für bedrohte Ortskräfte verschleppt: „Sie haben innenpolitische Motive über außenpolitische Verantwortung gestellt.“ Scholz wirkte defensiv beim Thema, Laschet gelang es, hier die Rolle der Opposition einzunehmen, obwohl seine Partei mitregiert. Überhaupt hatte der CDU-Chef in den Angriffsmodus geschaltet. Lesen Sie hier: Afghanistan: Was das Drama für die Bundestagswahl bedeutet

Zweites Thema war die Pandemie, bei dem es deutlich weniger Streit gab. Alle drei sprachen sich dafür aus, dass es keinen neuen Lockdown mehr geben solle.

Drittes großes Thema: das Klima. Welche Sofortmaßnahme die Kandidaten veranlassen würden, um den globalen Klimawandel einzudämmen, fragten die Moderatoren. Hier hatte Baerbock die meisten Vorschläge: Sie will zwei Prozent der Landfläche mit Windkraftanlagen bestücken*, den Kohleausstieg vorziehen und ein Verbrennerverbot schon ab 2030 umsetzen. Außerdem plädierte sie für ein Energiegeld für Familien in Höhe von 75 Euro. Auf die Laschets Frage, wie das denn umgesetzt werden solle, musste sie die konkrete Antwort freilich schuldig bleiben.

Scholz sprach sich dafür aus, Ausbauziele für alternative Energien festzulegen – ohne dass er genaue Zahlen nannte. Laschet betonte, dass der Ausbau der Stromtrassen für alternative Energien durch weniger Bürokratie beschleunigt werden sollte. Baerbock hielt Scholz vor, beim Klima „nichts tun zu wollen“. Laschet warf sie vor, in einer veralteten Industriepolitik festzustecken. Lesen Sie auch: Klimakrise: Das ist der Grund für Starkregen in Deutschland

Beim Thema Steuern lieferten sich Laschet und Scholz einen Schlagabtausch: Während sich Scholz für einen höheren Spitzensteuersatz aussprach, will Laschet durch eine Stärkung der Wirtschaft mehr Steuereinnahmen generieren. Insgesamt erlebten die Zuschauer und Zuschauerinnen ein munteres fast zweistündiges Streitgespräch. Baerbock trat wieder deutlich selbstsicherer als in der Zeit nach den Plagiatsvorwürfen gegen sie auf, schien aber nicht auf allen Gebieten mit den Details vertraut.

Scholz bot als Mitglied der Bundesregierung seinen Kontrahenten die meiste Angriffsfläche, blieb aber bei seinem ruhig-nüchternen Kurs. Für den größten Überraschungseffekt sorgte Laschet, der unerwartet gut vorbereitet war und angriffslustig wirkte.

Umfragen versetzen Lager der Union in Aufregung

Für ihn und die Union hatte der Sonntag mit einem Schock begonnen. Laut aktuellem Sonntagstrend, den das Institut Insa für „Bild am Sonntag“ erstellt, geht die SPD deutlich in Führung. Sie kommt auf 24 Prozent, zwei Prozentpunkte mehr als in der vergangenen Woche. Für die Union geht es hingegen weiter nach unten, sie liegt jetzt nur noch bei 21 Prozent (- 1). Es ist der niedrigste Wert, den Insa jemals für die Union gemessen hat.

Die Grünen (17 Prozent) und die FDP (13 Prozent) bleiben jeweils stabil, die AfD verschlechtert sich um einen Zähler auf 11 Prozent, die Linke auf sechs Prozent. Befragt wurden 1247 Personen im Zeitraum vom 23. bis 27. August.

Aber auch in puncto persönlicher Beliebtheit verliert Laschet weiter. Würden die Deutschen den Kanzler direkt wählen können, würde Olaf Scholz laut Sonntagstrend derzeit mit 31 Prozent klar das Rennen machen, auch wenn er im Vergleich zur Vorwoche drei Punkte verloren hat. Laschet käme nur noch auf zehn Prozent (- 2) und läge damit sogar hinter Annalena Baerbock, die 14 Prozent der Deutschen direkt ins Kanzleramt wählen würden. Auch interessant: Armin Laschet: Ehefrau und Kinder - das ist die Familie des CDU-Mannes

Auch in der Blitzumfrage, die RTL/ntv unter 2500 Triell-Zuschauerinnen und -zuschauern durchführen ließ, schneidet Laschet schlecht ab: Nur 25 Prozent der Befragten halten ihn für den Sieger des Schlagabtausches - 36 Prozent hingegen sahen Scholz als Sieger, 30 Prozent nannten Annalena Baerbock.

In der Union herrscht angesichts der anhaltend schlechten Umfragewerte Panikstimmung. Intern gibt es heftige Diskussionen, wie Laschet noch die Trendumkehr schaffen kann.

Am Montag will der CDU-Chef ein Konzept für den Wahlkampfendspurt vorlegen. Geplant ist ein „100-Tage-Programm“ und die Hervorhebung einzelner Themen wie Sicherheit und Familie, mit denen auch Köpfe verbunden werden sollen. Nach Informationen unserer Redaktion sind dafür neben dem bereits für das Amt des Wirtschaftsministers gehandelten Friedrich Merz unter anderem die CDU-Vizevorsitzende Silvia Breher und Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) sowie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann vorgesehen.

*) In der Berichterstattung über das Triell ist unserer Redaktion ein Fehler unterlaufen: Grünen-Chefin Annalena Baerbock will nicht zwei Prozent des Gesamtenergiebedarfs aus Windkraft decken, wie es in einer vorherigen Version dieses Textes hieß, sondern zwei Prozent der Landfläche mit Windkraftanlagen bestücken. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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