Jazz-Ikonen in Tusche aus Braunschweig

Braunschweig.  Der Grafiker und Musiker Heinrich Römisch porträtiert Genregrößen kongenial, von Joe Pass bis Carla Bley. Seine Spezialität sind Jazz-Kalender.

Der legendäre Jazzgitarrist Joe Pass auf einem Blatt (Ausschnitt) des neuen Jazzkalenders von Heinrich Römisch.

Der legendäre Jazzgitarrist Joe Pass auf einem Blatt (Ausschnitt) des neuen Jazzkalenders von Heinrich Römisch.

Foto: Heinrich Römisch

Schon allein das verzückte Antlitz von Joe Pass ist ein wirksames Gegenmittel gegen den tristen Corona-Blues. Das Spiel der Fältchen um die leuchtenden kleinen Augen, der leicht geöffnete, befreit lächelnde Mund mit dem markanten Oberlippenbart unter der knubbeligen Nase. Auch wenn man nicht wüsste, dass Pass (1929-1994) einer der herausragenden Gitarristen des Jazz war, würde man wohl ahnen, dass der Ausdruck ekstatischer Freude, den die gekonnte Porträtzeichnung vermittelt, musikalisch inspiriert ist.

Allerdings strahlt Pass auf diesem Hochformat des Braunschweiger Grafikers und Musikers Heinrich Römisch nicht allein. Eine Klaviertastatur kreuzt diagonal hinter seiner Halbglatze das Blatt. Dahinter sieht man unverkennbar Oscar Peterson mit still vergnügtem Lächeln und geschlossenen Augen ins Spiel vertieft, und am oberen linken Bildrand zupft Ray Brown in entspannter Pose seinen Kontrabass. Trio-Formationen sind das Thema von Römischs neuem Jazzkalender 2021 – der mittlerweile fünfte seiner Art.

Plastizität und Ausdruckstiefe

Der 59-Jährige ist selber als Bassist in verschiedenen Bands der Region aktiv, von Die kleine Swingbrause bis zum Blue Moon Trio. In seinen Jazz-Gemälden, -Zeichnungen und -Kalendern bündelt der studierte Grafik-Designer seine Begabungen. Das Ergebnis ist sehenswert und macht unweigerlich gute Laune.

Römisch arbeitet in seinem aktuellen Kalender mit Tusche. Oft gestaltet er seine Porträts vorzugsweise mit einem Rapidographen, einem feinen Tuschefüller. Meisterlich erzeugt er mit Strichen, Punktierungen und Schraffuren Plastizität und Ausdruckstiefe, mal mit feiner Detailarbeit, mal mit gröberer, freierer Linienführung wie bei der Darstellung des Trios Anouar Brahem (Oud), John Surman (Saxophon), Dave Holland (Bass). Der Künstler zeigt die Musiker nicht in konkreten Bühnensituationen, sondern porträtiert sie einzeln, in mehreren Versionen, und fügt die besten dann am Computer zu stimmigen Collagen zusammen, oft vor bunt kolorierten Hintergründen.

Zwei Frauen unter 36 Jazzern

Es gibt auch Motive, die einen stärker malerischen Charakter haben, wie das ausdrucksvolle Porträt der löwenmähnigen Pianistin Carla Bley, einer von lediglich zwei Frauen unter zwölf mal drei Jazzern. „Bei den jüngeren Formationen ist der Anteil der Musikerinnen größer“, meint Römisch leicht schuldbewusst. Aber er porträtiere eben am liebsten Jazzgrößen aus den
60er bis 90er Jahren, weil ihre Musik ihn am stärksten geprägt habe. Und in dieser Zeit sei Jazz offenbar eine ziemliche Männerdomäne gewesen.

Als Vorlage für seine Porträts dienen Römisch Fotografien, aber auch eigene Konzerterinnerungen. Es gehe ihm nicht darum, möglichst realistische Abbilder zu erzeugen, sondern den Charakter und den individuellen Ausdruck eines Musikers zu erfassen. „Haltungen interessieren mich eigentlich mehr als Gesichter“, behauptet er. Dabei ist Römisch ein meisterhafter Porträtist, wenn auch kein Perfektionist. Die Dynamik der Darstellung geht vor Detailhuberei, eigentlich wie in seiner Lieblingsmusik. „Zeichnen hat für mich auch etwas von Improvisieren“, sagt Römisch.

Spannungsreiche Dreierkonstellationen

Die Improvisation ist es auch, die ihn am Jazz fasziniert. „Es ist, wie eine Geschichte ohne Manuskript zu erzählen, das macht es so lebendig. Und es schärft alle Sinne, wenn man mit anderen zusammenspielt, weil man fortwährend aufeinander hören und reagieren muss“. Kaum irgendwo geschehe das intensiver als in Trios – „schon allein weil Dreierkonstellationen immer spannungsreich sind“.

Römisch, der bis zum 16. Lebensjahr als Sohn deutschstämmiger Eltern in Polen aufwuchs und dann mit seiner Familie nach Braunschweig zog, ist musikalischer Autodidakt, erlernte das Bassspiel in Free-Jazz- und Frank-Zappa-AGs an der jugendbewegten IGS Weststadt.

Nach seinem Grafikdesign-Studium an der HBK machte er sich bald selbständig, mit zwei Standbeinen als Grafikdesigner und Musiker. Das hilft ihm auch in der Corona-Krise, wo musikalisch fast nichts mehr läuft. Allerdings sei die Auftragslage auch als Designer und Illustrator schwierig. „Derzeit traut sich kaum noch jemand, feste Aufträge zu vergeben oder sich vertraglich festzulegen“, erzählt er. Umso mehr hofft Römisch, dass sein Jazzkalender 2021 genug musik- und kunstfreudige Liebhaber findet.

Zu haben sind die Kalender, die Thomas Geese um kundige, gut lesbare Texte zu den dargestellten Musikern ergänzt hat, bei Graff in Braunschweig, bei Sopper in Wolfsburg, im Antiquariat Hoffmeister in Wolfenbüttel sowie unter h.roemisch@web.de (20 Euro).

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