Präsidentinnen-Rücktritt überraschte viele HBK-Angehörige

Braunschweig.  Anfang der Woche erklärte Vanessa Ohlraun ihren Rücktritt zum Jahresende. Jetzt äußern sich auch Angehörige der Braunschweiger Kunsthochschule.

Die scheidende HBK-Präsidentin Vanessa Ohlraun (47).

Die scheidende HBK-Präsidentin Vanessa Ohlraun (47).

Foto: Florian Kleinschmidt / archiv

Meister der Kommunikation sind sie an der Braunschweiger Kunsthochschule (HBK) schon mal nicht. Die Meldung, dass HBK-Präsidentin Vanessa Ohlraun ihr Amt vorzeitig aufgibt und sich wieder der Forschung widmen will, kommt laut einem Präsidiumsmitglied auch für die Professoren überraschend. Allerdings war in den vergangenen Wochen bereits gemunkelt worden, dass Ohlraun sich vergeblich anderwärtig beworben habe, was HBK-Pressesprecher Jesko Heyl dann auch bestätigte.

Zu einem angefragten Gespräch kam es nicht, da sie krankgemeldet ist. Das ist sie immer noch, war dann aber am Mittwoch doch bereit, sich zu ihrem Abgang zu äußern. Aber es sollten nur ein paar Zitate sein. Als nach 45 Minuten Gespräch ein richtiges Interview entsteht, lehnt sie die Veröffentlichung ab. Chance vertan.

Ohlraun will sich nun dem Thema Kolonialismus widmen

Denn so unumstritten ist sie an der HBK offenbar nicht, dass ein paar klärende Worte zur eigenen Position nicht hilfreich hätten sein können. Im Gespräch stellt Ohlraun klar, dass sie im nächsten Jahr eine Vollzeitstelle an der Leibniz-Universität Hannover antritt, Forschung und Lehre in einem Team, das sich interdisziplinär Kolonialismus und Erinnerungskultur widmen wolle. Als Ethnologin und Kulturwissenschaftlerin sehe sie diese Themen aktuell für so wichtig an, dass sie sich wieder direkt damit befassen möchte.

Im Gespräch wird auch deutlich, dass sie Themen wie Kolonialismus, Diversität und Gendergerechtigkeit auch im HBK-Diskurs stark machen wollte. Viele der neueren Professoren hätten sie dabei auch unterstützt. Offenbar andere aber nicht. Jedenfalls räumt sie ein, dass es unten den angestammten Kollegen viel Offenheit – aber auch Beharrungskräfte gegeben habe. Das sei aber normal.

Studierenden-Vertreterin: Ohlraun begegnete uns auf Augenhöhe

Die beratende studentische Vertreterin im Präsidium Julie Lüpkes, Medienwissenschaftlerin und Mitglied im Studierendenparlament, lobt die Berufung einer externen Gleichstellungsbeauftragten. Die von ihr organisierten Aktionstage hätten vielen Studentenwünschen entsprochen. Den Studierenden läge außerdem der Klimaschutz am Herzen, da sei die Einrichtung einer Kommission erreicht worden, nun müsse kritisch beobachtet werden, dass sie auch Ergebnisse bringe.

Ohlraun habe sie als Präsidentin erlebt, die den Studenten auf Augenhöhe begegnet sei. Wie gut sie bei der Drittmitteleinwerbung oder im Management gewesen sei, könne sie nicht beurteilen. Zumindest seien viele Stellen wieder auf Dauer statt mit Vertretungen besetzt worden, sie hoffe, dass das auch in präsidentenloser Zeit so bleibe. „Die HBK muss sich jetzt auf ihre Werte als vielfältig aufgestellte Hochschule besinnen“, sagt die 24-Jährige. Für die Zukunft wünscht sie sich noch mehr Transparenz bei allen Entscheidungen.

Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger kann dauern

Für Präsidiumsmitglied Gosbert Adler, Professor für Fotografie, beginnt nun wieder die schwierige Zeit der Ausschreibung und Neubesetzung des Präsidentenamtes, die sich durchaus hinziehen kann. „An anderen Kunsthochschulen hat man lange gesucht, es gibt gar nicht so viele geeignete Bewerber, zumal die Stelle nicht so hoch dotiert ist, weil sie sich nach der Größe der Hochschule richtet.“

Gebraucht werde jemand, der nach innen vermittle und nach außen gut darstelle. Fürs Profil könne eine Präsidentin viel tun, aber angesichts einer hohen Zahl von Dauerstellen auch nicht alles umkrempeln. Sie bestimme die Tagesordnung und die Reihenfolge der Besetzungen, aber es entschieden die Auswahlkommissionen, die Lehre sei ohnedies frei.

Gut fand Adler, dass nach der notwendigen Phase der vor allem finanziellen Konsolidierung unter dem damaligen Vizepräsidenten Nikolas Lange mit ihr wieder eine Sprache Einzug gehalten habe, die von der Kunst handelte. Auch Geschlechtergleichstellung und Ökologie hätten Gehör gefunden, das sei den Studenten sehr entgegengekommen. Er räumt aber auch ein, dass Ohlrauns gesellschaftspolitische Interessen bei weiten Teilen der Hochschule nicht auf fruchtbaren Boden gefallen sind. „Vielleicht hat sie gemerkt, dass ihr Einfluss da doch nicht so groß ist, aber dafür ein Haufen anderer Probleme wartet.“

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