Wut in Braunschweig – Hannover blockiert neues Jugendtheater

Braunschweig.  Das Kabinett plant die benötigten 2,8 Millionen Euro nicht im Landeshaushalt ein, will aber 26 Millionen Euro ins Theater Hannover investieren.

Da schien alles bereits fix: Im Herbst 2017 kündigten die damalige Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne/links) und Braunschweigs Staatstheater-Intendantin Dagmar Schlingmann den Umbau dieser Probenbühne in der früheren Husarenkaserne zum neuen Jugendtheater an.

Da schien alles bereits fix: Im Herbst 2017 kündigten die damalige Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajić (Grüne/links) und Braunschweigs Staatstheater-Intendantin Dagmar Schlingmann den Umbau dieser Probenbühne in der früheren Husarenkaserne zum neuen Jugendtheater an.

Foto: Florian Arnold

Es kommt selten vor, dass Anja Hesse öffentlich der Kragen platzt. Aber in diesem Fall kann Braunschweigs Kulturdezernentin offenbar nicht mehr an sich halten. „Es ist eine unmissverständliche Botschaft, dass das Kabinett unser hoch engagiertes Staatstheater und damit auch die Stadt Braunschweig wieder einmal leer ausgehen lässt“ – so kommentiert Hesse auf Anfrage unserer Zeitung den Beschluss der schwarz-roten Ministerrunde in Hannover, keine Mittel für eine neue Jugendspielstätte im Haushaltsentwurf 2020 einzuplanen.

„Aber damit nicht genug“, kritisiert Hesse weiter. „Die Bühnen der Landeshauptstadt bekommen zum wiederholten Male geradezu exorbitante finanzielle Unterstützung im Vergleich zu der Summe, die für den Umbau des Kinder- und Jugendtheaters hier in Braunschweig in den Landeshaushalt hätte eingestellt werden müssen.“ Damit spielt die Kulturdezernentin auf 26 Millionen Euro an, die die Landesregierung in ein neues Werkstattgebäude für Staatsoper- und Staatsschauspiel Hannover investieren will.

Die Hoffnungen werden zum zweiten Mal enttäuscht

Die Hoffnungen der Braunschweiger Theaterleitung um Intendantin Dagmar Schlingmann auf eine zeitgemäße Jugendspielstätte werden dagegen bereits zum zweiten Mal bitter enttäuscht. Dabei hatte die Landesregierung sie selbst geweckt – wenn auch nicht die aktuelle, sondern die rot-grüne Vorgängerregierung, ebenfalls unter der Führung von Ministerpräsident Stephan Weil (SPD). Die damalige Kulturministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) hatte kurz vor der Landtagswahl 2017 gemeinsam mit Schlingmann das Vorhaben vorgestellt, eine bisherige Probebühne des Theaters in der früheren Braunschweiger Husarenkaserne zur neuen Jugendspielstätte auszubauen.

Es lag ein fertiger Entwurf eines renommierten Heidelberger Architekturbüros samt Kostenkalkulation vor, die sich damals auf 1,3 Millionen Euro belief. Die Mittel sollten aus einem Topf für Unterhaltung und Sanierung von Landesimmobilien des Finanzministeriums kommen; laut Heinen-Kljajic hatte der damalige Finanzminister Peter-Jürgen Schneider (SPD) bereits zugestimmt. An dieser Darstellung hält die frühere Kulturministerin gegenüber unserer Zeitung bis heute fest.

Nach der Landtagswahl kam alles anders

Doch es kam anders. Sowohl Finanz- als auch Kulturministerium sind mittlerweile CDU-geführt. Dass das Projekt neues Jugendtheater unter Kulturminister Björn Thümler stockt, hatte sein Haus bisher mit fehlenden Parkplätzen begründet. Ohne deren Nachweis könne die Stadt Braunschweig einen Umbauantrag des Landes gar nicht genehmigen. Doch diese Kuh ist vom Eis: Benachbarte Behörden haben zugestimmt, ihre Parkplätze abends zur Verfügung zu stellen.

Dennoch hat Thümler das Projekt Jugendtheater auch im Haushaltsentwurf für 2020 nicht durchsetzen können oder wollen. Die Kosten sind mittlerweile gestiegen. Rund 2,8 Millionen Euro werden nun veranschlagt – wegen allgemeiner Teuerung im Baugewerbe und weil das Architekturbüro Skena dringend zu einer Lüftungsanlage rate, so Schlingmann.

Die Situation für das Staatstheater hat sich unterdessen weiter verschärft, weil die bisherige Jugendspielstätte Haus III im Magniviertel im kommenden Jahr nicht mehr zur Verfügung steht. Der Vermieter, die Gemeinde St. Magni, hat den Vertrag gekündigt.

Braunschweigs Kulturdezernentin appelliert an die Abgeordneten

Wie soll es weitergehen? Braunschweigs Kulturdezernentin Hesse appelliert an die Landtagsabgeordneten der Region: „Nur noch die gewählten Volksvertreter können im Rahmen der Haushaltsberatungen des Landtags hierzu eine positivere Entscheidung herbeiführen.“

Dafür werde sie sich in der SPD-Fraktion mit Nachdruck einsetzen, verspricht die Braunschweiger Abgeordnete Annette Schütze. „Ich sehe zwei Möglichkeiten: Entweder der Minister steuert nach, oder wir versuchen, die Mittel über die politische Liste in den Haushalt zu bekommen.“ Damit ist das Recht der Parlamentarier gemeint, bei den abschließenden Etat-Beratungen im Herbst eigene Vorschläge einzubringen. Das funktioniert allerdings nur, wenn sich dafür eine Mehrheit findet.

Der Braunschweiger CDU-Landtagsabgeordnete Oliver Schatta äußert sich verhaltener. Im Landeshaushalt seien viele Interessen zu berücksichtigen, man müsse bedacht vorgehen. Bei den Beratungen des Regierungsentwurfs in den Parlamentsausschüssen werde er sich mit den drei Fraktionskollegen aus der Region aber für das Jugendtheater einsetzen. Schatta verweist darauf, dass sich CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer ja bereits in Braunschweig über die Pläne informiert habe.

Intendantin Schlingmann: Das Jugendtheater erreicht alle Gesellschaftsschichten

Theaterchefin Schlingmann verweist auf die gemeinsame Zielvereinbarung mit dem Kulturministerium, dass das Staatstheater alle Gesellschaftsschichten ansprechen solle. „Nirgendwo gelingt uns das so gut wie im Kinder- und Jugendtheater, wo wir sehr viele junge Menschen erreichen und mit allen Schulformen zusammenarbeiten.“

Mit Leiter Jörg Wesemüller habe sie das Jugendtheater seit ihrem gemeinsamen Amtsantritt aufgewertet: Alle Sparten, auch Sänger und Tänzer, beteiligten sich nun daran. Tatsächlich fanden einige Braunschweiger Inszenierungen zuletzt auch überregional Beachtung.

Umso kräftiger fällt das Kopfschütteln von Kulturdezernentin Hesse aus: „Das Land hat in der Vergangenheit die Staatstheater in Oldenburg und Hannover kontinuierlich bevorzugt – mit Millionenbeträgen zur Sanierung der Häuser. Es bedarf nur wenig Phantasie, wenn eine in Relation kleine Summe für ein zwingend notwendiges Kinder- und Jugendtheater schon nicht eingestellt wird. Was können wir hier erwarten bei einem Sanierungsstau des Staatstheaters von rund 61 Millionen Euro?“

Hier ein Kommentar des Feuilleton-Chefs Martin Jasper zum Thema.

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