Kommentar

Urlaub: Das Reisechaos zeigt die Grenzen der Privatisierung

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Lufthansa-Streikende: "Wir haben mehr Lohn verdient"

Lufthansa-Streikende- Wir haben mehr Lohn verdient

Rund tausend abgesagte Flüge, über 130.000 betroffene Passagiere: Ein Streik des Lufthansa-Bodenpersonals hat den Betrieb der Fluggesellschaft mitten in der Sommer-Reisezeit zum Erliegen gebracht. Die Streikenden fühlen sich von ihrem Arbeitgeber im Stich gelassen. Manch Reisender zeigt Verständnis für den Streik.

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Berlin.  Das Reisechaos des Sommers zerrt an den Nerven. Sowohl an den Flughäfen als auch bei der Bahn werden strukturelle Probleme sichtbar.

Zoff mit dem Mobilitätsanbieter gehört in diesen Tagen dazu. Wer einen Antrag bei der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr stellt, die Fluggesellschaft aber den Anspruch auf Entschädigung galant ignoriert, wird vorsorglich darauf hingewiesen, dass die Bearbeitungszeit mehr Zeit als gewöhnlich in Anspruch nehmen wird.

Und auch bei der Deutschen Bahn scheint das Fahrgastrechtezentrum derzeit unter einer Beschwerdeflut unterzugehen. Jedenfalls landen immer häufiger Briefe bei Bahnkunden, dass ihre Beschwerde zwar bearbeitet werde, mit einer Antwort aber erst in einigen Wochen zu rechnen sei.

Urlaub: Jede Menge Reisefrust im Sommer

Wer sich das Glücksspiel, ob und wann der gebuchte Fernzug kommt – von der Aussicht auf einen Sitzplatz ganz zu schweigen –, ersparen möchte, kann auf das 9-Euro-Ticket setzen. Das ist herrlich entschleunigend. Mitunter kann man Stunden an Orten, von denen man vorher gar nicht wusste, dass sie existieren, verbringen, weil die Umsteigezüge leider bereits überfüllt sind.

Deutschland im Sommer 2022 – das ist für viele Reisefrust. Schuldige werden gesucht und gefunden. Wie kann es sein, dass die Flugbranche derart unvorbereitet war auf die Reiselust nach zwei Jahren Pandemie? Eine berechtigte Frage. Zugleich sollte man dabei bedenken, dass die Corona-Pandemie Deutschland noch bis in den Winter hinein in weiten Teilen lahmgelegt hat.

Urlaub: In Bayern läuft es besser

In den vergangenen zwei Jahren wurde das Ende der Flugbranche in ihrer bisherigen Form beschworen. Man echauffierte sich über leere Flüge und diskutierte darüber, wie der Urlaub der Zukunft wohl aussehen würde. Wer will es dem Flughafenmitarbeiter verdenken, dass er sich bei Kurzarbeit und düsterer Zukunftsprognosen nach einem anderen Job umgesehen hat?

Es lohnt sich ein Blick dorthin, wo es in diesen Tagen – wenn nicht gerade Verdi das Bodenpersonal der Lufthansa bestreikt – besser läuft: nach Bayern. Im Süden der Republik sind die Sicherheitsmitarbeiter an den Flughäfen bei der örtlichen Landesgesellschaft angestellt. Das Chaos bei der Sicherheitskontrolle ist dort sehr viel geringer als andernorts in Deutschland, wo die Aufgabe an private Subunternehmer outgesourct wurde.

Grenzen der Privatisierung werden sichtbar

Auch der Blick auf die Bahn zeigt: Die derzeitigen Zustände haben ihre Wurzel im jahrelangen Sparkurs, der die Bahn auf Profit trimmen sollte – Börsenträume inklusive. Als Gesicht für das Kaputtsparen der Bahn wird in diesen Tagen gerne Hartmut Mehdorn präsentiert, der am Sonntag seinen 80. Geburtstag feiert. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.

Streng genommen hat er seine Aufgabe, die die Politik ihm auferlegt hat, erfüllt: Er hat die Kosten minimiert und den Konzern auf einen kurzfristigen Gewinn getrimmt. Heute sind die Grenzen der kurzfristig gewinnorientierten Privatisierung spürbar. Nun suchen Politik und Unternehmen händeringend nach Möglichkeiten, um kurzfristig auf die Probleme zu reagieren. Allerdings sollte man sich eingestehen: Das Kind ist in den Brunnen gefallen. Schnellschüsse führen im Zweifel nur zu künftigen Problemen.

Kurzfristig sind keine strukturellen Probleme zu lösen

So ist es durchaus denkbar, dass die Reiselust der Deutschen im kommenden Jahr deutlich geringer ausfallen wird, wenn die hohen Energie-Nachzahlungen ins Budget schlagen. Schon jetzt sollten sich Politik und Wirtschaft daher auf Szenarien für die kommende Reisesaison vorbereiten – und strukturelle Probleme angehen. Davon gibt es wahrlich genug.