Ottobock macht erstmals Milliarden-Umsatz

Duderstadt.  Der Technologieführer in „Wearable Human Bionics“ aus Duderstadt wächst im Jubiläumsjahr um 8,2 Prozent.

Prof. Hans Georg Näder beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens Ottobock.

Prof. Hans Georg Näder beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen des Unternehmens Ottobock.

Foto: Mark Härtl / HK

Das international tätige Medizintechnikunternehmen Ottobock hat seinen Wachstumskurs im Geschäftsjahr 2019 fortgesetzt. Der Umsatz stieg nominal um acht Prozent auf 1.003 Millionen Euro (Vorjahr: 927 Millionen Euro) und übersprang erstmals die Umsatzmarke von einer Milliarde Euro. Unterstützt durch das Umsatzplus und dank der konsequent gesteigerten Effizienz stieg der bereinigte operative Gewinn vor Sondereffekten (Underlying EBITDA) überproportional um zehn Prozent auf 191 Millionen Euro (Vorjahr: 174 Millionen Euro).

„Wir sind stolz darauf, im vergangenen Jahr – dem 100-jährigen Bestehen von Ottobock – sowohl beim Umsatz als auch beim operativen Ergebnis neue Rekordwerte erreicht zu haben. Unsere Geschäftsführung schafft es, dynamisches Wachstum und steigende Profitabilität miteinander zu verbinden“, sagt Prof. Hans Georg Näder, Eigentümer und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Ottobock SE & Co. KGaA.

Wesentlicher Erfolgsfaktor sind mikroprozessorgesteuerte Prothesen

Im Segment O&P, dem das Prothetik- und Orthetik-Komponentengeschäft sowie mit Patient Care auch die Versorgung von Patienten zugeordnet sind, hat Ottobock den Umsatz organisch um sechs Prozent auf 876 Millionen Euro gesteigert. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor sei die zunehmende Versorgung von Patienten mit technologisch anspruchsvollen, mikroprozessorgesteuerten Prothesen – als Beispiel nennt das Unternehmen die Beinprothesenlösung Genium oder die intuitive Steuerung Myo Plus, mit der Anwender myoelektrische Hände dank künstlicher Intelligenz und Mustererkennung flüssig bewegen können.

Insgesamt hat Ottobock die führende Position auf dem Weltmarkt für Prothesen technologisch wie wirtschaftlich klar behauptet.

Weiteres Wachstumspotenzial im Segment O&P bietet das weltweit einzigartige Neuro-Beinorthesensystem C-Brace, das Menschen mit Lähmungen in den Beinen dabei hilft, wieder laufen und stabil stehen zu können. 2019 hat Ottobock die zweite Generation des C-Brace vorgestellt. Erfreulicherweise haben die Zulassungsstellen in den vergangenen Monaten die Erstattungszusagen der Gesundheitssysteme in Deutschland und Japan erteilt und damit die Basis für eine entsprechend hochwertige Versorgung der Patienten geschaffen.

„Wir verstehen uns als vertikal integrierter Lösungsanbieter, der innovative Produkte und die Patientenversorgung zu einem ganzheitlichen Ansatz verbindet, um die Mobilität von Menschen zu verbessern. Diese Ausgewogenheit im Geschäftsmodell, gleichzeitig Weltmarktführer in der Prothetik zu sein und eine hohe Nähe zu unseren Anwenderinnen und Anwendern zu haben, ist in der Medizintechnik einzigartig“, sagt Philipp Schulte-Noelle, CEO von Ottobock.

Im Segment Others, zu dem unter anderem das Rollstuhlgeschäft Human Mobility und der Start-up-Bereich Industrials zählen, hat Ottobock den Umsatz organisch um sieben Prozent auf 127 Millionen Euro gesteigert. Das Rollstuhlgeschäft entwickelte sich mit einem Wachstum im zweistelligen Prozentbereich sehr positiv, insbesondere durch die erhöhte Nachfrage nach Leichtgewichtrollstühlen, Aktiv- und Sportrollstühlen sowie Elektrorollstühlen. Elektromobilität ist seit Jahren fester Bestandteil der Produktpalette. Mit Umsatzerlösen im niedrigen einstelligen Millionen-Euro-Bereich ist der Start-up-Bereich Ottobock Industrials noch vergleichsweise klein, wächst aber exponentiell. Innovative Exoskelette für Mitarbeiter in Produktion, Logistik und Handwerk reduzieren die körperliche Beanspruchung im Schulter- oder Rückenbereich deutlich und bieten erhebliches Potenzial für die kommenden Jahre.

Aus regionaler Sicht ist das Geschäft in Westeuropa um sechs Prozent gewachsen. Es macht rund die Hälfte des Gesamtumsatzes von Ottobock aus. Während in Nordamerika und EEMEA (Osteuropa, Mittlerer Osten und Afrika) Umsatzzuwächse von zwei beziehungsweise sieben Prozent verzeichnet wurden, stachen die Wachstumsraten in den Emerging Markets Asien-Pazifik (plus acht Prozent) und Lateinamerika (plus 15 Prozent) hervor. „Nachhaltiges Wachstum bedeutet für uns, dass alle Segmente und Regionen zur positiven Entwicklung beitragen. Diese Balance ist uns 2019 sehr gut gelungen“, so Schulte-Noelle.

Mit dem Anstieg des bereinigten operativen Gewinns vor Sondereffekten auf 191 Millionen Euro hat sich auch die entsprechende EBITDA-Marge des Unternehmens um 0,3 Prozentpunkte auf 19,2 Prozent verbessert. Zum Vergleich: Im Jahr 2016 betrug sie noch 16 Prozent. Seitdem ist die Profitabilität kontinuierlich gestiegen, beispielsweise durch die Optimierung des Qualitätsmanagements und positive Effekte im Einkauf. „Im nächsten Schritt wollen wir ein Niveau von 20 Prozent erreichen“, sagt Jörg Wahlers, CFO von Ottobock. Ein weiterer Beleg für die gestärkte operative Leistung ist der operative Cashflow, der sich 2019 auf dem Wert von 104 Millionen Euro stabilisiert hat.

184 Millionen Euro Investitionsvolumen im vergangenen Jahr

Das Investitionsvolumen von Ottobock belief sich im Geschäftsjahr 2019 auf 184 Millionen Euro – ein Anstieg um 54 Millionen Euro. Wesentliche Gründe waren die Akquisition von Vigo, einem führenden Patient-Care-Anbieter in Belgien und Polen mit einem Jahresumsatz von rund 70 Millionen Euro, sowie weitere Transaktionen zur Stärkung der Patientenversorgung in Frankreich, Italien, Schweden und in den USA. Insgesamt 100 Millionen Euro hat Ottobock in die Übernahme der Unternehmen investiert. „Wir haben frühzeitig erkannt, dass die Nähe zu den Anwenderinnen und Anwendern ein strategischer Erfolgsfaktor ist. Sie stärkt unsere Auftragssituation in der Prothetik und ermöglicht uns, deren Bedürfnisse besser in die Neu- und Weiterentwicklung unserer Produkte einfließen zu lassen“, sagt Philipp Schulte-Noelle.

Darüber hinaus investierte das Unternehmen 51 Millionen Euro in Sachanlagen, nicht zuletzt, um Produktion, Logistik und Service auszuweiten. Auf den Hauptsitz in Duderstadt entfielen 21 Millionen Euro, unter anderem für ein neues Logistikzentrum, ein Fräszentrum und das sogenannte iFab zur individuellen, digital gesteuerten Fertigung von Prothesen und Orthesen per 3D-Druck. „Wir verfolgen einen ambitionierten Zukunftsplan, wollen unseren Wachstums- und Effizienzsteigerungskurs auch in den kommenden Jahren fortsetzen. Die hohen Investitionen sind die Basis und der beste Beweis dafür, dass wir an unsere Potenziale glauben“, so Jörg Wahlers. Weitere 61 Millionen Euro hat Ottobock im vergangenen Geschäftsjahr für Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten aufgewendet. Die F&E-Quote – also das Verhältnis der Aufwendungen zu den Umsätzen im Produktgeschäft – betrug neun Prozent. 42 neue Patente hat das Unternehmen angemeldet. „Mit Innovationen haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten die Position als Markt- und Technologieführer bei Wearable Human Bionics erarbeitet. Diesen Wettbewerbsvorsprung wollen wir mit der Ergänzung bestehender Produktfamilien und der Entwicklung neuer Konzepte für die Versorgung von Menschen mit Prothesen und Orthesen auch in der Zukunft verteidigen und ausbauen“, so Prof. Hans Georg Näder. 497 der insgesamt 7.383 Mitarbeiter sind bei Ottobock im Bereich Forschung und Entwicklung tätig.

Für das Geschäftsjahr 2020 hatte sich Ottobock eine erneute Erhöhung der Wachstumsdynamik vorgenommen, verbunden mit einem überproportionalen Anstieg des bereinigten operativen Gewinns vor Sondereffekten. „In den ersten Monaten waren wir voll auf Kurs, diese Ziele zu erreichen“, sagt Philipp Schulte-Noelle. Die Coronavirus-Pandemie hat die Patientenversorgung in den wesentlichen Absatzmärkten ab März jedoch deutlich eingeschränkt und temporär nahezu zum Erliegen gebracht.

Die exakten Auswirkungen auf die Umsatz- und Ergebnisentwicklung sind noch nicht abschätzbar. Sobald sich die Situation normalisiert und die Patientenversorgung wieder Fahrt aufnimmt, rechnet das Unternehmen mit positiven Nachholeffekten. Schulte-Noelle: „Ich bin davon überzeugt, dass wir gestärkt aus dieser Situation hervorgehen – dank der Robustheit unseres Geschäftsmodells sowie dem großartigen Einsatz unserer Mitarbeiter, Kunden und aller Stakeholder, für den ich mich bedanken möchte. Wir halten weiter an unserer mittelfristigen Planung 2022 fest und bereiten uns weltweit auf das Ende des jeweiligen Shutdowns vor.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder