„In der Opferhaltung finde ich keine Lösungsideen“

Braunschweig.  Mut zur Veränderung im Job will die Braunschweiger Beraterin Stephanie Vieler machen – aus eigener Erfahrung.

Vieler rät dazu, seinem Herzenswunsch zu folgen.

Vieler rät dazu, seinem Herzenswunsch zu folgen.

Foto: Alexander Heinl / picture alliance/dpa

Stephanie Vieler ist Coach für Persönlichkeitsentwicklung und berät dabei sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen. Ihr Ziel: Ihre Kunden sollen ihre Potenziale entfalten und leben können. Selbst hat sich die 48-Jährige 2018 mit der Braunschweiger Agentur „urWay“ selbstständig gemacht, zuvor arbeitete sie 25 Jahre lang in der Personal- und Organisationsentwicklung.

Was haben Sie in den vergangenen 25 Jahren falsch gemacht?

Eine Menge. Ich war vor allem darauf bedacht, anderen Menschen zu helfen, ihre Position im Leben zu finden, ob privat oder im Unternehmen. Aber bei mir selbst habe ich nicht so richtig geguckt. Die Konsequenz: Ich habe mich selbst nicht bewegt, meine Komfortzone erst spät verlassen. Ich hatte ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und danach, einen Beitrag zu leisten, hatte viele Ehrenämter. Dadurch habe ich erst sehr spät geschafft, aus eigener Kraft in meine Veränderung zu gehen. Jetzt in der Selbstständigkeit kann ich das leben, was mich wirklich ausmacht.

Wie haben Sie das bemerkt?

Ich habe gemerkt, dass ich versucht habe, die Organisationen oder Beziehungen, in denen ich mich befand, zu verändern. Erst dann wurde mir klar, dass ich fragen muss, was das Erlebte mit mir selbst zu tun hat. Ich habe festgestellt: Nur wenn ich mich selbst bewege, kann ich auch in anderen etwas bewegen.

Wer sollte sich besser selbstständig machen?

Es geht weniger darum, ob ich selbstständig oder angestellt bin. Wichtig ist, ob ich das, was ich tue, aus meinem Herzen vertrete oder nur tue, um zum Beispiel Geld zu verdienen, nicht alleine zu sein oder um anderen zu gefallen. Um echte, einschneidende Veränderungen zu schaffen, muss man sich davon frei machen, was andere denken.

Kann jeder solche Veränderungen schaffen?

Ja. Man muss sich aber bewusst werden, dass das, was wir im Außen erleben, immer etwas mit uns selbst zu tun hat. Wichtig ist auch eine Fokussierung, ich muss erst ein Vakuum schaffen. Man kann nicht alles behalten und gleichzeitig etwas Neues gestalten. Ein neuer Schrank zum Beispiel hat erst Platz, wenn wir uns von Omas altem, der uns zwar an sie erinnert, aber nie gefallen hat, trennen. Wer Neues will und an allem Alten festhält, ist irgendwann zugemüllt – so entstehen Überforderungen. Und glücklich macht das auch nicht.

Wir können jeden Tag entscheiden, worauf wir den Fokus legen, auf das Negative oder Positive. Der Großteil unserer Gedanken kommt aus dem Unterbewusstsein. Kreisläufe aus erlernten Gedanken können wir aber durchbrechen – allerdings nur, wenn wir wissen, dass Veränderungen im Außen nur aus uns selbst heraus möglich sind.

Was raten Sie jemandem, der in seinem Job unzufrieden ist?

Sich selbst zu reflektieren. Wir denken oft, dass Dinge so sein müssen, wie sie sind, egal ob angestellt oder selbstständig. Aber wir können jederzeit den Job wechseln, unserem Herzenswunsch folgen, leben, was in uns steckt. Voraussetzung dafür ist, vorsichtig zu sein, was wir uns selbst sagen. Wenn wir uns jeden Tag sagen, ich muss in dieses Büro, schaffen wir damit eigene Tatsachen, dann müssen wir wirklich hin. Ich habe früher auch gedacht, dass es keine andere Möglichkeit gibt als da, wo ich zu der Zeit stand.

Wie kommt jemand da raus?

Der erste Schritt ist das Bewusstsein: Was hat zum Beispiel die Kündigung mit mir zu tun? Wenn ich eine Opferhaltung einnehme und nur über den blöden Chef meckere, finde ich keine Ideen für eine Lösung. Wenn ich den Fokus darauf lege, was ich aus eigener Kraft erschaffen kann, finde ich Lösungen. Bei einer Kündigung kann ich einen Neuanfang starten und so tolle Erfahrungen machen.

Das Wichtigste ist, seinem Herzen zu folgen, nachzuspüren, worin ich gut bin. Auch ich habe das lange nicht gemacht, sondern geguckt, wo ich Wertschätzung bekomme oder Erfolg haben könnte. Menschen sollten machen, worauf sie wirklich Lust haben – und dann schauen, wie sie damit ihren Lebensunterhalt verdienen können. Da gibt es immer eine Möglichkeit. Viele tun sich schwer, nicht das zu machen, was sie gelernt oder studiert haben. Ich zum Beispiel habe meine Ausbildung zur Versicherungskauffrau meinen Eltern zuliebe durchgezogen, obwohl sie mir keinen Spaß machte. Danach habe ich BWL studiert, weil es dazu passte. Aber wirklich aufgeblüht bin ich nur bei Themen der Persönlichkeitsentwicklung. Als mein drittes Kind in die Schule kam, habe ich gemerkt, dass ich mich weiterentwickeln muss und unter anderem eine Ausbildung zum Coach gemacht. Das war mein Startpunkt.

Was hilft, wenn jemand unzufrieden mit seinem Chef ist, aber nicht gleich den Job wechseln will?

Viele nervt es, dass ihnen der Chef zum Beispiel noch etwas aufdrückt, obwohl sie schon so viel zu tun haben – sie geraten immer mehr unter Druck. Auch hier kann ich mich fragen: Was hat das mit mir zu tun? Was passiert eigentlich, wenn ich mal Nein sage? Ein anderes typisches Beispiel ist der Flurfunk. Wenn ich dabei nicht mehr mitmache, hören die Kollegen auf, sich bei mir zu beschweren. Wenn ich jemandem sage, sag das bitte demjenigen selbst, gebe ich die Initialzündung, dass sich das System anders verhalten kann. Eine Führungskraft wiederum kann aufhören, sich über ihre Mitarbeiter zu beschweren und stattdessen lösungsorientiert denken. Auch dahinter steht die Frage: Was hat das, was ich da erlebe, mit mir zu tun?

Ein drittes Beispiel sind Hierarchien. Systeme kranken oft daran, dass sich Führungskräfte nur Menschen an ihre Seite holen, die eine Klassifikation unter ihnen stehen. Der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs hat erkannt: Du wirst selbst nicht besser, wenn du nur loyale Mitarbeiter holst, die zu allem Ja und Amen sagen. Führungskräfte brauchen Menschen auf Augenhöhe, die Tipps zur Verbesserung haben, um selbst wachsen zu können.

Bei der nächsten „Impulsnacht“ sprechen Sie auch über Authentizität. Was hat das alles mit Glaubwürdigkeit zu tun?

Menschen können mich nur authentisch finden, wenn ich weiß, worüber ich spreche, nämlich aus Erfahrung und mit dem Herzen. Das hat auch damit zu tun, ob ich bereit bin, über mein Ego hinaus andere Menschen auf eine andere Stufe zu heben; Menschen wirklich an die Hand zu nehmen, aus sich heraus den nächsten Schritt zu machen. Das kann man nur mit einem positiven Blick auf die Menschen, dass sie alles können, was sie sich vorstellen können – nur dann ist man in der Lage, andere zu bewegen. Wenn man das glaubt, was man tut. Bei manchen Führungskräften weiß man nicht, ob sie es gut meinen oder nicht. Der strenge Lehrer kann trotzdem in der Reflektion der beste sein, wenn er es gut meint. Jemand, der mir zum Beispiel kein Feedback gibt oder mir nur nach dem Munde redet, kann der schlechtere sein – weil er es nicht ernst meint. Er macht das nur, damit er besser dasteht. Er sucht nur nach der Bestätigung durch den Mitarbeiter. Man merkt schnell, ob es darum geht, mich selbst auf die nächste Stufe zu heben oder darum, Menschen wachsen zu lassen – und dabei selbst ein Stück zu wachsen.

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