10.000 Euro für Forscher von PTB und Formhand

Braunschweig.  Den Technologietransferpreis der IHK Braunschweig teilen sich diesmal zwei Teams.

Der Jury-Vorsitzende Edgar Lins (hinten rechts) mit den Preisträgern (von links): Thomas Wiedenhöfer, Prof. Frank Härtig, Katharina Lehmann – mit einer der Siliziumkugeln –, Dr. Rudolf Meeß (alle von der PTB), Holger Kunz, Kirsten Büchler und Dr. Christian Löchte (alle von Formhand).

Der Jury-Vorsitzende Edgar Lins (hinten rechts) mit den Preisträgern (von links): Thomas Wiedenhöfer, Prof. Frank Härtig, Katharina Lehmann – mit einer der Siliziumkugeln –, Dr. Rudolf Meeß (alle von der PTB), Holger Kunz, Kirsten Büchler und Dr. Christian Löchte (alle von Formhand).

Foto: André Pause / IHK

Die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxis konnte früher einem Raketenstart gleichen, wie die Raumfahrt zeigt. Gerade einmal acht Jahre, nachdem US-Präsident John F. Kennedy das kühne Ziel ausgegeben hatte, flogen die Amerikaner vor 50 Jahren zum Mond. „Heute mangelt es nicht an kühnen Visionen – was uns fehlt, ist kühner Mut“, findet Prof. Joachim Block, Leiter des Braunschweiger Standorts des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR).

In seiner Festrede bei der Verleihung des Technologietransfer-Preises der IHK Braunschweig mahnte Block am Freitag eben diesen Mut für die aktuellen Herausforderungen wie Klimawandel, Elektromobilität oder Digitalisierung an. Aufgrund der heute viel strengeren Vorschriften und Kontrollen traue sich inzwischen keiner mehr etwas; niemand wolle die Verantwortung übernehmen und etwas riskieren. Der DLR-Standortleiter forderte deshalb weniger Bürokratie – und erntete bei der IHK langen Applaus.

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) will mit dem Preis ihren Teil beitragen, dass neue Entwicklungen wieder schneller den Weg in die Wirtschaft finden. Bereits zum 35. Mal verlieh die Kammer die Auszeichnung. In diesem Jahr war die Jury so beeindruckt von gleich zwei Anwärtern, dass sie sich nicht entscheiden konnte. Deshalb teilen sich die Auszeichnung in diesem Jahr zwei Teams: Wissenschaftler der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) haben dafür gesorgt, dass es heute weltweit ein Abbild des Nachfolgers des Ur-Kilogramms zu kaufen gibt. Und ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter der Technischen Universität (TU) Braunschweig gründeten mit einem „Allzweck-Greifer“ für Industrie-Roboter ein Unternehmen: Formhand.

Eine Kugel, die exakt ein Kilo wiegt

Der Preis ist insgesamt mit 10.000 Euro dotiert. Das PTB-Team wird von Prof. Frank Härtig, Katharina Lehrmann, Dr. Rudolf Meeß und Thomas Wiedenhöfer repräsentiert. Nachdem das Ur-Kilogramm von 1889 trotz der sorgfältigen Aufbewahrung in Paris einen Teil seiner Masse verloren hatte, wurde das Kilogramm im Mai dieses Jahres weltweit neu definiert: durch eine unveränderliche Naturkonstante, verkörpert über hochreine Siliziumkugeln. Die PTB trug nach eigenen Angaben entscheidend zur Neudefinition des Kilogramms bei, doch nicht nur das: Die IHK ehrte die Forscher dafür, dass sie ein Produktionsverfahren für die Kugeln für die Industrie entwickelten. Die Kugeln können zum Beispiel von Kalibrier-Laboratorien und Waagen-Herstellern genutzt werden. Dort dienen sie als Basis für die physikalische Einheit der Masse, man spricht von Masse-Normalen. Kostenpunkt: je nach Qualität zwischen 100.000 und einer Million Euro.

Schon früh habe die PTB mit Unternehmen zusammengearbeitet, lobte der Jury-Vorsitzende Edgar Lins. Dabei hätten die Wissenschaftler die Anpassung des Polier- und Schleifverfahrens für die Praxis im Auge gehabt. Ihre Partner sind zwei Mittelständler: Hauser aus Solms bei Gießen – spezialisiert auf die Herstellung hochpräziser Oberflächen – stellt solche hochpräzisen Kugeln nun her; Häfner Gewichte aus Oberrot bei Schwäbisch Hall vertreibt diese und hat Zubehör entwickelt, etwa für Transport und Reinigung. Wiedenhöfer von der PTB schwärmte von „ganz viel Herzblut“ und kurzen Entscheidungswegen bei den Familienunternehmen. Zuvor war laut seinem Kollegen Meeß nur die PTB in der Lage gewesen, die Kugeln herzustellen. Als das Projekt endete, habe dies jemand anderes übernehmen müssen, da das Forschungsinstitut dafür nicht zuständig sei.

Ein Greifer, der alles greifen kann

Anheben könnte die Kugel der Greifer des Braunschweiger Start-ups Formhand Automation. Entwickelt haben die Technik Dr. Christian Löchte und Holger Kunz, die inzwischen von Kirsten Büchler unterstützt werden. Der Clou: Der Greifer kann sich flexibel an die Objekte anpassen, die er fassen soll, ob Textilie, Kotflügel, oder Paket. Denn er besteht aus einem mit Granulat gefüllten Kissen, das sich durch Absaugen der Luft der jeweiligen Form anpasst – ähnlich wie wenn ein Staubsauger etwas ansaugt. Dadurch ist zum Beispiel in der Auto-Produktion nur noch ein Greifer für verschiedene Teile nötig statt bisher verschiedene Greifer. Hilfreich kann dies auch in der Logistik sein, wie Löchte erklärte.

Der Erfolg der Gründer sei nur mit der Hilfe von TU-Instituten möglich gewesen, sagte Jury-Chef Lins. IHK-Präsident Helmut Streiff betonte, junge Unternehmen gäben entscheidende Impulse für die Innovationsfähigkeit und die Innovationskraft.

Block vom DLR stellte fest, dass die Amerikaner ihr Ziel – innerhalb eines Jahrzehnts zum Mond zu fliegen – erreichten, sei ein Zeichen, dass man kann, „wenn man etwas wirklich will“. Für Bedenken habe man keine Zeit gehabt.

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