Klimaserie: Weniger Soja, mehr Ökostrom – so sparen Bauern CO2

Braunschweig.  Die Landwirtschaftskammer berät Betriebe zur eigenen Klimabilanz. Im Durchschnitt sparen sie 50 Tonnen Treibhausgase pro Jahr.

Ein Landwirt rollt auf einem Zuckerrüben-Feld einen Schlauch von einer Beregnungsanlage zusammen.

Ein Landwirt rollt auf einem Zuckerrüben-Feld einen Schlauch von einer Beregnungsanlage zusammen.

Foto: Philipp Schulze / dpa

Eigentlich muss ich jetzt auflegen, sagt Ansgar Lasar auf die Frage, wie gut die Klimabilanzen der Landwirtschaftskammer angenommen werden. „Es geht jetzt total ab.“ Lasar ist Klimabeauftragter der Kammer und hat in den vergangenen acht Jahren bei mehr als 400 landwirtschaftlichen Betrieben in Niedersachsen gemessen, wie viel CO2-Äquivalente sie produzieren und einsparen können. „Wenn der Landwirt unsere Maßnahmen erfolgreich umsetzen kann, spart er durchschnittlich 50 Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr ein“, erklärt der Berater. Das seien fünf bis zehn Prozent der Gesamtemissionen eines Hofes.

In CO2-Äquivalente werden der Vergleichbarkeit halber die Treibhausgase Lachgas und Methan umgerechnet. Sie sind in der Landwirtschaft Hauptverursacher klimaschädlicher Emissionen und sogar deutlich klimawirksamer als Kohlendioxid (CO2). Die Gase entstehen im Boden, bei der Verdauung von Tieren oder bei der Lagerung von Mist und Gülle. „Eine klimaneutrale Landwirtschaft ohne Treibhausgas-Emissionen gibt es nicht“, sagt Lasar. Er ist überzeugt: „Die Klimabilanzen sind ein großer Hebel, um klimaschonender zu produzieren.“

Cord-Georg Siebke ist einer der Landwirte, die diesen Hebel nutzen und erfahren wollen, welchen CO2-Fußabdruck sie hinterlassen. Der 60-Jährige führt einen Ackerbau-Betrieb in Heere im Landkreis Wolfenbüttel. Die Rinderhaltung hat seine Familie schon in den 1970er Jahren aufgegeben, weil sie zu unwirtschaftlich wurde. Heute erwarten den Hof-Besucher nur noch zwei majestätische Jagdhunde, eine Handvoll Zwerghühner, einige Pferde und ein Wildschwein – Rambo. Seine Frau Andruscha, die Tierärztin ist, hat es mit der Flasche aufgezogen. Siebkes Felder liegen direkt hinter seinem Hof, dort baut er auf 150 Hektar Zuckerrüben, Weizen und Raps an. „Mir war es wichtig zu wissen, wo ich stehe und ob es Potenziale zur Einsparung gibt“, sagt der Landwirt. Er möchte aber auch Argumente gegen Kritiker in der Hand haben. Denn die Landwirtschaft würde in der Öffentlichkeit mehr als Problem, denn als Lösung angesehen, beklagt Siebke. Dabei sei die Landwirtschaft der einzige Sektor, der CO2 auch binden könne.

Siebke hadert zum einen mit dem schlechten Image, dass die Landwirtschaft etwa durch die Krefeld-Studie zum Insektensterben bekommen hat – „da hinterfragt man sich als Landwirt natürlich“ – aber auch mit dem, was er „Zwangsökologisierung“ nennt. „Ich wirtschafte konventionell, bin davon überzeugt und stehe absolut dahinter“, sagt er. Er versucht so wenig Pflanzenschutzmittel und Stickstoffdünger wie möglich und so viel wie nötig einzusetzen. „Ich glaube, manchen Menschen ist gar nicht klar, dass vor dem mineralischen Dünger und dem Pflanzenschutz Hunger immer dazugehört hat.“

Mithilfe der Klimabilanz der Landwirtschaftskammer möchte er nun herausfinden, wie stark sich sein Verbrauch an Energie, Diesel und Betriebsmitteln auf seine produzierte Menge auswirkt. Siebke erzählt, dass er Jahr für Jahr einen schwankenden Energie- und Dieselverbrauch auf dem Hof hat. „Bei einem trockenen Jahr verbrauche ich weniger, weil ich weniger mechanische Bodenbearbeitung gegen Unkraut machen muss. Aber der Energieaufwand ist in trockenen Jahren höher, weil ich zum Beispiel beregnen muss“, erklärt der Wolfenbütteler.

Lohnt sich die Beregnung nicht nur für den Ertrag, sondern auch für das Klima? „Ich hoffe, der Ertragszuwachs ist weit höher als das, was ich zum Beispiel bei der Rübe als Energie für die Beregnung einsetze“, sagt Siebke. Eines vorweg: Die Klimabilanz des Hofs befindet sich noch in der Auswertung. Aber Lasar von der Landwirtschaftskammer erzählt, welche Stellschrauben es beispielsweise bei Ackerbau-Betrieben oft gibt.

Da sei zum einen der Mineraldünger. Klimabewusste Landwirte sollten laut Lasar welchen nehmen, der in der EU produziert werde, weil das Produkt dem CO2-Emissionshandel unterliege. Der sei meist zwar teurer als ein Dünger aus der Ukraine oder Russland, dafür aber auch besser in der Qualität. Beim Dieselverbrauch würden kleine Tricks helfen, etwa mit wenig Druck auf dem Reifen auf das Feld zu fahren, das spare Treibstoff. Einige wenige Landwirte rüsteten außerdem ihre Maschinen auf Bio-Diesel um. Das sei aber sehr teuer.

Lasar ist sicher, dass Verbrennungsmotoren auch bei Traktoren und Co. in Zukunft sowieso ein auslaufendes Modell sind. „Sonst reißen wir unser Klimaziel für 2050“, sagt er. „Nach augenblicklichem Stand werden sie mit synthetischem Sprit angetrieben.“ Beim Strom bewirke schon ein Wechsel zu einem Ökostrom-Anbieter viel bei der Klimabilanz. Es gebe inzwischen Landwirte, die dafür Einkaufsgemeinschaften bildeten, denn sie könnten bei ihrem hohen Energieverbrauch nicht so einfach wie Privatkunden ihren Stromanbieter wechseln. „Es braucht alles seine Zeit, aber es gerät in Bewegung“, sagt Lasar.

Viele Klimaberatungen führt Lasar in Milchviehbetrieben durch. Dort mindert nach seinen Angaben etwa enorm die Wahl des Futtermittels die CO2-Bilanz. Verzichte ein Landwirt auf Soja oder verfüttere nur noch zertifiziertes Soja, für das kein Regenwald gerodet worden sei, habe er einen dreimal niedrigeren CO2-Faktor, müsse allerdings auch mehr für das Futter bezahlen. „Der Markt sollte so etwas honorieren“, sagt Lasar.

Dann würden für Landwirte Anreize geschafft, klimafreundlicher zu wirtschaften. Er selbst sagt zu den Klimaschutzberatungen: „Wir lassen die Kirche im Dorf. Wir gucken, was möglich ist und wollen nicht die Rindfleisch-Ernährung abschaffen.“ Die CO2-Bedeutung von organischen Böden, die einst mal Moore oder Feuchtgebiete waren, ist außerdem noch nicht als Kriterium mit in der Klimabilanz enthalten. „Die sind eine wichtige, große Emissionsquelle. Aber es gibt dazu noch keine wissenschaftlich gesicherten Empfehlungen“, erklärt Lasar.

Christian Rehmer, Leiter Agrarpolitik beim BUND, bewertet die Klimabilanzen positiv. Er warnt allerdings: „Beratungsangebote dürfen nicht dazu führen, dass politisches Handeln ausbleibt“. Die landwirtschaftlichen Klimaschutzmaßnahmen, die die Bundesregierung im Klimapaket festgelegt hat, reichten jedenfalls bei weitem noch nicht aus. „Alles ist in Ansätzen drin, aber viel zu unambitioniert.“ Auch Lasar sagt, dass die Klimabilanzen alleine nicht genügten, um die Klimaziele zu erreichen.

Sowieso sei gesagt, dass der Klimaschutz nur ein Aspekt der nachhaltigen Landwirtschaft ist: Andere sind zum Beispiel Tierwohl, Artenvielfalt oder soziale Nachhaltigkeit. Außerdem muss auch Klimaschutz Grenzen haben: Wenn ein Huhn fast nur noch aus Brustfleisch besteht, ist das eine effiziente und klimaschonende Züchtung. Der Tierschutz kommt dabei aber zu kurz. Lasar sagt: „Der Klimaschutz ist nur ein – im Augenblick hoch gehandelter – Indikator der Nachhaltigkeit. Er darf auf keinen Fall der einzige sein.“

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