„E-Autos sind absolutes Feigenblatt“

Frankfurt  Bevor VW-Chef Herbert Diess auf der IAA den elektrischen neuen ID.3 vorstellt, trifft er auf die Klimaaktivistin Tina Velo. Zwei Welten prallen dabei aufeinander – friedlich.

Foto: Lennart Stock/dpa

VW-Konzernchef Herbert Diess ist offenbar keiner, der Auseinandersetzungen scheut. Er folgt Einladungen in TV-Talkshows – zuletzt schlagzeilenträchtig bei Markus Lanz, jetzt folgte er einer Einladung der linken Tageszeitung „Taz“ zum Streitgespräch mit einer Klimaaktivistin. Dass diese der Einladung folgte ist vielleicht sogar überraschender: Ein Gespräch mit dem Verband der Automobilindustrie (VDA) im Vorfeld der IAA hatte die Politikwissenschaftlerin abgelehnt, mit Diess wollte die Aktivistin, die unter dem Pseudonym Tina Velo auftritt, jedoch sprechen. Velo ist Sprecherin des Aktionsbündnis „Sand im Getriebe“, das am Wochenende die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt blockieren will, eine Demonstration sowie eine Fahrradsternfahrt plant.

Die 33-Jährige wollte nach eigenen Angaben die Elektrifizierungsstrategie des Konzerns im Gespräch mit Diess „demaskieren“. Volkswagen sei der größte Autobauer der Welt, verantworte ein Prozent der globalen Treibhausgasemissionen, der Umschwung auf E-Mobilität sei jedoch ein „absolutes Feigenblatt“. Velo macht das etwa an dem durchschnittlichen Flottengrenzwert fest – 95 Gramm CO2-Ausstoß je Kilometer –, den jeder europäische Autobauer bis 2021 erreichen muss. „Für jedes Elektroauto können Sie einen fetten SUV mit doppeltem Grenzwertverbrauch verkaufen“, hält die Aktivistin dem VW-Chef vor. „Mich macht das wütend, das ist absolutes Greenwashing“, sagte Velo.

Diess antwortet zunächst mit einem Satz, der in Variationen noch öfter in diesem einstündigen Gespräch fallen wird: „Da muss ich Ihnen vehement widersprechen.“ Oder auch: „Da tun Sie uns Unrecht.“ Der VW-Chef argumentierte, dass die CO2-Flottenvorgaben nach 2021 „dramatisch“ weiter nach unten gehen. „Bis 2030 brauchen wir 40 bis 50 Prozent E-Fahrzeuge, um das Flottenziel zu erreichen.“ Auf die kritische Nachfrage des „Taz“-Redakteurs und Moderators Malte Kreutzfeldt, ob VW angesichts einer Vervierfachung der SUV-Produktion in den vergangenen zehn Jahren wirklich die richtige Modellpolitik fahre, bekräftigte Diess: „Um Gewinne zu machen, ja.“ Und diese Gewinne brauche VW für Zukunftsinvestitionen.

Während Velo gegen den motorisierten Individualverkehr argumentierte und dem VW-Chef wiederholt unterstellte, er wolle Autos verkaufen und sei nicht an einer Mobilitätswende interessiert, vertrat Diess die Position, dass sich Wirtschaftswachstum und Nachhaltigkeit nicht ausschließen würden. Er gab allerdings zu, dass noch einige Technologien entwickelt werden müssten und verwies auch auf andere energieintensive „Sektoren“. Es müsse beispielsweise möglich sein, mit regenerativen Energien zu fliegen.

In der Diskussion mit Velo gestand der VW-Chef außerdem zu, dass Autos vor allem in Städten zu viel Platz wegnehmen würden. „Meiner Einschätzung nach werden Städte in Zukunft aber deutlich lebenswerter, weil es weniger Emissionen geben wird, mehr Pool-Fahrzeuge und besseren öffentlichen Nahverkehr“, sagte er. Diess gab Velo außerdem Recht, das Thema Elektro-Busse für den Nahverkehr sowie Elektro-Lieferwagen verschlafen zu haben. Der VW-Chef fand offenbar im Gegenzug aber auch die erstmals so aufwendig geplanten Protestaktionen auf der IAA etwas verspätet: „Ich war schon etwas überrascht, als ich davon hörte. Ich dachte, die kommen viel zu spät“, sagte er. Jetzt sei die Branche ja im Wandel.

Beide sahen schließlich auch die Politik in der Pflicht. Diess forderte etwa eine Förderung der E-Mobilität, während Velo das politische Interesse anprangerte, das Privileg des Autos aufrechtzuerhalten, vor allem vom „Autoverkaufsministerium“ – Diess konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dafür, dass hier zwei Welten aufeinander trafen – eine Autokritikerin auf den Vorstandschef des größten Autobauers der Welt – ging es bei dem Streitgespräch friedlich zu. Diess schlug vor, sich in einem Jahr erneut zu treffen. Demaskiert wurde er nicht. Aber die wunden Punkte und Interessenkonflikte der Autoindustrie und von VW konnte Velo offenlegen.

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