Bankenverbandschef: „Zahl der Banken wird weiter sinken“

Berlin.  Der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, Andreas Krautscheid, warnt im Interview vor den Folgen der Niedrigzins-Politik der EZB.

Verzichtet zunehmend auf Bargeld: Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken.

Verzichtet zunehmend auf Bargeld: Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken.

Foto: Reto Klar / Reto Klar / Funke Foto Service

Deutschlands Privatbanken streichen Tausende Stellen, Digitalkonzerne krempeln die Branche um. Im Interview spricht Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, über das Filialsterben, Konkurrenz durch Apple und Facebook sowie Strafzinsen für Sparer.

Herr Krautscheid, bezahlen Sie noch mit Bargeld?

Andreas Krautscheid: Ja, das auch immer wieder gern und auch bewusst. Ich finde gut, dass das in Deutschland noch geht. Jedoch wächst auch bei mir der Anteil von Zahlungen mit Karte oder auf digitalem Wege. Die Bequemlichkeit siegt immer öfter, gerade wegen so praktischer Dinge wie der kontaktlosen Kartenzahlung.

Wann wird die Mehrheit mit Plastikgeld bezahlen?

Krautscheid:Wir Deutschen sind immer noch Bargeld-Liebhaber. Von uns aus kann das auch so bleiben, wir orientieren uns da an unseren Kunden, auch wenn Bargeld für den Handel und die Banken hohe Kosten verursacht. Im vergangenen Jahr wurde zum ersten Mal in Summe mehr mit der Karte bezahlt als mit Bargeld. Das kontaktlose Bezahlen ist auch da ein „Game Changer“ – es ist sehr bequem für die Kunden und auch gut für die Händler, weil es unter anderem die Schlange an der Kasse kürzer macht.

Auch die Dienste der Banken werden seltener nachgefragt. In den vergangenen zehn Jahren hat jede vierte Filiale geschlossen. Wie viele werden noch folgen?

Krautscheid: Die Angebote der Banken werden stark, aber in anderer Form als früher nachgefragt. Über 50 Prozent der einfacheren Bankgeschäfte wie Überweisungen werden doch heute schon online gemacht. Vor allem jüngere Altersgruppen sind fast nur noch online unterwegs. Bei manchen Banken kommt ein Kunde im Schnitt nur noch einmal im Jahr in die Filiale. Aber es wäre falsch zu glauben, dass der Faktor Mensch in der digitalen Bankenwelt weniger wichtig wird. Wir stellen in unseren Umfragen immer wieder fest – manche Themen wie Baufinanzierung oder Altersvorsorge bespricht man lieber mit einem Menschen.

Was ist der Grund für das Filialsterben?

Krautscheid: Wir folgen da unseren Kunden. Eine Bank würde ja nie eine Filiale schließen, die permanent brechend voll ist. Die Filialen entwickeln sich immer mehr zu Räumen, wo man sich für persönliche Beratung trifft. Keiner braucht wie vor 20 Jahren einen riesigen Schalterraum mit vielen Kassen. Unsere Angebote verschieben sich mit den Kundenbedürfnissen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung für die Zukunft ein?

Krautscheid: Drei Dinge verändern die Bankenlandschaft massiv: der andauernde Niedrigzins, überbordende Regulierung und vor allem die Digitalisierung. Banken müssen sich folglich sehr gut überlegen, in welchem Segment sie noch Geld verdienen können. Die Geschäftsmodelle differenzieren sich aus in sehr einfache, voll digitalisierte Angebote und solche, die eher beratungsaufwendig sind. Die Universalbank, die alles für alle bietet, wird es seltener geben, aber wenn sie sich erfolgreich am Markt durchsetzt, wird es sie geben. Die Digitalisierung bringt neuen Wettbewerb nicht nur durch Fintechs und andere Start-ups: Konzerne wie Google, Facebook und Apple werden zu Konkurrenten von einer ganz anderen Seite. Sie beherrschen den Umgang mit riesigen Datenmengen. Da gelten völlig andere Spielregeln. Die Banken müssen und wollen da mitmischen, sie werden sich diesem Wettbewerb stellen. Banken verfügen über große Mengen an Daten. Wer bei der Digitalisierung nicht gut aufgestellt ist, der wird verlieren.

Werden Fintechs, Finanz-Start-ups, eine wichtige Rolle bei Verbrauchern einnehmen?

Krautscheid: Die Annahme, Fintechs würden Banken überflüssig machen, ist nicht eingetreten. Hier stehen die Zeichen eher auf Kooperation. Unsere stärkste Konkurrenz auf dem Feld sind heute die großen Tech-Konzerne. Wer entscheidet – neben den Kunden selbst –, welches Angebot einer Bank auf dem Smartphone beim Verbraucher ankommt und ein Erfolg wird? Apple oder Google über ihre App-Stores. Die sind keine Banker, sie haben keine Marktanteile im Bankensektor. Aber sie sind eine Macht in der digitalen Welt.

Facebook plant die weltumspannende Digitalwährung Libra. Ist das eine Gefahr für unser Geldsystem?

Krautscheid: Die Idee von Libra – und es ist zunächst einmal eine Idee – hat nicht nur im Finanzsektor eingeschlagen wie ein Meteorit. Ob Libra zu einer Art globaler Währung in privater Hand wird – wie von Bundesfinanzminister Olaf Scholz kritisiert – oder eine Gefahr für das Geldsystem darstellen könnte, lässt sich noch nicht absehen. Klar ist, wenn Libra auf den sozialen Plattformen angenommen wird, dürfte sie im internationalen Geldsystem allein wegen der schieren Zahl von derzeit 2,4 Milliarden aktiven Facebook-Nutzern eine wichtige Rolle spielen.

Was wären Ihre Forderungen für eine solche Währung?

Krautscheid: Aus unserer Sicht ist Libra keine klassische Währung und kann es auch nicht sein. Währungen sind bislang das Privileg souveräner Staaten. Wenn man eine „Währung“ in privater Hand zulassen will, dann muss das gut kontrolliert und reguliert sein. Libra müsste die weltweit höchsten regulatorischen Standards erfüllen und einer sorgfältigen Aufsicht und Kontrolle unterliegen. Zudem spielt Prävention gegen Cyberangriffe eine riesige Rolle. Jede Bank wird täglich angegriffen. Ob sich das Geschäft mit Libra noch lohnt, wenn man all diese Punkte berücksichtigt, das wird man sehen. Beim Bitcoin sehen wir heute, dass die Gefahr von Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung enorm ist. Die Banken betreiben mit einem großen Aufwand die gesetzlich vorgeschriebene Geldwäscheprävention. Das muss bei Libra erst recht passieren.

Die deutschen Banken spielen immer seltener in der internationalen Liga mit. Welches sind die Gründe?

Krautscheid: Vor allem die großen US-Banken verdienen auf ihrem Heimatmarkt viel Geld. Wir in Deutschland haben so viele Banken wie nirgends sonst in Europa; also harte Konkurrenz mit niedrigen Preisen. Zudem belastet der Niedrigzins alle Banken. Der Strafzins von 0,4 Prozent, den die Banken bei der EZB für das Parken von Geldeinlagen bezahlen müssen, kostet allein die deutschen Banken pro Jahr zusammen 2,3 Milliarden Euro. Das macht uns große Sorgen. Die Banken müssen also massiv ihre Kosten senken, Filialen schließen und fusionieren. So wird die Zahl der Banken weiter sinken. In einer Marktwirtschaft ist aber auch normal, dass Unternehmen aus dem Markt ausscheiden. Wobei wir in Europa den Vorteil haben, dass Kunden auch bei der Insolvenz einer Bank ihre Spareinlagen nicht verlieren, sondern die einheitliche gesetzliche Absicherung von 100.000 Euro bekommen. In Deutschland sind Kunden noch weitergehender geschützt: Denn für unsere privaten Banken bietet der Einlagensicherungsfonds des Bankenverbandes einen noch viel höheren Schutz, er hat seine Verpflichtungen gegenüber unseren Kunden immer erfüllt.

Die Niedrigzinspolitik lässt Sparer verzweifeln. Was erwarten Sie von der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde?

Krautscheid: Die EZB muss endlich umfassender die Wirkung und die Folgen ihrer Geldpolitik prüfen. Dazu müssten auch die Kollateralschäden der Niedrigzinspolitik mehr wahrgenommen werden – also in Deutschland die steigenden Immobilienpreise oder die Probleme für die Altersvorsorge. Denn die private Vorsorge und Versicherungen geraten immer mehr in Bedrängnis. Klar ist doch, dass negative Zinsen kein Dauerzustand sein dürfen.

Die EZB könnte den Einlagezins für Banken von derzeit minus 0,4 Prozent demnächst noch weiter senken. Droht Verbrauchern dann der „Strafzins für alle“?

Krautscheid: Zunächst: Das muss natürlich jede Bank selbst entscheiden. Und: Die Möglichkeiten, die zusätzlichen Belastungen über Entgelte und Zinsen weiterzugeben, sind begrenzt. Aber der Druck steigt weiter, sie auszuschöpfen. Es könnte sein, dass viele Banken auf Dauer nicht mehr umhinkönnen, die zusätzlichen Belastungen auch in der Breite an Privatkunden weiterzugeben.

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