Die Müllabfuhr der Körperzellen

Braunschweig  Fasten aktiviert einen Mechanismus zum Abbau alter Zell-Bestandteile. Mit „Entschlackung“ hat diese Autophagie aber nichts zu tun.

Fasten bedeutet Verzicht. Dadurch werden zwar keine Gifte aus dem Körper geleitet, der Hunger kann aber durchaus positive Gesundheitseffekte haben.

Fasten bedeutet Verzicht. Dadurch werden zwar keine Gifte aus dem Körper geleitet, der Hunger kann aber durchaus positive Gesundheitseffekte haben.

Foto:  Kai Remmers/dpa, Johannes Kaufmann (1)

Unser Leser Dirk Volkmann aus Königslutter fragt:

Wie oft und wie lange darf ich fasten?

Die Antwort recherchierte Johannes Kaufmann

Eine Woche – so lange sei Fasten auch ohne ärztliche Begleitung problemlos möglich, sagt Professor Kinan Rifai, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Städtischen Klinikum Wolfenbüttel. Der Ernährungsmediziner mahnt aber zur Vorsicht: „Schwangere und chronisch Kranke sollten vorher auf jeden Fall mit ihrem Arzt sprechen.“

Darüber hinaus rät Rifai, während des Fastens auf regelmäßige, moderate Bewegung zu achten. Denn durch das Fasten wechselt der Körper in den sogenannten katabolen Stoffwechsel. „Der Körper holt sich die Nährstoffe, die er braucht, nicht nur aus dem Fettgewebe, sondern auch aus den Muskeln“, erklärt Professor Rifai. Durch Bewegung lasse sich der Muskelabbau begrenzen.

Es gebe Hinweise darauf, dass Fasten bei Rheuma, Bluthochdruck und Typ-2-Diabetes positive Effekte haben kann, erläutert der Mediziner. „Darüber hinaus kann das Hochgefühl über die erfolgreiche Selbstdisziplinierung motivieren, bewusster zu essen und seinen Lebensstil zu ändern.“

Denn um abzunehmen, sei dies unverzichtbar. „Fasten allein ist zum Abnehmen nicht geeignet“, stellt Rifai klar. Als ein mögliches Risiko nennt der Arzt Magersucht. Außerdem kann der katabole Stoffwechsel die Ausscheidung von Harnstoff hemmen, was wiederum zu Harnsteinen oder Gichtanfällen führen kann.

Sogenanntes Heilfasten wird häufig mit Begriffen wie Entgiften, Entschlacken, Ausleiten oder Detox verbunden. Unzählige Produkte von Tees über Pflaster, Smoothies, Fußbäder oder Cremes bis zum Shampoo versprechen, den Körper von den schädlichen Einflüssen des modernen Lebensstils zu reinigen, indem sie angesammelte „Schadstoffe“ aus dem Körper ausleiten. Um welche Stoffe genau es geht, bleibt offen. Manche Produkte sollen sogar „Elektrosmog“ ausleiten.

Dass sich im Körper irgendwelche „Schlacken“ ansammeln, die sich durch Poren in der Haut oder mittels wundersamer Zusatzstoffe in Tees oder Smoothies aus dem Darm spülen ließen, ist ein Prozess, den man in einem Medizin-Lehrbuch vergebens sucht.

„Es gibt keine Schlacken im Körper“, sagt Professor Rifai. „Der Darm ist ständig in Bewegung, in ihm können sich keine Giftstoffe aus der Nahrung ansammeln. Er reinigt sich selbst.“

Natürlich nimmt der Mensch nicht zuletzt durch die Nahrung unentwegt Giftstoffe auf. Doch dafür gibt es im Körper ein eigenes Entgiftungssystem: den Stoffwechsel. Die Leber reguliert Zucker, Protein- und Fetthaushalt. Sie filtert Alkohol aus dem Blut und baut ihn über Zwischenschritte zu Essigsäure um. Am Ende der Kette steht ausgeatmetes Kohlendioxid. Das beim Aufspalten von Aminosäuren freiwerdende toxische Ammonium wandeln Leber und Nieren in Harnstoff um, der den Körper über den Urin verlässt.

Es ist auch bekannt, dass Ablagerungen mancher Stoffwechselprodukte Krankheiten verursachen können. Einen Zusammenhang gibt es bei Cholesterin und Kalk mit Arteriosklerose, bei Harnsäure-Salzen mit Gicht und bei falsch gefalteten Proteinen mit neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer.

Normalerweise werden alte Proteine und Reste von Zellorganellen von einer zelleigenen Müllabfuhr abgebaut. „Solche Reste werden von einem Vesikel, einem sogenannten Autophagosom, umschlossen“, erklärt Professor Ingo Schmitz. Der Leiter der Arbeitsgruppe „Systemorientierte Immunologie und Entzündungsforschung“ am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig untersucht den Prozess der Autophagie (griechisch für „Selbstfressen“). „Das Autophagosom verschmilzt anschließend mit einem Lysosom, das Enzyme für den Abbau der umschlossenen Fracht enthält. Dadurch werden zum Beispiel Aminosäuren und Fettsäuren gewonnen, die von der Zelle als Baumaterial für neue Proteine verwendet werden können.“

Kann Hungern

das Leben verlängern?

Dieser Recycling-Prozess läuft ständig ab. Es hat sich aber gezeigt, dass er angeregt werden kann: „Hungern ist ein Stimulus. Wenn nicht ausreichend neue Nährstoffe durch Nahrung zugeführt werden, aktiviert die Zelle die Autophagie, um Nährstoffe zu recyceln“, sagt Schmitz. Ähnlich sei es auch beim Sport, wenn der Körper schnell neue Energie und Nährstoffe benötige. Energiemangel, ob durch geringere Zufuhr oder höheren Verbrauch, kann also die Autophagie befeuern.

Für die Entdeckung der Autophagie wurde der japanische Biologe Yoshinori Ohsumi im vergangenen Jahr mit dem Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ausgezeichnet. Das Thema boomt derzeit in der Forschung. Der Grazer Biochemiker Frank Madeo erzeugte zuletzt große mediale Aufmerksamkeit mit seinem Konzept des Intervallfastens zur Anregung der Autophagie. Er empfiehlt, täglich mindestens 14 Stunden zu fasten. In der restlichen Zeit dürfe dann ruhig so viel gegessen werden wie sonst über den ganzen Tag.

Tatsächlich legen einige Studien bei Menschen, die extrem alt geworden sind, einen Zusammenhang mit Hungerphasen in deren Biografie nahe. 2009 gaben Forscher Mäusen die Substanz Rapamycin, die einen Enzymkomplex blockiert, der ein reiches Nährstoffangebot in Zellen erkennt. Der Stoffwechsel schaltete auf Hungermodus. Die Folge: Die Lebensdauer der Mäuse verlängerte sich um bis zu ein Viertel. Hungern für ein langes Leben?

Für eine solche Feststellung ist es wohl noch zu früh. Auch Ingo Schmitz hält es zwar für möglich, dass Hungern das Leben verlängern kann, schränkt aber ein: „Der Prozess ist noch nicht in allen seinen Aspekten verstanden.“

Außerdem sei die Autophagie keinesfalls immer hilfreich. „Durch die Bekämpfung von Sauerstoffradikalen in den Zellen beugt der Prozess Entartungen vor. Handelt es sich aber bereits um eine Tumorzelle, dann hilft ihr Autophagie bei Wachstum und Überleben“, sagt Schmitz. In Tumoren wäre es somit eher hilfreich, wenn sich die Autophagie abschalten ließe.

Auch bei Infektionskrankheiten, Schmitz‘ eigentlichem Forschungsgebiet, ist die Autophagie ein zweischneidiges Schwert. „Manche Viren wie Hepatitis C verstecken sich in Autophagosomen und nutzen sie, um sich zu vermehren“, berichtet der Biochemiker. Andere Erreger wie Salmonellen und manche Staphylokokken hingegen können durch Autophagie abgebaut werden.

Fasten gegen Krankheit und für ein langes Leben? Ganz so einfach ist es offenbar nicht.

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