Cherson

Eine Stadt im Widerstand gegen die russischen Besatzer

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Von Russland besetzt: So sieht es jetzt in Cherson aus

Von Russland besetzt- So sieht es jetzt in Cherson aus

Cherson im Süden der Ukraine ist nach wie vor die einzige Großstadt, die die russischen Truppen erobert haben. Im Rahmen einer vom Kreml organisierten Pressereise konnten Journalisten nun die Stadt besuchen. Zuletzt hatte es hier Proteste gegen die russischen Soldaten gegeben.

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Cherson.  Zu Beginn des Ukraine-Kriegs fiel Cherson in die Hände Russlands. Doch die Bewohner geben den Kampf um ihre Freiheit weiter nicht auf.

Die Bilder der Menschen, die für das russische Besatzungsregime arbeiten, landen immer wieder in den Briefkästen der verbliebenen Einwohner von Cherson. Nachts werden sie an Wände geklebt. „Du wirst der Nächste sein“, steht auf manchen. Auf anderen: „Verräter werden nicht überleben.“ Die Kollaborateure von Cherson haben Namen und Gesichter und sie leben gefährlich in der ukrainischen Regionalhauptstadt, die im März von den russischen Invasoren eingenommen wurde.

Im Süden der Ukraine zeigt sich für Russland, wie schwierig es ist, ein Besatzungsregime in einer zutiefst feindlich gesinnten Umgebung aufrechtzuerhalten. Für die Ukraine ist Cherson zu einem Symbol der Hoffnung geworden, weil hier in den vergangenen Wochen kleinere militärische Erfolge erzielt werden konnten. Die Botschaft ist: Der übermächtige Feind ist verwundbar.

In Cherson lebten vor dem Beginn des russischen Überfalls etwa 300.000 Menschen. In den ersten Kriegstagen fiel die Stadt nahezu kampflos an die russischen Truppen, die über die Fernstraße M17 von der seit 2014 besetzten Halbinsel Krim aus in die Region vorstoßen konnten, weil die militärische Führung der Ukraine katastrophale Fehler machte.

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In der Ukraine heißt es auch, Verrat könne Ursache für den raschen Fall der Stadt gewesen sein. Die Antoniwka-Brücke als das entscheidende Nadelöhr in die Stadt hinein war nicht rechtzeitig gesprengt worden. Der spontan organisierte Widerstand einiger Einwohner der Stadt brach rasch zusammen.

Protestkundgebungen von Bürgern wurden mit Tränengas und scharfer Munition auseinandergetrieben. Viele Menschen wurden an der Flucht aus der Stadt gehindert. Ein strategischer Fehler der Besatzer. Manche derjenigen, die in Cherson bleiben mussten, sind jetzt im Widerstand aktiv, der in den vergangenen Wochen immer wieder in der gesamten Region zugeschlagen hat.

Das prominenteste Opfer könnte der von den Besatzern installierte Defacto-Gouverneur der Region sein. Volodymyr Saldo liegt mit schweren Vergiftungserscheinungen in einem Moskauer Krankenhaus, in das er am 5. August eingeliefert wurde. Der 66-jährige gebürtige Ukrainer ist das Feindbild schlechthin für diejenigen, die gegen die russische Besatzung kämpfen.

Saldo war zwischen 2002 und 2012 Bürgermeister von Cherson und saß bis 2014 für die Partei des im Zuge der Maidan-Proteste gestürzten prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch im ukrainischen Parlament. Kurz nach der Besetzung Chersons wurde er von den Russen als Leiter der Militärverwaltung installiert. Bereits am 20. März war einer seiner Assistenten bei einem Angriff getötet worden.

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Russen: Folter und Hinrichtungen an der Tagesordnung

Wie organisiert der Widerstand ist und ob tatsächlich ukrainische Partisanen oder der ukrainische Geheimdienst SBU hinter den feindlichen Linien operieren, lässt sich nicht genau sagen.

Jedoch finden sich sowohl auf pro-ukrainischen wie auch pro-russischen Telegram-Kanälen immer wieder Berichte über Anschläge auf Menschen, die sich den Besatzern ob aus ideologischen oder opportunistischen Gründen angedient haben.

Die ständigen Angriffe und die öffentliche Markierung von Kollaborateuren zeigen Wirkung. „Die Leute, die auf Russland gesetzt haben, haben angefangen, das ernst zu nehmen“, sagt Gustav Gressel, Militärexperte der Berliner Denkfabrik „European Council on Foreign Relations“.

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Die Folge: Es melden sich weniger Menschen, die für die Besatzer arbeiten wollen. Präsident Wladimir Putin muss die ausgedünnten Stellen in den Verwaltungen mit eigenen Kräften füllen, häufig sind dies Kräfte des russischen Geheimdienstes FSB.

Zugleich versuchen die Besatzer, die Russifizierung der Region voranzutreiben. In den Schulen werden russische Lehrpläne eingeführt, Zahlungsmittel ist der Rubel, Steuer- und Rechtssysteme werden angepasst. Um den Widerstand zu brechen, gehen die Besatzer brachial vor. Razzien, Festnahmen, Folter und außergerichtliche Hinrichtungen sind an der Tagesordnung.

Am 12. August wird die Leiche eines Mannes im Fluss Dnipro gefunden, sie weist Folterspuren auf. Wenige Tage zuvor gab der Fluss die Leichen zweier Aktivisten frei.

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Ukraine: Das Internet funktioniert nur noch selten

„Vor ein paar Tagen haben die Russen mein Haus durchsucht und alles auf den Kopf gestellt“, berichtet Petr Zenenko. Zenenko ist ein Geschäftsmann aus Cherson. In den vergangenen Monaten hatte unsere Redaktion immer wieder Kontakt mit ihm, er hatte uns unter einem Pseudonym erzählt, was in Cherson vorgeht. Jetzt hat er es geschafft, aus der Stadt herauszukommen. „Ich hatte auf meine Frau gehört und alle ukrainische Nationalsymbole in meinem Garten vergraben. Zum Glück haben sie nichts gefunden.“

Zenenko sagt, die Besatzer versuchten, das öffentliche Leben in Cherson zu regeln. „Aber niemand nimmt sie ernst.“ Das Internet funktioniere nur noch selten, weil die Okkupationskräfte es herunterdrosselten, damit sich niemand informiere. „Das Leben in Cherson ist dunkel. Es ist schlimmer als in den neunziger Jahren.“

Militärisch ein größeres Problem als die Attacken auf Kollaborateure oder Sabotageaktionen ist für die Besatzer, dass ukrainische Kräfte hinter den feindlichen Linien offenbar militärische Ziele ausspionieren und so präzise Artillerieschläge auf russische Kommandoposten, Waffenlager und Mannschaftsquartiere möglich machen. Außerdem mussten die russischen Streitkräfte bereits Truppen aus dem Osten in den Süden verlegen.

Ukraine erobert Siedlungen bei Cherson zurück

„Schon vor dem Überfall hat sich das ukrainische Militär auf einen Guerilla-Krieg vorbereitet und ist von britischen und US-Spezialkräften entsprechend trainiert worden“, sagt Militärexperte Gressel.

Das ukrainische Militär lerne jetzt, die Schwächen und Fehler der Russen auszunutzen und erziele vereinzelt Erfolge. So sollen in den vergangenen Wochen über 50 kleinere Siedlungen nordwestlich von Cherson zurückerobert worden seien.

Für die von der ukrainischen Führung angekündigten Großoffensive scheinen jedoch noch die nötige Feuerkraft und gepanzerten Fahrzeuge zu fehlen.

„Die Russen verstärken täglich ihre Stellungen. Diese eingegrabenen Stellungen müssen überwunden und offenes Gelände durchquert werden. Die dafür nötigen Panzer und Schützenpanzer haben die Ukrainer nicht“, so Gressel.

Die Artillerieangriffe scheinen jedoch Wirkung zu erzielen. Laut ukrainischen Medienberichten haben russische Kommandeure ihre Kommandoposten am rechten Ufer des Dnipro bei Cherson verlassen und sich auf die andere Seite des Flusses zurückgezogen. Zudem sind nun alle strategisch wichtigen Brücken in der Region zumindest schwer beschädigt worden, was den russischen Nachschub enorm erschwert und dazu führen könnte, dass bis zu 12.000 russische Soldaten eingekesselt werden.

Auch die Anatovski-Brücke ist von schweren Treffern gezeichnet. „Wenn ich es schaffe, mit Menschen in Cherson zu sprechen, dann sagen sie, dass jede Explosion auf der Brücke wie eine Brise frische Luft ist“, sagt Petr Zenenko, der Geschäftsmann, der aus seiner Heimatstadt geflohen ist.

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Dieser Text erschien zuerst auf morgenpost.de.