Kommentar

Smartphones: Wir brauchen ein Recht auf ein analoges Leben

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Post zu spät: Das können Verbraucher tun

Post zu spät- Das können Verbraucher tun

Immer wieder kommt es zu Beschwerden, dass Verbraucher ihre Briefe zu spät erhalten. Das kann man tun.

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Berlin.  Überall wird digitalisiert. Immer mehr Analoges wird abgeschafft wie der Briefmarkenautomat. Doch müssen dabei alle Bürger mitmachen?

Zu behaupten, alle Menschen in Deutschland hätten ein Smartphone und wären damit in der Lage, alles Mögliche digital zu erledigen – das stimmt einfach nicht. Auch wenn die Fakten zur digitalen Abdeckung in Deutschland ein anderes Bild erzählen: Die Anzahl der Smartphone-Nutzer beläuft sich auf 62,6 Millionen – bei etwa 80 Millionen Einwohnern sind das so ziemlich alle über 14. Denn 2021 besaßen rund 94,2 Prozent der 14- bis 19-jährigen Personen in Deutschland ein Smartphone oder Handy. Unter den 20- bis 29-Jährigen waren es 95,5 Prozent, bei den 30- bis 39-Jährigen 96 Prozent.

Also, fast jeder hat eines. Doch jetzt anzunehmen, dass deshalb auch jeder und jede es benutzen muss, ist ein Trugschluss, oder? Leider nein.

Smartphone: Der unverzichtbarer Begleiter des Alltags

Denn inzwischen sind so viele Dinge nur digital zu erledigen, sodass das Smartphone unverzichtbarer Begleiter unseres Alltags geworden ist. Ein paar Beispiele: Wenn die Post Ende des Jahres ihr Telegramm abschafft, dann ist das eine Folge der SMS, von Whatsapp und anderen Messengerdienste. Auch die Abschaffung der Telefonzellen war eine Folge des Handys. Beim Arzt weigert sich die Sprechstundenhilfe, Termine zu vereinbaren. Stattdessen müsse man auf das Online-Termin-Portal gehen.

Am Flughafen soll man beim Automaten einchecken, nicht nur sich, auch das Gepäck – um elende Warteschlangen zu umgehen. Einige Banken haben keine Filialen mehr, ihr Service ist nur noch telefonisch – wenn überhaupt. Per Photo-Tans, PINs und Apps lassen sich Bankgeschäfte nun digital am Smartphone erledigen. Und jetzt auch die Briefmarkenautomaten: Die werden nach und nach aussortiert, verkündete gerade eine Deutsche-Post-Sprecherin in der „Rheinischen Post“. Es gäbe kaum noch Ersatzteile für die Automaten. Der Kunde soll sich die Briefmarken künftig per App herunterladen. Und, und, und.

Zurück zur Ausgangsfrage: Muss jeder Bürger ein Smartphone oder zumindest einen internetfähigen Rechner haben und diesen auch benutzen?

Digitalisierung: Sollte es nicht auch ein Recht auf ein analoges Leben geben?

Meine Freundin sagt: Nein. Das könne niemand verlangen. Und sie formulierte letztens völlig erschöpft – nachdem sie alle wirtschaftlich notwendigen Apps wie DHL, Bank, Corona-App, Deutsche Bahn auf ihrem neuen Smartphone installiert hatte – folgenden revolutionären Gedanken: Es muss ein Recht auf ein analoges Leben geben! Hat sie recht?

Ganz ehrlich, immer wenn wir mal einen Tag lang Digital Detox (also mal 24 Stunden nicht online gehen) ausgehalten haben, fühlen wir uns doch auf ganz erhabene Art mächtig, bei uns und gereinigt. Andere wiederum sind stark überfordert mit den QR-Codes, zahllosen Passwörtern, gespeicherten Tickets, mit Erstattungsgesuchen per App, mit Roboterstimmen in der Hotline. Meine Freundin hat also bei allen lebensverändernden Vorteilen der Digitalisierung einen Punkt.

Der Bürger hat kaum eine freie Wahl

Kann eine Gesellschaft von jedem Einzelnen verlangen, dass er digitalisiert ist? Bislang lautet die Antwort: Kann sie nicht, denn bisher gibt es auch keine Pflicht, ein internetfähiges Gerät in sein Leben zu integrieren. Im Umkehrschluss müsste doch ein analoges Leben noch möglich sein, oder? Der Bürger müsste die freie Wahl haben – zwischen der Briefmarken-App und dem Briefmarkenautomaten oder dem Gang ins Geschäft und zum echten Menschen.

Leider hat er die Wahl kaum noch. Dieser digitale Determinismus kann aber nicht unsere gesellschaftliche Antwort auf jeglichen Spar- und Rationalisierungsprozess sein. Auch wenn 95 Prozent der Bürger durch ihre Smartphones in der Lage wären, digitale Bürger zu sein. Noch müssen sie es nicht.