Kommentar

Vaterschaftsurlaub: Warum der Begriff irreführend ist

Ein Mann schiebt vor dem Café „Kaffeebeere“ in der Fußgängerzone von Esens einen Kinderwagen. In dem Café sollen seit einigen Tagen keine Kinder mehr unter zehn Jahren in den Innenbereich gehen dürfen. Grund dafür seien aber nicht die Kinder selbst, sondern Eltern, die sich nicht um sie kümmerten.

Ein Mann schiebt vor dem Café „Kaffeebeere“ in der Fußgängerzone von Esens einen Kinderwagen. In dem Café sollen seit einigen Tagen keine Kinder mehr unter zehn Jahren in den Innenbereich gehen dürfen. Grund dafür seien aber nicht die Kinder selbst, sondern Eltern, die sich nicht um sie kümmerten.

Foto: Lars Klemmer / dpa

Berlin  Wer sich um ein Baby kümmert, weiß, dass das kein "Urlaub" ist. Auch wie wir über die Aufgaben von Vätern sprechen, muss sich ändern.

Dass wir Mütter und Väter unterschiedlich bewerten, zeigt unsere Sprache. Wir kennen Rabenmütter, keine Rabenväter. Wir sprechen über "Mutterinstinkt", aber wenig über den "Vaterinstinkt". "Berufstätige Mütter" sind in der politischen Diskussion allgegenwärtig, die Situation "berufstätiger Väter" wurde vergleichsweise wenig debattiert.

Umso besser, dass nun ein Gesetz arbeitende Väter unterstützen will: Ab 2024 sollen Väter nach der Geburt zwei Wochen vom Beruf freigestellt werden. Bisher mussten Väter Elternzeit nehmen oder Urlaub, um für ihre Partnerinnen und das Neugeborene da zu sein.

Das richtige Gesetz wird unter einem irreführenden Namen diskutiert: "Vaterschaftsurlaub". Wer sich 24 Stunden am Tag um ein Neugeborenes kümmert, weiß, dass das mit "Urlaub" wenig zu tun hat.

Wenn wir es klingen lassen, als sei für Väter eine nette Auszeit, gehen wir nicht davon aus, dass eine gleichberechtigte Elternschaft das übliche Familienmodell ist. Väter, die viermal nachts aufstehen und Kita-Plätze organisieren, fühlen sich völlig zurecht von Politik und Gesellschaft oft nicht ernst genommen.

"Vaterschaftsurlaub": Politik muss begreifen, dass auch für Männer Fürsorge Alltag ist

Reden wir über engagierte Väter, müssen wir auch darüber sprechen, dass sie aktuell noch immer den kleineren Teil der Elternzeit nehmen. Andere Länder tun mehr für die gleiche Verteilung der Kindererziehung als Deutschland mit seinen zwei Partnermonaten. In Spanien gibt es eine lange bezahlte Freistellung, die verfällt, nimmt der Vater sie nicht. In Norwegen sind von 49 vollbezahlten Wochen Elternzeit 15 für den Vater reserviert. Es geht also nicht um "Urlaub". Es geht um die Selbstverständlichkeit von Politik und Wirtschaft, dass auch für Männer Fürsorge für Kinder Alltag ist.

Das Scholz-Update

Dieser Artikel erschien zuerst bei morgenpost.de.