Preiskrise

So hart treffen Inflation und Energiekrise die Bevölkerung

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EZB reagiert mit historischer Leitzinserhöhung auf anhaltend hohe Inflation

EZB reagiert mit historischer Leitzinserhöhung auf anhaltend hohe Inflation

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat mit einer historischen Leitzinserhöhung auf die anhaltend hohe Inflation reagiert. Der EZB-Rat beschloss eine Erhöhung der drei Leitzinssätze um jeweils 0,75 Prozent - die stärkste Erhöhung seit Einführung des Euros.

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Berlin.  Die finanziellen Folgen der hohen Preise reichen bis tief in die Bevölkerung hinein. Das zeigt eine neue Umfrage für diese Redaktion.

Die finanziellen Folgen der Inflation und der massiv gestiegenen Energiepreise reichen inzwischen bis tief in die Gesellschaft hinein. Ein Drittel der Bevölkerung befürchtet, bereits in diesem Jahr Rechnungen nicht mehr bezahlen zu können. In einer exklusiven Umfrage des Forschungsinstituts Civey für unsere Redaktion bejahten 33 Prozent der Teilnehmer die Frage: „Machen Sie sich aufgrund der steigenden Energiepreise Sorgen, dass Sie in den nächsten 3 Monaten Ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können?“ 58 Prozent verneinten dies.

Besonders groß ist diese Sorge unter jungen Menschen: Knapp die Hälfte (49 Prozent) der 18- bis 29-Jährigen sind wegen der kommenden Rechnungen beunruhigt. Am gelassensten ist der Umfrage zufolge die Gruppe der Über-65-Jährigen: Unter ihnen befürchtet ein Viertel, dass sie ihre Zahlungen nicht mehr leisten können. Sorgen machen sich vor allem Anhänger AfD und der Linken: 61 Prozent der AfD-Wähler und 54 Prozent der Linken-Wähler machen sich Gedanken darüber, ob sie ihre Rechnungen in den kommenden drei Monaten noch zahlen können.

Energieversorger erhöhen die Abschlagszahlungen

Sowohl die AfD als auch die Linke rufen im Zusammenhang mit den starken Preissteigerungen zu Protesten auf. Unter den Anhängern der anderen Parteien herrscht bisher deutlich mehr Gelassenheit: Ein Drittel der Wähler von CDU und CSU (33 Prozent), 28 Prozent der SPD-Anhänger, 20 Prozent der Grünen-Wähler und nur 17 Prozent der Befragten, die ihre Stimme der FDP geben wollen, sind aktuell wegen der kommenden Rechnungen besorgt. Lesen Sie auch: Bürgergeld: Das Bundeskabinett beschließt das Ende von Hartz IV

In diesen Tagen erhalten viele Menschen Post von ihren Energieversorgern, in denen eine deutliche Erhöhung der Abschlagszahlungen angekündigt wird. Aber auch die Preise für Nahrungsmittel sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Die Inflationsrate in Deutschland lag im August nach ersten Schätzungen des Statistischen Bundesamts bei 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Energie ist demnach mehr als 35 Prozent teurer als vor einem Jahr, die Preise für Nahrungsmittel stiegen um fast 17 Prozent.

Hohe Preise: Zwei Drittel haben am Monatsende weniger Geld zur Verfügung

Zwei Drittel der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (67 Prozent) gaben in der Umfrage für unsere Redaktion an, dass sie im Vergleich zum letzten Jahr am Ende des Monats weniger Geld zur Verfügung haben. Gut ein Fünftel (22 Prozent) verfügt am Monatsende in etwa über eine gleiche Summe, neun Prozent haben nach ihren Angaben mehr Geld über als vor einem Jahr. Unter den 18- bis 29-Jährigen gaben sogar 78 Prozent an, weniger Geld zur Verfügung zu haben. In der Altersgruppe haben neun Prozent etwa gleichviel und zwölf Prozent mehr Geld als vor einem Jahr. Lesen Sie auch: Geplante Strompreisbremse: Diese Fragen sind noch zu klären

Leicht unterdurchschnittlich stark betroffen sind der Umfrage zufolge die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen sowie die Menschen ab 65 Jahren aufwärts. Unter den Befragten im Alter von 30 bis 39 Jahren sagten 59 Prozent, dass sie am Monatsende weniger Geld über haben als vor einem Jahr, 22 Prozent haben in etwa gleichviel und 17 Prozent mehr. Von den Befragten ab 65 Jahren haben 62 Prozent weniger und 30 Prozent gleichviel. Allerdings gaben in dieser Altersgruppe nur sechs Prozent an, am Monatsende mehr Geld übrig zu haben als vor einem Jahr.

Der Gaspreis treibt den Strompreis in die Höhe

Vor allem der Preis für Gas ist infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine stark gestiegen. Als Reaktion auf den Überfall verhängten Deutschland und andere Staaten Wirtschaftssanktionen gegen Russland. Die Regierung von Präsident reagierte darauf mit einem Stopp der Gaslieferungen nach Deutschland, wodurch der Marktpreis für den Rohstoff in die Höhe schoss. Aufgrund des Aufbaus des europäischen Strommarktes steigt mit dem Gaspreis auch der Strompreis. Lesen Sie auch: Inflation und Gaskrise - das sind die Ängste der Deutschen

Die Politik beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Wenn sich die Abschlagszahlungen für Strom und Gas plötzlich vervielfachen, stellt das nicht nur Haushalte mit kleinen Einkommen vor gewaltige Herausforderungen“, sagte der Vizechef der SPD-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch, unserer Zeitung. „Familien bis weit in die Mitte unserer Gesellschaft leiden unter den steigenden Energiepreisen.“

Inflation dürfte im kommenden Jahr hoch bleiben

Experten rechnen damit, dass die Preissteigerungen sich auch im kommenden Jahr auf einem hohen Niveau fortsetzen. Befürchtet werden aufgrund der Entwicklung neben einer finanziellen Überforderung vieler Haushalte auch gesellschaftliche Spannungen und drastische Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Denn einerseits leiden auch viele Unternehmen unter den hohen Preisen für Energie, andererseits wird ein Einbruch des Konsums befürchtet.

Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (53 Prozent) beurteilt die allgemeine Wirtschaftslage derzeit als ungünstig, größere Anschaffungen zu tätigen. Im September des vergangenen Jahres war nur ein Viertel der Bürgerinnen und Bürger dieser Ansicht, seitdem stieg die Skepsis den Civey-Daten zufolge stetig an.

Drittes Entlastungspaket: Energiepreispauschale, Bürgergeld, Wohngeld

Um die Bevölkerung von den hohen Preissteigerungen zu entlasten, hatte das Regierungsbündnis aus SPD, FDP und Grünen Anfang September ein drittes Entlastungspaket mit einem Umfang von etwa 65 Milliarden Euro beschlossen. Es sieht etwa die Zahlung einer Energiepreispauschale im Dezember in Höhe von 300 Euro für Rentnerinnen und Rentner, eine Einmalzahlungen für Studenten in Höhe von 200 Euro, die Ausweitung des Anspruchs auf Wohngeld oder die am Mittwoch vom Bundeskabinett beschlossene Einführung des neuen Bürgergelds zum 1. Januar vor. Lesen Sie auch: Warum die Mieten in Zukunft noch schneller steigen könnten

Geplant ist zudem eine Strompreisbremse: Sie soll allen Privathaushalten, aber auch kleinen und mittleren Unternehmen für einen Basisverbrauch „Strom zu einem vergünstigten Preis“ garantieren. Finanziert werden soll dies über eine sogenannte Übergewinnsteuer, mit der Krisengewinne wegen der hohen Strompreise bei Energieunternehmen abgeschöpft werden sollen. „Indem wir einen Energiegrundbedarf bezahlbar halten, nehmen wir vielen Menschen die Sorgen vor explodierenden Preisen“, erläuterte SPD-Fraktionsvize Miersch die Idee.

Strompreisbremse trifft auf Zustimmung in der Bevölkerung

Diesen Plan befürwortet die Mehrheit der Bevölkerung. In der Civey-Umfrage sagten 61 Prozent der Befragten, dass sie die Strompreisbremse für eine geeignete Maßnahme im Kampf gegen steigende Strompreise halten. 27 Prozent sind gegenteiliger Meinung, zwölf Prozent der Befragten sind unentschieden. Lesen Sie auch: Stadtwerke-Verbandschef schlägt Alarm: So teuer wird Gas

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider, beurteilt die Entlastungsbeschlüsse kritisch. Wenn ein Drittel der Bevölkerung Angst davor habe, in den nächsten Monaten die Energierechnungen nicht mehr zahlen zu können, auf der anderen Seite aber die ganz überwiegende Mehrheit ein solche Angst eher nicht habe, zeige das zweierlei: „Der Staat muss noch in diesem Herbst weitere ganz konkrete Hilfen anbieten und darf nicht auf Maßnahmen verweisen, die erst im nächsten Jahr greifen, um den Ängsten der Menschen zu begegnen.

Zweitens müssten die Hilfen „direkt sein, zielgenau und tatsächlich wirkungsvoll auf untere Einkommensgruppen abzielen“, sagte Schneider. „Jegliche Gießkannenpolitik ist hier schon aus finanziellen Gründen fehl am Platze. Dies gilt auch für einen teuren Energiepreisdeckel.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.